Nis-Momme Stockmann und Les Trucs: Der sich langsam WIRKLICH etwas seltsam entwickelnde Kongress der Thanatologen (2013) (NDR Kultur)

Professor Sebersdorsch-Malzhausen und der Tod

04.11.2020 •

In der Schriftsprache stellt üblicherweise der Bindestrich den Übergang zwischen zwei Bestandteilen eines Doppelnamens dar. Die gesprochene Sprache hat hier kein Äquivalent parat. Oder? Der Autor Nis-Momme Stockmann und das Musik- und Performance-Duo Les Trucs (Charlotte Simon/Toben Piel) liefern in ihrem Hörspiel nebenbei die Erkenntnis, dass manche Doppelnamen eben doch über eine hörbare Verbindung verfügen. Die Figur im Zentrum ihres 90-minütigen Stücks, der in Eigenregie entstandenen NDR-Produktion „Der sich langsam WIRKLICH etwas seltsam entwickelnde Kongress der Thanatologen (2013)“, heißt Professor Sebersdorsch-Malzhausen. Und egal, wie sehr man sich auch anstrengt: Man bekommt schon nach einmaligem Hören dieses Namens das „Schmalz“ beim besten Willen nicht mehr aus den Ohren heraus.

Das Stück mit dem ausufernden Sendetitel ist in erster Linie eine Satire auf das Akademikertum, das am Beispiel der Thanatologie abgehandelt wird. Dieses Forschungsgebiet gibt es tatsächlich. Zu Beginn des Hörspiels erklingt eine kurze Definition: „Thanatologie bezeichnet die Wissenschaft vom Tod, vom Sterben und der Bestattung. Sie ist ein interdisziplinäres Arbeitsgebiet von Philosophie, Ethnologie, Psychologie, Soziologie, Geschichtswissenschaft, Archäologie, Biologie, Medizin, Pflegewissenschaft…“ – eine Begriffserläuterung, die soweit wohl auch zutreffend ist.

Dennoch dürfte die Lücke, die zwischen der real existierenden Thanatologie und ihrer im Hörspiel anzutreffenden Darstellung klafft, beachtlich sein. Denn sie wird zum einen von Stockmann und Les Trucs weniger als „interdisziplinäres Arbeitsgebiet“, sondern vielmehr als in sich geschlossenes institutionalisiertes System einer spezialisierten Fachrichtung vorgestellt. Und zum anderen sind die komischen Übertreibungen einfach massenweise zu finden. Man trifft eine bunte Schar nicht an Charakteren, sondern eher Karikaturen, wobei jeweils mehrere Rollen mit verstellten Stimmen von den Sprechern (Moritz Grove, Leon Ullrich, Joy Maria Bai, Franziska Machens, Anne Tismer, Herbert Fritsch, Sebastian Löffler) und den drei Autoren gespielt werden. Es ist also keine wilde Vermutung, zu behaupten, dass der titelgebende 2013 veranstaltete Kongress in der dargestellten Form in Wirklichkeit natürlich nie stattgefunden hat.

Worum geht es in dem Hörspiel? Auch wenn der Kongress zum 125-jährigen Bestehen der fiktiven ‘Gesellschaft für Thanatologie’ die Kulisse bildet, vor der sich alles abspielt, sind Vorträge über Bestattungsrituale oder Trauermusik nur ausschnittsweise und am Rand zu vernehmen. Das Herzstück der Geschichte ist eine Persiflage auf das, was man aus Agatha Christies Krimis als „Locked-Room Mystery“ kennt. Die Thanatologie-Koryphäe Sebers­dorsch-Malzhausen wird während ihres von den Kongressteilnehmern langersehnten Auftritts auf offener Bühne erschossen und niemand kann den Saal verlassen, weil der Hausmeister die Türen nicht entriegelt bekommt. Daraufhin übernimmt der Schriftführer der Gilde der Trauerviolinisten, der sich den Anwesenden als Archibald Bartholdy Leopold Freiherr von Wargina vorstellt, die Rolle des in Hercule-Poirot-Manier auftretenden Meisterdetektivs. Er stellt sich aus den Anwesenden ein Team aus Ermittlern (beziehungsweise Verdächtigen) zusammen und widmet sich mit ihnen der Aufklärung des Falls.

In der Zwischenzeit gelangt der vermeintlich tote Sebersdorsch-Malzhausen wieder zu Sinnen und findet sich im „Afterlife“ wieder, wo ihn die Maschinenelfe Walter begrüßt und quer durch die Raumzeit vor die Füße der soundtechnisch pompös und furchterregend inszenierten Fresserin wirft, bei der es sich um ein mystisches Ein-Personen-Totengericht handelt. Vor ihr muss der Professor alle Sünden beichten und anschließend sein Herz auf die Waage legen. Wiegt es mehr als eine Feder, droht ihm ein ewiges Gefressenwerden.

Die beiden Handlungsstränge fließen zusammen, indem sich Detektiv von Wargina als der Performance-Künstler Henri Lombardi zu erkennen gibt und einen Vorhang öffnet, um den Blick auf das sich in einem Nebenraum abspielende vermeintliche „Afterlife“ des tatsächlich unter Drogen gesetzten Professors freizugeben. Den Tränen nahe gesteht Sebersdorsch-Malzhausen der Fresserin, seine Karriere auf einem Plagiat aufgebaut und den bestohlenen Kollegen Bronck-Fratzberg im Ruf ruiniert zu haben.

Zu der geschilderten Hauptkonstruktion des Stücks mit all dem seltsamen Geschehen kommt noch eine Kommentarebene in Form von Gesprächsfetzen hinzu: Nach dem eigentlichen Kongress ist in Fragmenten zu hören, wie sich das langsam verstreuende Publikum unterhält und dabei die Schlüssigkeit der dargestellten Kunstaktion und damit der Konstruktion des Hörspiels bewertet. Als nicht unerheblicher Beitrag zu dieser doch erstaunlich gehaltvollen Hörspielkost müssen auch die fünf Songs gelten, die die Struktur des Stücks auflockern. Bei aller Lockerheit gilt aber: Diese Arbeit ist mehr als nur ein großer Spaß; sie versucht mit den Mitteln der Komik eine ernsthafte Beschäftigung mit dem weithin verdrängten Thema Tod herbeizuführen.

04.11.2020 – Rafik Will/MK

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