Nick Hornby: Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst. 10‑teilige Hörspielserie (SRF 2 Kultur)

Hervorragend fürs Radio umgesetzt

19.07.2021 •

Der britische Schriftsteller Nick Hornby hat im deutschsprachigen Raum einen hohen Bekanntheitsgrad, er gilt als „Kultautor“. Seine Romane „High Fidelity“ oder „About a Boy“ zum Beispiel wurden nicht nur ins Deutsche übersetzt, sondern sogar verfilmt.

Aber Hornby ist neben seiner Tätigkeit als Urheber erzählender Literatur auch Autor von Drehbüchern. 2019 entstand für den US-Sender Sundance TV seine Serie „State of the Union“, die vom Ehepaar Tom und Louise handelt, das sich in einer Paartherapie um das Fortbestehen der gemeinsamen Beziehung bemüht. Gezeigt werden in den zehn Folgen dieser in London produzierten Komödie (Regie: Stephen Frears) die wöchentlichen ‘Sitzungen’ von Tom und Louise im Pub, zu denen sie sich treffen, bevor es zur Therapeutin aufgeht, die ihre Praxis auf der anderen Straßenseite hat. (Die Serie findet sich seit Februar 2021 im Angebot der ARD-Mediathek.) Die witzigen Dialoge lassen sich auch in einem Buch zur Serie nachlesen, das als deutschsprachige Ausgabe unter dem Titel „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ vergangenes Jahr in der Übersetzung von Ingo Herzke erschienen ist.

Und zuguterletzt ist aus der Geschichte von Tom und Louise nun auch eine Hörspielserie geworden. Das Schweizer Radio und Fernsehen (SRF) hat seine zehnteilige Produktion ebenfalls „Keiner hat gesagt, dass du ausziehen sollst“ benannt und dabei auf eine textgetreue Bearbeitung der Vorlage gesetzt. Auf eine Anpassung der Präsentationsform an das Medium Radio wurde allerdings ebenfalls viel Wert gelegt. Die jeweils rund 13 Minuten langen Folgen der Staffel wurden am 3. Juni in einem Rutsch als Podcast veröffentlicht – online first also –, bevor am 7. Juni die werktägliche Ausstrahlung der einzelnen Episoden im Nachmittagsprogramm des Radiosenders SRF 2 Kultur startete.

Vom Ressourceneinsatz her betrachtet geht die Hörfunkadaption ökonomisch sparsam mit ihren Mitteln um. Fabian Krüger leiht dem arbeitslosen Rockmusik-Kritiker Tom seine Stimme. Annika Meier spielt die Rolle der Gerontologin Louise. William Cohn ist als Erzähler der dritte beteiligte Darsteller. Er spricht außer den spärlich gesäten Dialogeilen anderer Figuren die Erzählparts, die vom Stil an Regieanweisungen erinnern und den Figuren nie ‘in die Köpfe schauen’ oder ähnliches.

Um die Erzählerfunktion Cohns zu plausibilisieren, bedient sich die Funkfassung eines Kunstgriffs. Cohn bekommt die Rolle des Autors zugewiesen. So entsteht die hörspieleigene Rahmenhandlung vom Schriftsteller, der am Schreibtisch die Geschichte von Tom und Louise in die Tasten hämmert. Akustisch umgesetzt wird diese Rahmung durch das Geräusch einer in Benutzung befindlichen Computertastatur und durch den Sprechstil Cohns, der klingt, als würde er laut vorlesen, was er gerade schreibt.

Seine komischen Momente bezieht das Hörspiel vor allem aus den schlagfertigen Dialogen zwischen den beiden altersmäßig sich in den Vierzigern befindlichen Protagonisten Tom und Louise. Sie sparen nicht an verunglückten Metaphern, deren Ungereimtheiten vom jeweils anderen Dialogpartner gnadenlos dekonstruiert werden – egal ob es um Louises Vergleich der gemeinsamen Ehe mit Disziplinen der Leichtathletik geht oder um Toms Vergleich seiner Hoden mit „antiken Globen“.

Auch weiß Nick Hornby Situationskomik zu erzeugen. Vor der ersten Sitzung bei der Therapeutin etwa, als den beiden Eheleuten angesichts der bevorstehenden Analyse etwas mulmig ist, sagt Louise: „Ich will nicht davor wegrennen.“ Tom antwortet mit einem „Natürlich nicht“, nur um kurze Zeit später, als Louise nach dem gemeinsamen Verlassen des Pubs an der Praxistür klingelt, wie von der Tarantel gestochen davonzurennen. Die Therapeutin bekommt man in der Geschichte übrigens nie zu hören.

Etwas altbacken mutet vielleicht die Grundkonstellation des Hörspiels an: Ein heterosexuelles Paar mit zwei gemeinsamen Kindern will versuchen, die Ehe zu retten, nachdem die Frau fremdgegangen ist. Diese Konstellation arbeitet Hornby in einem recht konservativen Sinn noch weiter aus, wenn er Louise als so schuld- wie reuevolle Gattin vorstellt, die eigentlich nur will, dass ihr Mann seinen ‘ehelichen Pflichten’ nachkommt. Über Sex wird im Hörspiel zwar recht offen gesprochen, dafür sind aber die Rollenbilder wie aus dem letzten Jahrhundert.

Etwas befremdlich wirkt im Übrigen die Produktplatzierung der Biermarke „London Pride“ in dem Hörspiel. Sie findet nicht nur bei Toms Getränkebestellungen im Pub stets Erwähnung (in der TV-Serie und im Buch ist es ebenso), sondern sie wird auch in der Absage jeder Episode des Hörspiels noch einmal prominent genannt.

Radioaffin und zur Story (genauer: zum Beruf von Tom) passend ist es, dass Regisseurin Susanne Janson jede Folge der Serie mit einem Song aus dem Bereich Postpunk/Indierock von britischen Musikern und Bands ausklingen lässt. Die meisten Bands bzw. Musiker sind wie Dodgy, Echobelly, Kathryn Williams oder The Pigeon Detectives zeitlich in den 1990er und 2000er Jahren anzusiedeln; am weitesten zurück in der Pop-Geschichte geht es mit The Cure und ihrem Hit „Boys Don’t Cry“ (1979). Für die auf allen Ebenen hervorragend umgesetzte Textvorlage gibt es jedenfalls eine eindeutige Hörempfehlung – auch für Leute, die sich die Fernsehserie ansehen oder angesehen haben. (Das Hörspiel ist im Internet-Angebot vom SRF weiterhin abrufbar.)

19.07.2021 – Rafik Will/MK

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