Nele Stuhler: Keine Ahnung (Deutschlandfunk Kultur)

Kompetenzanmutungskompetenz

09.09.2020 •

Entscheidungen aufgrund unzureichender Daten, mangelnden Wissens, eingeschliffener Vorurteile oder epistemologischer Unwägbarkeiten zu treffen, ist ebenso alltäglich wie unbefriedigend. Obwohl es möglich ist, sich mit wenigen Klicks das Wissen der Welt anzueignen, ist der Normalzustand, von den meisten Dingen keine Ahnung zu haben. Trotzdem gilt es in der Regel, die Fiktion aufrechtzuerhalten, kompetent und orientiert durchs Leben zu gehen, kurz: einigermaßen Bescheid zu wissen.

In Nele Stuhlers Hörspiel „Keine Ahnung“, ihrem dritten nach „FUX gewinnt 4/3“ (2017) und „Mauerschau“ (2018; alle drei Deutschlandfunk Kultur), lavieren sich Sandra und Kassandra (Sarah Gailer und Paula Thielecke) – die Unwissende und die Allwissende – durch die Welt der Diskurse. „‘Vorlesungen über das Nicht-Wissen’ heißt dieses Unternehmen, oder ‘Nonepistemische Vorlesungen’, also epistemunlogische Vorlesungen sozusagen“ – mit diesem Satz hilft die Erzählerin den beiden Protagonistinnen erst einmal auf die Sprünge, nachdem die sich gegenseitig versichert hatten, dass sie gar nicht wüssten, wie man so ein Hörspiel überhaupt anfangen solle.

Natürlich weiß Nele Stuhler, die auch Regie geführt hat und die Erzählerin spricht, das sehr gut. Ein bisschen Metaebene kommt zum Beispiel immer gut, zum Beispiel indem man kurz aus der Rolle fällt oder indem man dem Toningenieur Andreas (Stoffels) Anweisungen gibt. Ein paar Prunkzitate – hier aus den Frankfurter Poetik-Vorlesungen von Christa Wolf –, gehören selbstverständlich auch zur Kompetenzanmutungskompetenz. Außerdem dürfen popkulturelle Referenzen als Hipness-Nachweis auf keinen Fall fehlen. Und Musik gehört natürlich ebenfalls dazu (Akkordeon und Gesang: Laura Eggert).

Hinzu kommt, dass der „wütende Wunsch, alles zu wissen“ und das auch zu demonstrieren, eine Fallhöhe erzeugt, die eine Voraussetzung für das Komische ist. Und das Komische kommt in Nele Stuhlers Stück auf vielen Ebenen vor: strukturell als Parodie einer dreiteiligen Vorlesungsreihe über die Ahnungslosigkeit in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft („1. Keine Ahnung vor mir, 2. Keine Ahnung mit mir, 3. Keine Ahnung um mich rum und auch in Zukunft“), satirisch in der Überzeichnung der Figuren und als Witz in Form von metafiktionalen Aperçus am Rande, die im Manuskript als Fußnoten notiert sind.

Als dritte Stimme neben Sandra und Kassandra taucht die eines elektronischen Museumsguides auf (Sophie Rois). Als Figuration von wissensbasierter Autorität emanzipiert sich der Guide bald von seinen Algorithmen und wird zur Figur, die mit Sandra und Kassandra interagiert. Den Duktus zwischen Gouvernante und Märchentante beherrscht kaum jemand so gut wie Sophie Rois, die kurz die Geschichte der Welt von der Entstehung der Erde bis zur Ausbildung der Zivilisation in der steinzeitlichen Urhorde erklärt. Natürlich dürfen da aktuelle feministische Gendertopoi nicht fehlen: „Im frühen Paläolithikum waren Männer und Frauen noch genau gleich. Sie unterschieden sich äußerlich ausschließlich in der bevorzugten Farbe ihres Bärenfells“, sagt der Museumsguide, der sich als „neutrale, körperlose und allwissende Stimme“ definiert und noch einen draufsetzt: „Ich bin Kassandra ihre Mutter.“

Das Wissen über die Vergangenheit ist begrenzt und wird je nach Interpretationsrahmen variiert. Das Wissen über die Gegenwart ist durch eine überfordernde Überfülle an Informationen gekennzeichnet. Das wirkt sich nicht nur beim Wechsel eines Stromanbieters aus, sondern vor allem bei der Selbstdefinition und Identitätsausbildung. Über die Zukunft hingegen weiß man noch gar nichts – außer um die eigene Sterblichkeit. Deshalb
probiert es Nele Stuhler mit einem „agnosischem Manifest“. Kernanliegen dieses Manifests ist es, dass alle immer sagen müssen, wenn sie etwas nicht wissen, und dann gleich auch alle anderen sagen müssen, dass sie es auch nicht wissen, aber Vermutungen haben. So verabschiedet man sich von Geltungsansprüchen. Weil man/frau aber nicht so genau weiß, was ein Man-i-fest ist, wird daraus in gegenderter Form ein „Frau-i-weich“ oder für die des Lateinischen Kundigen ein Ped-i-weich“ oder „Fuß-i-weich“.

Was weiß man nach den 56 Minuten des Hörspiels? Man weiß, dass Nele Stuhler (Jg. 1989, Studium der Angewandten Theaterwissenschaften in Gießen) es versteht, temporeiche und gewitzte Dialoge zu schreiben und für das Radio zu inszenieren. Man hat eine Ahnung davon bekommen, wie man mit einem so grundlegenden Begriff wie „Wissen“ umgehen kann, ohne sich in ontologischen Definitionsversuchen zu verzetteln. Und man weiß, wie so etwas humorvoll gelingen kann. Seit den Hörspielen von René Pollesch und Albrecht Kunze, die ihre Stücke übrigens auch nur mit weiblichen Stimmen inszeniert haben, war die Diskurs­dramatik nicht mehr so unterhaltsam.

09.09.2020 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 23/2020

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