Nach dem Roman von Agota Kristof: „Das große Heft“ ist Hörspiel des Monats September

06.10.2021 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Das große Heft“ zum Hörspiel des Monats September benannt. Es handelt sich bei der Produktion um die Hörspielversion des gleichnamigen Romans von Agota Kristof. Die Bearbeitung für den Funk besorgte Erik Altorfer, der auch Regie führte. Das Hörspiel entstand als Koproduktion des Deutschlandfunks (federführend, Redaktion: Sabine Küchler) mit dem Hessischen Rundfunk (HR) und dem Schweizer Rundfunk SRF. Die Ursendung des 114-minütigen Stücks erfolgte am 18. September um 20.05 Uhr im Programm des Deutschlandfunks.

In „Das große Heft“ sind zwei Brüder bei ihrer Großmutter der Grausamkeit des Kriegs ungeschützt ausgesetzt. Die Zwillinge erfahren, dass sie sich nur auf sich selbst verlassen können. Ihre Beobachtungen schreiben sie nieder im großen Heft. Agota Kristof, 1935 in Ungarn geboren, lebte ab 1956 in der französischsprachigen Schweiz in Neuchâtel. Sie starb dort im Juli 2011. Ihr Roman „Das große Heft“ erschien 1986 unter dem Originaltitel „Le grand cahier“ und wurde in mehr als 30 Sprachen übersetzt. Die deutschsprachige Ausgabe erschien 1987 im Rotbuch-Verlag (aus dem Französischen von Eva Moldenhauer). Von dem Buch ist bereits 1989 erstmals eine Hörspielversion realisiert worden, damals im Auftrag des Bayerischen Rundfunks (BR) und des Südwestfunks (SWF) in einer Bearbeitung von Garleff Zacharias-Langhans und unter der Regie von Heinz Hostnig als Sechsteiler mit Folgen in einer Länge von 20 bis 25 Minuten (vgl. FK-Kritik).

Zur Begründung ihrer Entscheidung, „Das große Heft“ in der Bearbeitung von Erik Altorfer als Hörspiel des Monats September auszuzeichnen, schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«„Beunruhigend“, „großartig“, „stark“: So lauteten die ersten Kommentare der Jury zu dieser Hörspieladaption von Agota Kristofs Romanbestseller „Das große Heft“. Natürlich bietet ein starker Ausgangstext eine gute Grundlage für eine gelungene akustische Umsetzung. Erik Altorfer hat es aber geschafft, gemeinsam mit dem Komponisten Martin Schütz eine atmosphärische Dichte zu kreieren, die das Werk über den Text hinaus zu einem beeindruckenden Hörerlebnis macht.

Zwei Brüder werden zu Kriegsbeginn der Obhut der Großmutter übergeben. Es sind Zwillinge, deren Stimmen im Hörspiel von Libgart Schwarz und Kristof Van Boven gesprochen werden. Sie erzählen in schonungsloser Genauigkeit und im sachlichen Ton von der Gefühlskälte, Verarmung und Gewalt, der sie von nun an ausgesetzt sind. Die beiden Geschwister beginnen sich an diese Umgebung anzupassen. Sie versuchen sich mental und körperlich abzuhärten, unterrichten sich selbst und legen ein Heft mit allen Erlebnissen an. Für ihr Überleben werden sie zu Dieben, Bettlern, Rächern und Mördern. Lernen aber auch, anderen zu helfen und nach eigenen Moralvorstellungen zu handeln.

Kristofs unverwechselbarer Schreibstil bleibt im Hörspiel erhalten. Kurze Sätze in einfacher Sprache und größter Direktheit entfalten gemeinsam mit einer klaren Musiksprache einen vielschichtigen Hörraum. Die ruhigen Melodien drängen sich nie vor die beklemmenden Zustandsbeschreibungen einer verrohten Gesellschaft, bleiben jedoch immer präsent und geben den Rhythmus des Stücks vor. Es sind aber vor allem die beiden Stimmen von Schwarz und Van Boven, von denen man unweigerlich gefangen wird. Die eindringlichen Berichte in direkter und indirekter Rede, im Duett gesprochene Sätze und Satzwiederholungen wechseln sich mit kunstvoll gesetzten Pausen ab. Besonders diese Momente der Stille verleihen der Brutalität des Gesagten noch mehr Nachdruck.

Auch die formale Strenge der Originalvorlage bleibt im Hörspiel erhalten, der dramaturgisch gut strukturierte Text greift kein Wort zu viel und kein Bild zu wenig aus Kristofs Roman heraus. Mit der Hörspielfassung von „Das große Heft“ ist eine perfekte Komposition aus Sprache, Stimmen, Stille und Musik gelungen.»

06.10.2021 – MK

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