Musikalische Produktion: „Die Arbeit an der Rolle“ vom SWR ist Hörspiel des Monats August

09.09.2021 •

Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Die Arbeit an der Rolle“ zum Hörspiel des Monats August gewählt. Es handelt sich dabei um ein musikalisches Hörspiel von Noam Brusilovsky, der auch die Regie führte, und der Opernsängerin Lucia Lucas. Das 52-minütige Hörspiel wurde vom Südwestrundfunk produziert und am 15. August um 18.20 Uhr im Programm SWR 2 urgesendet (Redaktion und Dramaturgie: Andrea Oetzmann). Bei ihren im Stück vorgetragenen Gesangsstücken wird die Heldenbaritonistin Lucia Lucas von Alessandro Praticò am Klavier begleitet. Weitere Mitwirkende in dem Hörspiel sind die Schauspielerinnen Mechthild Großmann und Vassilissa Reznikoff sowie die Tenöre Benjamin Lee und James Edgar Knight. Zur Begründung ihrer Entscheidung, „Die Arbeit an der Rolle“ zum Hörspiel des Monats zu benennen, schreibt die Jury der Akademie:

«Singen lernen bedeutet, die eigene Stimme kennenzulernen. Ist die Tonlage hell oder dunkel, weiblich oder männlich? Wie sehr ist eine Stimme geschlechtlich konnotiert? Mit diesen Fragen haben sich Theater- und Hörspielregisseur Noam Brusilovsky und Sängerin Lucia Lucas beschäftigt und ein vielschichtiges Hörspiel entwickelt, das rund um Mozarts Oper „Don Giovanni“ mit echten Überraschungsmomenten aufwartet. In „Die Arbeit an der Rolle“ beschreibt Lucia Lucas die Ausbildung ihrer eigenen Stimmlage sowie ihren beruflichen Werdegang, der sie 2009 von Oklahoma nach Deutschland an verschiedene Opernhäuser führte. Allerdings hört man dies alles eine männliche Stimme erzählen. Warum? Lucia Lucas singt auch nicht die Rolle der Donna Anna, sondern die des Titelhelden Don Giovanni, den Prototypen des männlichen Verführers.

Wie sehr sich vorgefertigte akustische Bilder beim Hören manifestieren, wird erst klar, als sich Lucas als Transgendersängerin vorstellt, ein weiblicher Bariton, der ungeachtet ihrer geschlechtlichen Identität eine klassische Männerstimmlage beherrscht und praktiziert. Dieser spannende Aspekt aktueller Identitätsdiskurse ist Kern eines raffiniert gebauten Hörspiels, das sich atmosphärisch und szenisch herleitet aus E.T.A. Hoffmanns Novelle „Don Juan“, in dem sich ein auf Reisen befindlicher Opernliebhaber im Hotel auf seinen „Don-Giovanni“-Besuch vorbereitet. Dieses historische Setting voller Vorfreude auf das Hörvergnügen wird immer wieder verschnitten mit der Gegenwart. […] Im Sprachengewirr bildet sich nicht nur eine Vielfalt an charaktervollen Sprechstimmen ab, sondern mischen sich auch übende Gesangsstimmen darunter und plötzlich auch ein Computerspiel-Sound, der das Spiel „World of Warcraft“ und dessen Zusammenbauen individueller Heldenfiguren analog zu Lucas’ Identitätsfindung im realen Leben lesbar macht. Man könnte sie eine „Heldenbaritonistin“ nennen. Ein Kritiker bezeichnete sie als „Baritonesse“.

Das Hörspiel besticht nicht nur durch seine spannend entschlüsselte Dramaturgie und eine sonst wenig beachtete Thematik, sondern hält ausgehend von Lucas’ „Don Giovanni“ auch viel Wissen über klassische Stimmausbildung und Gesangspraxis bereit. Die einigermaßen eng definierten Rollenfächer (der Heldenbariton eignet sich beispielsweise für die Figuren böser Väter oder beleidigter Liebhaber) sind ein ideales Anschauungsfeld bzw. Hör-Feld, um Identitätsschablonen zu diskutieren und aufzubrechen.»

09.09.2021

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