Moritz Rinke: Westend (MDR Kultur)

Ein Loch im Himmel

03.10.2020 •

Ins Dach des weißen Kastens, der das Bühnenbild von Stephan Kimmigs Inszenierung von Moritz Rinkes Theaterstück „Westend“ am Deutschen Theater in Berlin bildete, war ein schwarzes Loch gestanzt. Mit der klassizistisch-klinischen Strenge des Raumes korrespondierte eine Leere im Überbau. Das Loch im Himmel war also eine zum Bühnenbild geronnene Metapher. Nachdem das Stück abgespielt ist, hat es der für den Mitteldeutschen Rundfunk (MDR) arbeitende Regisseur Stefan Kanis mit der Theaterbesetzung für das Radio bearbeitet und inszeniert. Das 75-minütige Hörspiel verleugnet seine Herkunft vom Theater nicht, sondern akzentuiert sie sogar, indem Regieanweisungen von den Akteuren auch da gesprochen werden, wo es nicht notwendig wäre. Zudem hört man den halligen (Bühnen-)Raum der noch unmöblierten Villa, in die zwei der Hauptfiguren, Eduard und Charlotte, gerade eingezogen sind.

Bezahlt wurde die Villa, die im Berliner Westend liegt, aus dem Verkauf einer Goethe-Zeichnung aus dem Erbe Charlottens. Und Goethe hat nicht nur mittelbar das Haus bezahlt, sondern ebenso vermittelt auch dessen Bewohner ins Leben gerufen. Eduard und Charlotte, gespielt von Ulrich Matthes und Anja Schneider, sind natürlich die Protagonisten aus Goethes 1809 erschienenem Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Die beiden dürfen ihre Namen auch in Moritz Rinkes „Wahlverwandtschaften“-Überschreibung „Westend“ behalten. Otto und Ottilie, die beiden anderen Hauptfiguren bei Goethe, werden zu Michael und Lilly, gespielt von Felix Goeser und Linn Reusse. Marek und Eleonora wurden in der Hörspielfassung gestrichen, so dass aus Rinkes Sechs-Personen-Theaterstück ein Vier-Personen-Hörspiel geworden ist.

Die „Wahlverwandtschaften“ sind nicht die einzige Vorlage, auf die sich der Dramatiker Rinke bezieht. Auch das Oratorium „Die Schöpfung“ von Joseph Haydn spielt eine gewisse Rolle, weil Charlotte als Sopranistin nicht mehr die Rolle des Erzengels Gabriel singen darf und noch nicht einmal mehr die der Eva („Die kleinste Scheißrolle, die je ein Komponist geschrieben hat“). Übrig bleibt lediglich das „Amen“ am Ende des Oratoriums, das sie als Solistin aus dem Chor singen soll. Hörspielregisseur Stefan Kanis erweitert das von Moritz Rinke vorgegebene musikalische Repertoire um ein paar schön-kitschige Songs von Funny van Dannen, die von den beiden Schauspielerinnen nachgesungen werden. Das Verfahren mittels Cover-Versionen ein zweigleisiges Hören zu stimulieren, hatte Kanis schon in seiner Inszenierung von Sibylle Bergs Stück „Und jetzt: Die Welt!“ angewendet (vgl. MK-Kritik).

Das Spannungsfeld, in dem sich die Wahlverwandten Eduard und Charlotte sowie Michael und Lilly bewegen, ist ein sehr gegenwärtiges. Aus dem Hauptmann Otto bei Goethe ist der Chirurg Michael, genannt Mick, geworden, der für die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ in Libyen und Afghanistan Kriegsversehrte operiert. Eduard, sein ehemaliger Kommilitone, ist Schönheitschirurg geworden und operiert den Leuten die Angst weg, nicht mehr jung und wertvoll zu sein: „Das ist ein Seelenschaden“, rechtfertigt er sich vor seiner Frau Charlotte.

Als Mick selbst mit einem seelischen Trauma nach Berlin zurückkehrt – abgelenkt durch eine dramatische SMS von Charlotte sind ihm zwei Kinder unter dem Messer weggestorben –, eskaliert die Situation. Micks Versuch, dafür zu sorgen dass die Kinder nun wenigstens ein würdiges Begräbnis bekommen, sei, so sein Vorwurf, an Eduard gescheitert. Im Theater stehen dafür symbolisch zwei Zinksärge auf der Bühne. Im Hörspiel kann diese Metapher, wie alles Optische, natürlich nur sprachlich repräsentiert werden. Was als kammerspielartiges Konversationsstück für die Bühne angelegt ist, stößt hier an die Grenzen der erzähltechnischen Maxime „Show, don’t tell“. Insofern stellt sich die Frage, ob Moritz Rinkes ganz eigene Theaterfassung der „Wahlverwandtschaften“ wirklich für die Hörspielform geeignet ist.

Dass Rinke es versteht, alte Stoffe ins Heutige zu transformieren, weiß man spätestens seit seiner Nachdichtung der „Nibelungen“ für die Wormser Festspiele aus dem Jahr 2002. Rinke versteht es auch hier im Hörspiel, Motive in diesem Fall aus den „Wahlverwandtschaften“ zu aktualisieren, zum Beispiel, die seit Goethes Roman sprichwörtliche gewordene „Chemie“ zwischen den Geschlechtern. Wo das Schwanken der Bindungsenergien zwischen Eduard, Charlotte, Michael und Lilly für ein chaotisches Verhalten sorgt und bestenfalls auf einen labilen Gleichgewichtszustand zustrebt, da hält das Stück das Niveau einer spannungsgeladenen Gereiztheit. Wo allerdings die Außenwelt in die Villa einzudringen versucht, da bleibt es doch arg unterkomplex. Denn dass der Narzissmus unsere Staatsform sei, wie Eduard behauptet, beschreibt nicht ausreichend die gegenwärtige Verfasstheit. Aber als Schönheitschirurg ist er es ja gewöhnt, lediglich die Oberflächen zu korrigieren. Und da muss alle paar Jahre nachgeschärft werden. Nachschärfen hätte auch dem Text vielleicht gutgetan.

03.10.2020 – Jochen Meißner/MK

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