Mord im „Reichsmusterdorf“: Zonser Regionalhörspielpreis 2015 für Helga Bürsters Stück „Rogge“

29.05.2015 •

Acht Hörspiele waren im diesjährigen Wettbewerb um den Regionalhörspielpreis von Zons, fünf von ARD-Sendern, zwei Stücke vom Schweizer Rundfunk (SRF) und eine Koproduktion von Österreichischem Rundfunk (ORF) und Hessischem Rundfunk (HR). Aus diesen Einreichungen wurde vom 6. bis 8. Mai im Rahmen der Zonser Hörspieltage das beste regionale Hörspiel ermittelt. Zum zweiten Mal wurde in diesem Rahmen auch der Zonser Darstellerpreis vergeben.

 Das Schweizer Kulturradio SRF 2 präsentierte wieder ein Sprachexperiment: „Bez beinebau“, eine im Prinzip sinnfreie Unterhaltung zwischen Beat Sterchi (in Schweizerdeutsch) und Hermann Bohlen (in Quasi-Kindersprache). Man mochte bei diesem furios gesprochenen Spontandialog an Produktionen der „Wiener Gruppe“ erinnert sein, ein Hörspaß war es allemal. SRF 2 provoziert hier mit bedeutungsverfremdeter Mundart ein intellektuelles Schweizer Radiopublikum, das Mundarten als Gebrauchsfolklore einschätzt.

Der 70. Jahrestag der Beendigung des Zweiten Weltkriegs war Thema bei zwei Einreichungen, bei Helga Bürsters Stück „Rogge“ (Radio Bremen/NDR) und bei „Aller Seelen“ (ORF/HR) von Werner Fritsch. Um den Ersten Weltkrieg ging es in dem semidokumentarischen SWR-2-Hörspiel „Lieben und Sterben auf der Grenze im Münstertal 1914-1918“, einem Stück in Deutsch, Französisch und Elsässisch. Es hätte auch eine passable SWR/Radio-France-Koproduktion werden können; das wurde es aber nicht, weil Radio France Alsace keine Sendeteile in Elsässisch ausstrahlt.

Deutsch, Französisch, Elsässisch

Der Westdeutsche Rundfunk (WDR), im niederrheinischen Zons schon öfters abwesend, war diesmal wieder dabei, und zwar mit den Beitrag „Calibra oder die Geißel Gottes“ von Dirk Schmidt. Dabei handelt es sich um eine Kriminalgroteske, ein Stück aus der „ARD-Radio-Tatort“-Reihe, in dem es um Ermittler eine Polizeiwache im westfälischen Hamm geht, die sich in Kohlenpott-Mundart als Beinahe-Verbrecherbande umtun. Ernsthaft und fast archaisch wirkte dagegen das Kriegsende-Drama „Aller Seelen“: ein Spiel um die komplizierte Beziehung zwischen Führerglaube, gebirglerisch-frommer Religiosität, Starrsinnigkeit, Verbaldrastik und der Frage nach einem Warum. Die Urteile in der Jury reichten von „gnadenlos katholisch“ über „esoterisch“ bis hin zu „Fritsch auf der Höhe seiner Mittel, unterstützt von Peter Kaizar“ (der für die Komposition zuständig war).

Das von Deutschlandradio Kultur eingereichte Hans-Delbruck-Hörspiel „Doctor mendacii“ erschien als bayerische Polit-Provinzposse mit krass übertrieben gezeichneten Amigos. Es hatte, produziert im preußischen Berlin, sogar eine amtliche bayerische Replik provoziert: Man möge Bayern doch nicht auf diese Weise veralbern. Bei „Herr Lundquist nimmt den Helm ab“ von Jochen Weeber wurde von der Jury unter anderem die Frage diskutiert, ob mitbewertet werden solle, dass hier ein knapp 50-minütiges Hörspiel wahrnehmbar in das dieses Stück umgebende SWR-4-Radioformat eingepasst worden war. Gelobt wurde die Leistung des jugendlichen Laiendarstellers Philipp Schwägler, der die Rolle des krebskranken Loris Wanner spricht.

Eine Titelgeschichte im „Spiegel“

Besondere Aufmerksamkeit erhielt das niederdeutsche Hörspiel „Rogge“. Es beinhaltet ein fiktives Streitgespräch zwischen dem Sohn des Bauern und Widerständlers Willi Rogge aus dem niedersächsischen Dorf Dötlingen, den ein Werwolf“-Kommando der Nazis 1945 kurz vor Kriegsende umbrachte, und jenem stellvertretenden NSDAP-Ortsgruppenleiter, der den Mord ausführte und der nun, wenige Jahre nach Kriegsende, seine lächerlich geringe Strafe abgesessen hat. Das in der Nähe von Oldenburg gelegene Dötlingen galt zur NS-Zeit als „Reichsmusterdorf“. Das Stück von Helga Bürster beruht auf einer Titelgeschichte von Cordt Schnibben, die in der „Spiegel“-Ausgabe vom 14. April 2014 erschienen war, auf den Tag genau 69 Jahre nach dem Mord dort veröffentlicht. Schnibben ist der Sohn eines der an der Tat beteiligten „Werwolf“-Leute. Die in Dötlingen wohnende Hörspielautorin Helga Bürster schrieb ihr Stück größtenteils in Platt, die Zitate aus den Gegenschnittszenen sind in Hochdeutsch verfasst.

Das fiktive Streitgespräch verläuft trotz seiner Härte zivilisiert, es gibt keine Beschimpfungen. Das Gespräch wird immer wieder durch Gegenschnitte mit NS-Verlautbarungen bzw. aus dem Gerichtsverfahren nach Kriegsende unterbrochen, die die Einlassungen des NSDAP-Mannes in Frage stellen. Gegen Ende herrscht Ratlosigkeit. Sie gipfelt in den Schlussbemerkungen der Streitenden: „Un, wat makt wi nu?“ („Und, was machen wir jetzt?“) –„Ja. Wat makt wi nu?“ Die Autorin berichtete, dass es nach der Ausstrahlung des Hörspiels nur eine einzige Reaktion aus dem Dorf gegeben hatte, ansonsten Schweigen.

Nicht mit-, sondern übereinander sprechen zwei getrennte Eheleute in Guy Krmetas Stück „Dr Madam ihre Mössiö“, einer Einreichung von SRF 1. Hier wird in indirekter Rede schmutzige Wäsche gewaschen. Deutliche Sprache, grelle Sprüche und schlimme Lebensläufe sind die Ingredienzien dieses in Schweizerdeutsch zu hörenden, kunstvoll komponierten Nicht-Dialogs.

Darstellerpreis geht in die Schweiz

Wie in Zons Tradition, waren bei dem Regionalhörspieltagen auch Autoren mit anwesend, vier dieses Mal, darunter der mehrsprachig wortgewaltige Franzose oder besser: Elsässer Martin Graf. Dessen Ausführungen, nicht nur die zu seinem Stück „Lieben und Sterben an der Grenze im Münstertal“, muteten zuweilen wie ein nachgeholtes Impulsreferat an, etwa zur sich verändernden Sprachensituation im Elsass oder zur Nicht-Ratifizierung der UN-Charta zum Schutz der Sprachminderheiten durch Frankreich.

Am Ende vergab dann die Jury den mit 2500 Euro dotierten Regionalhörspielpreis an das zuvor schon so aufgefallene Stück „Rogge“ von Helga Bürster, federführend produziert von Radio Bremen mit dem NDR als Koproduzenten. Der undotierte zweite Preis ging an „Doctor mendacii“ von Hans Delbruck, der dritte Preis an „Calibra oder die Geißel Gottes“ von Dirk Schmidt.

Mit dem zum zweiten Mal vergebenen Zonser Darstellerpreis, der mit 1000 Euro dotiert ist, wurde die junge Schweizerin Jeanne Devos ausgezeichnet. Sie hatte in dem 2014 in Zons siegreichen SRF-1-Stück „Öber em Tal“ („Über dem Tal“) die Rolle der Städterin gespielt, die kurz in ihre Heimat zurückkehrt (vgl. FK-Heft Nr. 24/14). „Öber em Tal“ war das Hörspieldebüt der jungen Ostschweizer Autorin Rebecca C. Schnyder. Die Zonser Regionalhörspieltage finden seit über 20 Jahren unter der Obhut des Internationalen Mundartarchivs „Ludwig Soumagne“ und mit Unterstützung der Kulturstiftung der Sparkasse Neuss statt.

29.05.2015 – Waldemar Schmid/MK