Mohamed Chahrour/Marcus Staiger: Clanland – Schrecklich nette Familiengeschichten. 12‑teilige Podcast-Reihe plus Extra‑Folgen (Radio Fritz)

Die Motivation ist Aufklärung

26.09.2021 •

Jugendliche und junge Erwachsene hören kaum noch Radio. Es gilt die Faustregel: Je jünger das Publikum ist, desto geringer fällt die Reichweite des Mediums aus. Damit teilt der Hörfunk das Schicksal des Fernsehens, wo nicht mehr nur klassisch linear, sondern zunehmend über digitale Ausspielwege jüngere Generationen zu erreichen versucht werden. Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF haben aus diesem Grund das gemeinsame Online-Jugendangebot Funk gegründet, wo die Zielgruppe entsprechende Audio- und Videoformate finden kann.

Während es im öffentlich-rechtlichen Fernsehbereich aber nie wirklich lineare Angebote für ein junges Publikum gegeben hat (abgesehen von Kinderprogrammen), liegt der Fall beim Radio etwas anders. Hier unterhalten die Landesrundfunkanstalten der ARD schon lange eigene Jugendsender. Diese allerdings sehen sich durch ihre spezielle Zielgruppe in besonderer Weise mit dem geänderten Mediennutzungsverhalten konfrontiert. Aktivitäten der Sender in sogenannten sozialen Netzwerken und Angebote zum zeitunabhängigen Abrufen von Inhalten sollen die Jugendwellen jugendlicher machen. Auch mit Podcasts, die sich als Langstrecken-Medien eher an junge Erwachsene richten, soll das geschehen.

Ein im Fokus der Öffentlichkeit stehendes Thema, das hohe Klickzahlen zu erzielen verspricht, ist die sogenannte „Clankriminalität“. Mit ihr als politisch stark aufgeladenem Begriff, der beispielhaft für die häufig verzerrende Darstellung von Clans mit „Migrationshintergrund“ ist, beschäftigen sich der Komponist Mohamed Chahrour und der Rap-Journalist Marcus Staiger in einem gemeinsamen Podcast: Sie haben zusammen für Radio Fritz, das Jugendprogramm des Rundfunks Berlin-Brandenburg (RBB), die Doku-Reihe „Clanland – Schrecklich nette Familiengeschichten“ produziert. Dort heißt es: „Statt über Clans sprechen wir hier mit Clans.“

In zwölf Folgen, die zwischen 30 und 45 Minuten lang sind, setzen sich Chahrour und Staiger mit Vorurteilen, mit den Leuten, die sie verursachen, und den Leuten, die von ihnen betroffen sind, auseinander. Die Motivation ist Aufklärung. Zudem wird Mohamed Chahrour als Mitglied eines Clans selbst täglich mit den Auswirkungen der medialen Klischees konfrontiert. Bei Marcus Staiger ist als ehemaligem Rap-Label-Betreiber wiederum die Neugier groß, was hinter den Gerüchten um den Einfluss von Clans auf das Rap-Geschäft steckt. Als dramaturgisches Mastermind des Podcasts nennen die beiden den Fritz-Redakteur Daniel Hirsch.

Los geht’s mit der Frage, wie Clans in Deutschland ankamen. Dahinter liegt oft eine Fluchtgeschichte – wie bei Mohamed Chahrours Familie etwa, die aus dem Bürgerkriegsland Libanon nach Deutschland kam. Und wo Krieg ist, gibt es nicht nur einige, sondern zigtausende Schutzbedürftige – logischerweise auch miteinander verwandte.

Dass Clanmitglieder heute teils weit über den Globus verstreut leben, ist Zeichen der Fluchtgeschichte; dass sie teils geballt leben, Nachhall eines früher noch nicht komplett ausgehöhlten Asylrechts. Wobei man hier auch nichts nostalgisch beschönigen sollte, Stichwort „Duldungskette“. Unabhängig von der räumlichen Distanz zwischen den einzelnen Angehörigen eines Clans gibt es innerhalb eines solchen Kreises übrigens meist auch noch viele unbekannte Verwandte. Es gelingt Chahrour und Staiger im folgenden Verlauf des Podcasts zu verdeutlichen: Leute, die zu Clans gehören, sind im Prinzip ein ganz „normaler“ Teil der Gesellschaft. Wenn sie eine Arbeitserlaubnis haben, gehen sie meist Beschäftigungen als Arbeiter oder Angestellte nach, sind Künstler, Gewerbetreibende oder Unternehmer – nicht anders als im übrigen Teil der Gesamtbevölkerung auch.

Die Rollenverteilung, wie sie die Boulevardpresse in der Regel vorsieht, ist allerdings eher so: Eine unbescholtene „biodeutsche“ Bevölkerung sieht sich einer Invasion ausländischer, meist arabischstämmiger Familienclans ausgesetzt und hat unter deren verwandtschaftlich organisierter Kriminalität zu leiden. Eine schiefe Darstellung, die gesetzestreue Angehörige von Clans – und gesetzestreu sind die allermeisten – rhetorisch in Geiselhaft nimmt. Außerdem ist die Berichterstattung inzwischen auch häufig stark angelehnt an Motive etwa aus neueren Mafia-Serien wie „Docks of Berlin“ (Netflix 2018) oder „4 Blocks“ (TNT Serie 2017-2019).

Die Urheber verschiedener reißerischer Artikel und Reportagen, die es bei „Bild“, „Spiegel“ oder auch in RBB-Programmen zum Thema Clans gab, werden von Chahrour und Staiger für ihre Podcast-Reihe interviewt. In gewisser Weise ist dieser Ansatz lobenswert, weil die Auswahl der Interviewpartner damit ausgewogen erfolgt. Schade ist, dass Staiger sich zu sehr auf eine naiv fragende „Sesamstraßen“-Haltung versteift, die dem jeweiligen Gesprächspartner viel Raum gibt. Chahrour hingegen ist als von den Klischees Betroffener oft zu nahe an der Materie dran. Diese Befangenheit macht sich dann ex negativo bemerkbar: Chahrour bemüht sich sehr, gegenteiligen Meinungen mit möglichst viel Verständnis zu begegnen. So nimmt sich das Podcast-Duo mit seinen Thesen und Anliegen oft sehr zurück.

Trotzdem oder vielleicht deswegen ist die Podcast-Reihe geeignet, sich konstruktiv mit Vorurteilen auseinanderzusetzen, und ihr ist an einem positiven gesellschaftlichen Miteinander gelegen. Die Folgen der Reihe sind weiterhin im Online-Angebot von Fritz abrufbar. Das Doku-Format hat ganz klar eine mediale Lücke gefüllt – übrigens nicht nur im Netz, sondern auch im Radio. In einer Spezialausgabe der Fritz-Hörerbeteiligungssendung „Blue Moon“ stellten Daniel Hirsch, Mohamed Chahrour und Marcus Staiger den Podcast vor und sich selbst den Publikumsfragen dazu. Bleibt zu hoffen, dass auch in Zukunft die Infrastruktur der Jugendradiosender erhalten bleibt; sie bilden eine niedrigschwellige und funktionsfähige Basis für Ausspielvorstöße in Online-Welten, wie bei diesem fortlaufend mit Extra-Episoden aktualisierten Podcast.

26.09.2021 – Rafik Will/MK

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