Michaela Karl: „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ (NDR Kultur)

Biopic und Pop-Hörspiel

13.04.2019 •

Aus Sachbüchern entstehen in der Regel keine Hörspiele. Das Stück „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ stellt eine Ausnahme von dieser Regel dar. Es basiert auf der gleichnamigen Biografie über die fanatische Hitler-Verehrerin Unity Mitford aus Großbritannien. Die 2016 erschienene Buchvorlage der Politikwissenschaftlerin und Autorin Michaela Karl hat Eva Solloch im Auftrag des Norddeutschen Rundfunks (NDR) für den Funk bearbeitet und sie hat bei dem Stück auch die Regie geführt.

Das Hörspiel konzentriert sich auf den Zeitraum zwischen 1934 und 1939. Es beschreibt die erfolgreichen Bemühungen der prominenten englischen Adligen und Cousine Winston Churchills, die Aufmerksamkeit von Adolf Hitler zu wecken und in dessen inner circle aufgenommen zu werden. Unity Mitford ließ sich zu diesem Zweck 1934 in München nieder. Im Februar 1935, sie war 20 Jahre alt, gelang es ihr in einem Gasthaus, mit Hitler persönlich Kontakt aufzunehmen. Darauf bezieht sich auch das Zitat, das dem Hörspiel wie dem Buch als Titel dient. Von dem Zitat kommt im Übrigen nur der erste Teil, „Ich blätterte gerade in der Vogue“, jeweils original vor, der zweite Teil ist eine offenbar in künstlerischer Freiheit formulierte Zusammenfassung des folgenden Geschehens; genau genommen lässt Hitler Mitford von einem seiner Begleiter ansprechen, so wird es geschildert. In den kommenden Jahren traf sie sich dann mehr als hundert Mal mit dem von ihr verehrten „Führer“. Als am 1. September 1939 durch den deutschen Überfall auf Polen der Zweite Weltkrieg begann und sie Hitler nicht mehr regelmäßig treffen durfte, beging Mitford mutmaßlich einen Suizidversuch und reiste danach mit einer Schussverletzung am Gehirn zurück nach Großbritannien.

Unity Mitford stand unter Beobachtung des britischen Geheimdienstes MI5, der sie für töricht hielt, wie auch der nationalsozialistischen Behörden, die dem Verdacht nachgingen, sie sei möglicherweise eine Spionin. Sie wurde von Seiten der Deutschen dann aber ebenfalls als harmlos eingestuft. Wie es in diesem Fall konkret gewesen ist, kann nicht gesichert belegt werden. Denn im Krieg wurden viele Akten zerstört. Verlässliche Quellen zu ihrer Zeit in München gibt es deshalb nur wenige. Um das Geschehen in dem 50-minütigen Hörspiel in eine dramaturgische Ordnung zu bringen, werden in chronologischer Abfolge Briefe, Notizen und Reenactment-Szenen angeordnet und gegebenenfalls von einem Erzähler verknüpft. Hinzu kommen Kommentare von Michaela Karl im O-Ton.

Auf musikalischer Ebene wird mit hart gegengeschnittenen Rocksounds gearbeitet, mit treibendem Schlagzeug und einer Orgel, die an die Musik der US-Rockband The Doors erinnert. Auch wenn das nicht gerade der Sound der Jetztzeit ist, verdeutlicht diese Wahl des Musikstils, dass das Stück „Ich blätterte gerade in der Vogue, da sprach mich der Führer an“ nicht nur ein akustisches Biopic ist, sondern genremäßig auch in Richtung Pop-Hörspiel tendiert.

Diese formale Zweigleisigkeit entspricht dem doppelten Fokus auf der inhaltlichen Ebene. Zum einen geht es um Unity Mitford (die von Julia Riedler gesprochen wird) als Protagonistin einer biografisch gehaltenen Erzählung, eine Frau, die sowohl als überzeugte Nationalsozialistin und Antisemitin als auch als obsessiv handelnder „Hitler-Groupie“ gezeichnet wird. Über dieses Groupietum wird dann die Brücke geschlagen zum Verhältnis von Nationalsozialismus und glamouröser Ästhetik. Die enge Bekanntschaft von Hitler mit der prominenten Engländerin trägt mehr als nur den Sensationsfaktor zum Hörspiel bei. So wird zwar dem Kontrast Ausdruck verliehen, in dem die stark geschminkte Mitford zu nationalsozialistischen Schönheitsidealen stand; gleichzeitig vermittelt sich aber auch die Belanglosigkeit dieser Äußerlichkeiten, wenn Mitford judenfeindliche Parolen von sich gibt.

Eine tiefschürfende Analyse der kranken Psyche Mitfords oder der Widersprüchlichkeit zwischen ihrer individualistischen Selbstinszenierung und der NS-Massenästhetik liefert das Hörspiel nicht. Das kann es auch gar nicht. Denn durch den Verzicht auf eine Fiktionalisierung der Hauptfigur bleibt Mitfords Gedankenwelt der Hörerschaft verborgen. Das ist durchaus kein Mangel.

Was hingegen fehlt, ist eine Ebene, die das Geschehen in Bezug zur deutschen Geschichte setzt. Sogar der Zweite Weltkrieg spielt in diesem Hörspiel nur insofern eine Rolle, als der Kriegseintritt Großbritanniens das Ende der mutmaßlich platonischen Beziehung zwischen Adolf Hitler und Unity Mitford darstellt. Die merkwürdig ahistorische Anmutung, die das Hörspiel erzeugt, rührt auch vom engen geschichtlichen Zeitfenster der Erzählung her. Es endet mit Mitfords Rückkehr nach Großbritannien, nachdem sie den Selbstmordversuch oder, wie Michaela Karl diesbezüglich vermutet, ein Attentat der Gestapo überlebt hat. Die 1914 in London geborene Unity Mitford starb 1948 in Schottland, höchstwahrscheinlich an den Spät­folgen der entsprechenden Verletzung.

13.04.2019 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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