Mercedes Lauenstein: Entscheidungen (Bayern 2)

Soll man morgens überhaupt aufstehen?

05.05.2020 •

Mercedes Lauenstein, geboren 1988 im schleswig-holsteinischen Kappeln, ist Journalistin und Schriftstellerin. Im Jahr 2015 veröffentlichte sie den Erzählungsband „Nachts“ und 2018 den Roman „Blanca“. Mit der im Auftrag des Bayerischen Rundfunks (BR) entstandenen Produktion „Entscheidungen“, die Anfang April im Programm Bayern 2 urgesendet wurde, legte sie jetzt ihr Debüthörspiel vor.

Um welche Entscheidungen geht es darin? Das Stück handelt von vier Personen, die mit ihren Entscheidungen hadern: mit den gefällten und den bevorstehenden, mit den alltäglichen und den lebensverändernden. Im ersten und größeren Teil des rund 45-minütigen Hörspiels werden die Personen als vereinzelte Individuen vorgestellt, die sich selbst in kreiselnden Gedankenspiralen gefangen halten. In der zehnminütigen Schlusspassage werden diese Figuren am Esstisch eines Restaurants zusammengeführt, wo sie aus ihrer jeweiligen Nabelschau herausfinden, um nunmehr die Entscheidungen der anderen zu kritisieren, lächerlich zu machen oder zu hinterfragen.

Als Lauensteins erste Arbeit für das Medium Radio ist das Stück „Entscheidungen“ in seiner Anlage merkbar und geradezu lehrbuchhaft auf das Akustische hin ausgerichtet und von Regisseurin Stefanie Ramb auch entsprechend radiophon vertont worden. In der zurückgenommenen Inszenierung herrscht ein ruhiger Ton vor.

Die Selbstzweifel der Figuren werden im Stück als Selbstgespräche umgesetzt – in kurzen Sequenzen von Figur zu Figur springend, was sich immer auch an einem Wechsel der Atmo bemerkbar macht. Den jeweiligen inneren Monolog oder Bewusstseinsstrom unterbrechen die Figuren immer wieder abrupt, indem sie sich selbst ins Wort fallen. Untermalt wird dieses manisch anmutende Gebaren durch den Einsatz unterschiedlicher Mikrofontechniken und Sprechhaltungen. Der Hauptmonolog eines Bewusstseinsstroms erklingt jeweils als Voice-over, die Einschübe kommen in LoFi-Ästhetik oder scheinbar aus weiter Ferne daher.

Mercedes Lauenstein hat ein mitunter ironisches Verhältnis zu den von ihr entworfenen Rollen. Sie setzt ihnen Fragen in den Kopf wie die, ob man morgens überhaupt aufstehen sollte (die immer wieder erste Entscheidung des Tages) oder was man bisher mit seinem Leben angefangen hat – die ganze Palette von belanglos bis pathetisch wird bedient. Eine Handlung im eigentlichen Sinn gibt es nicht, da im überwiegenden Teil des Hörspiels (trotz fehlender Bildebene recht anschaulich) gezeigt wird, wie die Figuren ihre Entscheidungs- und damit Tatenlosigkeit verwalten. Lauensteins Figuren sind, wenn auch familiär oder freundschaftlich miteinander verbunden und mehr oder weniger derselben bürgerlichen Schicht angehörend, dennoch sehr unterschiedlich, was ihre jeweilige Lebenssituation anbelangt.

Nina zum Beispiel, Mitte 20, lebt mehr oder weniger in den Tag hinein und führt das prekäre Dasein einer Studentin (gesprochen wird Nina von Pola O’Mara). Der wenig ältere Jonas (Camill Jammal) steht finanziell auch nicht viel besser da, hat unter anderem deswegen Angst davor, Vater zu werden und würde am liebsten nach Neuseeland abhauen, das er sich als Paradies ausmalt. Die 55‑jährige Violette (Krista Posch) denkt an den gentrifizierungsbedingten Umzug in eine kleinere Wohnung, an ihr eigenes Sexleben und das der anderen. Einigermaßen gesichert steht allein der ins Rentenalter kommende Erik (Martin Umbach) da, der aber von seiner ständigen Geschäftigkeit als ‘Businessman’ psychisch ausgebrannt ist und vielleicht am meisten mit sich hadert.

Im mit klassischen Gaststättengeräuschen unterlegten Schlussabschnitt brechen die in den Rollen angelegten Differenzen dann hervor. Sie werden zwar nicht ausdiskutiert, aber angeschnitten. Und es kommt mit Stühlerücken und Getränkebestellungen tatsächlich noch zu Handlungen im Hörspiel.

Manchmal hat das Stück „Entscheidungen“ seine Längen. Das könnte daher kommen, dass sich die dargestellte Lethargie der Figuren gelegentlich gegen das Hörspiel selbst wendet. Und in ihrem gemächlichen Dämmerzustand werden Nina, Jonas, Violette und Erik auch durch keine Herausforderungen aufgerüttelt, selbst wenn sie teils gewichtige Sorgen haben.

Alles in allem möchte man insbesondere den ersten Teil des Stücks mit seinen hörfunkaffinen Selbstzerfleischungspassagen nicht missen und auch die zeitlos anmutende Auflösung am Ende des Hörspiels ist gelungen. Die Entscheidung der BR‑Hörspielredaktion, mit Mercedes Lauenstein eine neue Hörspielautorin an den Start zu bringen, ist auf jeden Fall zu begrüßen und man kann sich hoffentlich auf das nächste Hörspiel von ihr freuen.

05.05.2020 – Rafik Will/MK

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