Hörspiel des Monats Juni: „Meine Erinnerungen reißen mich in Stücke“ von Cristin König

09.07.2018 • Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat die Produktion „Meine Erinnerungen reißen mich in Stücke“ von Cristin König zum Hörspiel des Monats Juni gewählt. Es handelt sich dabei um ein Hörspiel, das Cristin König frei nach Motiven aus Mary Shelleys biografischen Notizen geschrieben und inszeniert hat. Die Redaktion hatte Ulrike Brinkmann, die Komposition stammt von Friederike Bernhardt und für den Ton war Andreas Stoffels verantwortlich. „Meine Erinnerungen reißen mich in Stücke“ wurde am 3. Juni vom Deutschlandfunk Kultur urgesendet. Am 1. September ist das 69-minütiges Hörspiel im Deutschlandfunk ab 20.05 Uhr noch einmal zu hören.

Mitwirkende Akteure in dem Stück sind Julika Jenkins, Patrick Güldenberg, Veronika Bachfischer, Trystan Pütter, Sebastian Schwarz, Steven Scharf und Max Urlacher. Cristin König, geboren 1965 in Trier, ist Schauspielerin und Autorin und Regisseurin. Für ihr erstes Hörspiel „Lila und Fred“ erhielt sie von der Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste bereits im August 2016 die Hörspiel-des-Monats-Auszeichnung (vgl. MK-Meldung). Auch damals führte sie Regie und arbeitete mit Ulrike Brinkmann, Friederike Bernhardt und Andreas Stoffels zusammen. Zur Begründung ihrer Entscheidung, „Meine Erinnerungen reißen mich in Stücke“ zum Hörspiel des Monats zu benennen, schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«Das Monster spricht. Schauspieler Steven Scharf verleiht ihm die schmeichelnde Stimme eines Liebhabers, der sich sicher ist, dass aller vorgetragener Widerstand gegen ihn nur pro forma geleistet wird. Weil die Bindung zu seiner Schöpferin ewig währt: „Ich bin aus deiner Seele rausgesprungen“, erinnert es Mary Shelley gleich im Prolog von Cristin Königs Hörspiel „Meine Erinnerungen reißen mich in Stücke“. Und als sich die früh gealterte Shelley, gespielt von Julika Jenkins, ziert und der Ehre der Autorschaft widersetzen will, beharrt das Monster, aufdringlich, penetrant, unwiderstehlich: „Deine Seele hast du mir eingehaucht.“ Nein, aus dieser süßen Gefangenschaft wird es seine Schöpferin eben so wenig entlassen, wie es ihr die Frage beantwortet, warum alle tot sind: ihr geliebter Percy, Lord Byron, John Polidori, die ganze Gesellschaft, aus deren Gesprächen in der Villa Coligny am Genfer See, Frankenstein entstanden war, in jener Nacht im Sommer 1816...

„Meine Erinnerungen reißen mich in Stücke“ (Deutschlandfunk Kultur, Regie: Cristin König, Komposition: Friederike Bernhardt) ist Hörspiel des Monats Juni. Auf packende und zugleich hochliterarische Weise spürt Autorin König damit – in mokanter Umkehr einer trivialen biographistischen Herangehensweise – dem Einfluss des Werks aufs Leben der Autorin nach, und weckt deren Erinnerung mittels einer faszinierenden Montage aus Bonmots, Gewaltfantasien, Zitaten und Gedichtauszügen der teuren Toten, ganz wie Shelleys Romanheld sein Geschöpf aus Leichenteilen zusammenfügt. Durch realistische Geräusche (Flügelschlagen, Donner, Kaminknistern) entstehen Klanglandschaften, die sich, dank Friederike Bernhardts diskreter Kunst mal unterlegt, mal durchkreuzt von artifiziellen atmosphärischen Sounds, von Cellospiel und elektronisch bearbeiteten Gesängen in Gedächtnis- und Seelenräume verwandeln, durchweht von subtilem Grauen. Dieser Umgang mit literarisch-kulturellem Erbe und seiner Last musealisiert es nicht, sondern belebt es geradezu unheimlich und fesselt die Hörer.»

Die Jury vergab auch für den Monat Juni wieder eine lobende Erwähnung „im Sinne eines zweiten Preises“. Die lobende Erwähnung erhielt das Hörspiel „Get deutsch or die tryin’“ von Necati Öziri. Am Maxim-Gorki-Theater in Berlin war im Mai 2017 Öziris gleichnamiges Stück uraufgeführt worden, in dem es um die Migrationsgeschichte eines 18-jährigen Deutschtürken geht. Der heute 29-jährige Öziri arbeitete ab 2014 beim Gorki-Theater und leitete dessen Studio Я, das „Kunstasyl für marginalisierte Themen und Denkweisen, Plattform für Diskussionen und Schaffensprozesse“. Seit Herbst 2017 ist Öziri Dramaturg bei den Berliner Festspielen und leitet dort auch das Internationale Forum des Theatertreffens.

Das Hörspiel „Get deutsch or die tryin’“ wurde am 24. Juni von WDR 3 erstausgestrahlt. Regie führte Volkan T Error, die Redaktion hatte Natalie Szallies. Als „Heimatgeschichte“ beschreibt die Jury das Stück: „Sie erzählt mit stark HipHop-geprägter Ästhetik von einem jungen Mann der sogenannten dritten türkischen Einwanderergeneration, Arda Yilmaz, der sonst mit seiner Gang rumhängt, aber seinen 18. Geburtstag auf dem Ausländeramt verbringt, um sich einbürgern zu lassen in die deutsche Gesellschaft, die Migration wie eine Erbkrankheit behandelt: Verletzlich, rabiat und direkt wie eine Live-Schaltung ins Ghetto ohne Schutzfilter, sozialpädagogische Herablassung oder Klassenhass von einem Ensemble gesprochen, das nicht nur so tut, als wüsste es Bescheid.“

09.07.2018 – MK

Print-Ausgabe 22/2018

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