MDR-Produktion „Karl Marx statt Chemnitz“ ist Hörspiel des Monats April

04.05.2018 • Die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste hat das Stück „Karl Marx statt Chemnitz“ von Thilo Reffert zum Hörspiel des Monats April gewählt. Es handelt sich um eine Produktion des Mitteldeutschen Rundfunks, die am 30. April um 22.00 Uhr im Programm MDR Kultur urgesendet wurde. Regie bei dem 55-minütigen Hörspiel führte Stefan Kanis (Redaktion: Thomas Fritz). Autor Thilo Reffert wurde 1990 in Magdeburg geboren und lebt in der Nähe von Berlin. Für sein Hörspiel „Die Sicherheit einer geschlossenen Fahrgastzelle“ (MDR) war er 2010 mit dem Hörspielpreis der Kriegsblinden ausgezeichnet worden (vgl. FK-Heft Nr. 12-13/10). Zur Begründung ihrer Entscheidung, „Karl Marx statt Chemnitz“ zum Hörspiel des Monats zu benennen, schreibt die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste:

«Das Hörspiel des Monats April handelt von einem Namensstreit, der dazu zwingt, den Begriff des Eigenen – zum Beispiel: Heimat – neu zu denken. Es handelt von den Sustainable Development Goals der Vereinten Nationen auf kommunaler Sachbearbeiterebene, handelt von einem Monsterkopf, in dessen Innerem etwas vor sich geht, vom globalen Großkapital, das plötzlich seine historische Aufgabe wahrnehmen, also Produktivkräfte entwickeln könnte, und zwar in Sachsen, sowie von den Möglichkeiten und Zwängen der Medien: hier des Radios. Kurz: Es handelt von Karl Marx, wurde vom MDR in der Regie von Stefan Kanis produziert und Thilo Reffert hat’s geschrieben. Denn Reffert gelingt es dank einer elegant-doppelbödigen Stück-in-Stück-Konstruktion, mit „Karl Marx statt Chemnitz“ diese vielfältigen Themen in einem Plot von tiefgründiger Heiterkeit und funkelnder Bosheit zusammenzufügen.

Der freie Hörfunkjournalist Hauke-Veit Klapp ringt mit der für ihn zuständigen Redakteurin Rita um die Ausstrahlung seiner zehnteiligen Mini-Feature-Serie. Die war fest vereinbart, wurde nun aber kommentarlos gecancelt. Ein Versehen? Oder ein Eingriff der Funkhaus-Hierarchen? Um sie doch noch günstig zu stimmen oder wenigstens ihrer Ablehnung auf den Grund zu kommen, führt Hauke nun Rita jede Folge einzeln vor. Schonungslos ätzt Ulrike Krumbiegel in der Rolle der Redakteurin übers Intro, das „so 90er“ sei, klagt über langweilige talking heads – „Radio kann so viel mehr transportieren als Worte“ – und bespottet einfallslose Versuche, das Werk akustisch aufzubrezeln: „Flussrauschen, Hauke, dein Ernst?“ Zugleich kann sie sich weder der Faszination der archivarischen O-Ton-Trouvaillen entziehen, die Hauke aufgetan hat – von Eberhard Rangwitz’ propagandistischer Kantate „Frühling der Jugend“ bis zu Ansprachen von Otto Grotewohl und Erich Honecker –, noch letztlich dem inhaltlichen Sog seines Projekts. Denn der von Jörg Schüttauf grandios lebensnah gesprochene Reporter beobachtet in seiner Serie den naiv für den Verfasser des Kapital entflammten Spaßguerillero Demba und in reflexhafter Marx-Ablehnung befangene GegnerInnen.

Dembas Plan ist es, den Ort am Zusammenfluss von Würschnitz und Zwönitz am 5. Mai 2018 für einen Tag wieder „Karl-Marx-Stadt“ zu nennen. Halt so, wie Chemnitz von 1953 bis 1990 hieß. Und dafür hat er am höchsten Bauwerk der Stadt, einem über 300 Meter hohen Schornstein, ein einschlägiges Transparent aufgehängt. Skandal! Wahnsinn? Geniale Idee, die man nicht fallen lassen darf, „nur weil die falschen Leute auch dafür sind?“ Bringt das am Ende Touris, Investoren, Geld? Die Köpfe der Stadt, selbst die hohlsten, reden sich heiß, weil auf dem Spiel steht, was sich, kritisch, als Urform von Ideologie bestimmen lässt: Identität. „Karl Marx statt Chemnitz“ ist ein Stück, über das man Dissertationen verfassen kann – und das sich ebenso gut als prima Unterhaltung einfach weghören lässt.»

Eine lobende Erwähnung „im Sinne eines zweiten Preises“, so die Jury, spreche sie aus für die Produktion „@wonderworld – The Story of Alice and Bob“, ein multimediales Projekt des Duos Wittmann/Zeitblom, das als Koproduktion von Deutschlandfunk “ (Redaktion: Sabine Küchler) und Südwestrundfunk (SWR) sowie in Zusammenarbeit mit der der Film- und Medienstiftung NRW und dem Goethe-Institut entstand. Dazu urteilt die Jury: „Eine Reise mit Pop-Appeal in eine durch Algorithmen perfektionierte Soundwelt irgendwo zwischen Philip K. Dick und Ovid, in der Fragen nach früher oder später, dem Unterschied von wahr und falsch, Matrix und Realität keinen Sinn mehr ergeben. Eine hochartifizielle Produktion von synthetisch-cooler Sinnlichkeit.“ Die Erstsendung des 62-minütigen Stücks „@wonderworld“, bei dem unter anderem Jule Böwe, Anna Maria Mühe und Sabin Tambrea mitwirkten, erfolgte am 21. April um 20.05 Uhr im Programm des Deutschlandfunks.

04.05.2018 – MK