Maximilian Karakatsanis: Hotel C (WDR 3)

Der Narr mit dem Hammer

21.07.2021 •

Der Sommer ist da und nichts scheint so weit weg wie die Lockdowns des vergangenen Jahres. Dass inmitten der Aufbruchstimmung noch (einige) Hörspiele uraufgeführt werden, die um die Kollateralschäden der Corona-Pandemie kreisen, wirkt jedoch keineswegs unzeitgemäß, sondern erinnert daran, was wir an dieser Zeit nicht vergessen sollten. Besonders betroffen von den Einschränkungen waren auch Studenten und aus diesem Umfeld – der Kölner Kunsthochschule für Medien (KHM) – kommt nun eine an der KHM produzierte, bei WDR 3 erstausgestrahlte Parabel von Maximilian Karakatsanis, die davon handelt, wie man durch das Ungreifbare der Seuche und durch die sich nach kafkaesker Internierung (ohne dass man etwas Böses getan hätte) anfühlenden Quarantänen gleichsam verrückt werden konnte.

„Mit sich alleine zu sein, ist ein Wagnis, radikal, risikobehaftet“: Dieses Leitmotiv dringt gleich zu Beginn des Hörspiels „Hotel C“ aus einer nicht auszulotenden Tiefe zu uns, bevor die Wellen eines vielleicht nur imaginären, aber kraftvollen Meeres diese Worte verwischen wie Spuren im Sand. Da draußen ist offenbar nur noch Natur, ein Planet ohne Menschen, die sich in ihre Höhlen zurückgezogen haben.

Dass es sich um das „Hotel C“ handelt, in das hier zwingend eingecheckt werden muss – „es ist von gesellschaftlichem Belang“, in den Straßen nämlich tobe „eine Welle“ –, das ist vielleicht ein wenig überdeutlich, zumal wir uns dann auch noch, immer eng an der Seite des Protagonisten, in „Zimmer 2020“ befinden. Naheliegenderweise ist das halbstündige Stück ein langer Monolog (mit kleinen Zurufen aus der sich wegkrümmenden Außenwelt), den Martin Engler so glaubhaft verstört wie überzeugend renitent deklamiert. Für die technische Umsetzung verantwortlich war Jean-Boris Szymczak, der das Klaustrophobische der Isolationssituation gut in geschlossene, wandartige Klänge übersetzt hat.

Was folgt, ist das Protokoll eines Wirklichkeitsverlusts bei umgekehrt proportional wachsendem Freiheitsdrang: ein Depersonalisationserlebnis von klassisch expressionistischem Format. Bereits in der ersten, schlaflosen Nacht – noch erfüllt Twitter seine Funktion – kündigt sich das Irrationale an: „Die Matratze ist gefüllt mit Knochen, es knirscht beim Husten.“ Gekonnt lässt Karakatsanis seinen Helden dann in einem Strudel von surrealen Erfahrungen versinken: Am siebten Tag zertrümmert der Eingesperrte sein iPhone, die Scheinpforte zur Außenwelt; am dreizehnten Tag zeigen sich erste Auflösungsphantasien („Ich hoffe, dass ich...zerschmelze und nur noch ein Gerippe übrigbleibt“).

Am zwanzigsten Tag – dem Geburtstag des Protagonisten – steht ein Gast vor der Tür, „ein alter Freund“, der sich dann als „ein großer Haufen Fleisch“ erweist, eine wabbelnde Fett-Schnecke, die ein Paket überreicht, was wiederum eine Panikattacke auslöst: „Willst du mich umbringen? Das ist von draußen!“ Bald irrt der derangierte Held nackt über den Hotelflur, kollidiert mit dem dort patrouillierenden „Willen des Volkes“, verliert alle Orientierung in einem seelischen Spiegelkabinett und hört die Nudeln im Topf „Bewahr uns vor dir!“ rufen.

So ansprechend kurios manche der Szenen sein mögen, so bleibt die über viele Stufen ablaufende Entrückung doch recht vorhersehbar. Spannend wird das Hörspiel vor allem durch die zunehmende Entschlossenheit des Helden, sich gegen seine Entmachtung als Individuum zu stemmen, sei es durch die Universalreinigung mit Essig (um die Vergilbung loszuwerden), sei es durch das Herausbröckeln von Putz aus der Wand, weil dahinter ein Freiheitslüftchen zu vernehmen scheint. In der Auflehnung spürt der Held sich endlich wieder selbst. Mit einem verrosteten Hammer, den er in der Lobby entliehen hat, schlägt er schließlich unter dramatischem Gebrüll vom Hotelflur („Sie dürfen das nicht!“) ein immer größer werdendes Loch in seine Wand, in der (nicht hinter der) das weite, alles einebnende Meer zu rauschen scheint. Da haben wir zuletzt einen vom Glauben beseelten Paradiessucher vor uns, der auf dem Höhepunkt, einer Apotheose, ganz in der Wand verschwindet, seinem selbst geschlagenen vertikalen Grab, aus dem ihm sanftes goldenes Licht entgegenscheint.

Dass wir die Hammerschläge selbst nicht hören, sondern nur den gehetzten Bericht darüber, ist dabei mehr als nur ein Hinweis auf die mentale Verfassung des Protagonisten, nämlich wohl auch eine augenzwinkernde Bezugnahme auf die vor 91 Jahren im Programm des WDR-Vorgängersenders WERAG zur Uraufführung gekommenen poetischen Funkdichtung „Der Narr mit der Hacke“ von Eduard Reinacher, die zumindest für Heinz Schwitzke den Beginn des modernen Hörspiels markierte. Reinachers Held, der Mönch Zenkai, tut Buße für einen Mord und gräbt sich in der Einsamkeit viele Jahre lang durch einen Berg, wobei das mechanische Schlagen der Hacke den Rhythmus des Stücks ausmacht und damit gezielt konterkariert, dass es sich offensichtlich um einen traumhaften Vorgang handelt, der sich eigentlich im Gewissen des Protagonisten abspielt.

Hier nun haben wir das Gegenteil: eine Ausbruchsphantasie, in der das Nicht-Vorkommen der Hammerschläge konterkariert, dass es sich beim irritierend schuldlos auferlegten „Social Distancing“ im Jahr 2020 um eine im Ansatz durchaus reale Situation handelt. Dabei aber kann auch „Hotel C“, um noch einmal den Hörspiel-Papst Schwitzke zu bemühen, ganz wie Reinachers Sendespiel „direkt in die Seele des Lauschers aufgenommen werden“, denn wir alle wurden in der risikobehafteten Einsamkeit der Lockdowns schließlich zu Schwestern und Brüdern von Josef K..

21.07.2021 – Oliver Jungen/MK

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