Maxim Biller: Sechs Koffer. 2‑teiliges Hörspiel (SWR 2)

Die Geschichte einer gehetzten Familie

30.04.2021 •

Wer sechs Koffer mit auf eine Reise nimmt, hat meist vor, große Distanzen überwinden. So auch der Schriftsteller Maxim Biller – zumindest scheint es so zunächst. Der 1960 in Prag geborene Sohn einer künstlerisch wie intellektuell bemerkenswerten, aber auch finanziell recht gut situierten russisch-jüdischen Familie flüchtete 1970 mit seinen Eltern nach Deutschland, schloss hier 1983 ein Studium mit einer Magisterarbeit über das Bild der Juden im Frühwerk Thomas Manns ab und lebt seither in Berlin.

Nach dieser Zeit bereits auch vielfältigen Reisens schrieb Biller die literarische Tradition seiner Familie fort – und wurde ein viel gelesener, viel diskutierter, thematisch durchaus umstrittener Autor. Er hat eine umfangreiche Werkliste aufzuweisen, wurde mehrfach ausgezeichnet und eine auffallende mediale Erscheinung. Zu seinen jüngeren Werken zählt der 900-seitigen Roman „Biografie“ (2016), auf den in relativ kurzem Abstand das Buch „Sechs Koffer“ (2018) folgte, ebenso wenig Roman wie „Biografie“, sondern, wenn man so will, eine erzählerische Etüde, rund 200 Seiten lang, auf der Basis einer ausgesponnenen Familiengeschichte. Der Südwestrundfunk (SWR) hat „Sechs Koffer“ jetzt als Hörspiel produziert und in zwei jeweils rund 100-minütigen Teilen am Ostersonntag und Ostermontag ausgestrahlt.

Die Familiengeschichte, um die es hier geht, ist gezeichnet von Gehetztheit und Flucht. Flucht vor den zaristischen Pogromen, der Auslöschungspolitik des Nationalsozialismus, dem stalinistischen Antisemitismus, der gegenwärtigen – mehr oder weniger latenten – Judenfeindlichkeit, aber auch der Flucht eines Meisterdiebs und zugleich Gentlemans alter Schule. Dieser ist, wie alle anderen Figuren auch, einer der zahlreichen Verwandten des Erzählers. Genannt wird er „Tate“. Das heißt im Jiddischen so viel wie Vater, bedeutet aber gleichzeitig: Familienoberhaupt, Respektsperson, Entscheider ohne Wenn und Aber – und vor allem meint es damit denjenigen, der für die Familie zu sorgen hat.

Was es mit ihm und seinem unerwarteten Tod auf sich hat, ist einer der vielen roten Fäden, die Billers erzählerisches Flechtwerk durchziehen und das Interesse der Hörer wachhalten. Der Tate hat in dieser Erzählung zwar einen Namen, doch nach russischer Tradition werden nur Vor- und Vatersname in der Anrede genannt: Schmil Grigorewitsch, obwohl er doch auch ein Biller ist. Der Grund für seinen Tod bleibt unklar. Nur eine Person aus dem Hause Biller, die angeheiratete Journalistin Natalja, erfährt den Grund. Alle anderen nicht. Ebenso wenig wie die Hörer. Und Natalja schweigt.

Die Adaption dieses Romans im Novellenformat dürfte den erfahrenen Hörspielregisseur und Bearbeiter Walter Adler dramaturgisch vor keine großen Probleme gestellt haben. Bei den insgesamt 200 Minuten der Produktion gibt es keine Minute zu viel – und an dieser Stelle sei einmal mehr darauf hingewiesen, dass die Länge, auch das Verweilen und das Atemholen nach rasanten Passagen, den Respekt für die Schönheiten von Literatur erkennen lässt, den man bei den Häckselstückchen anderer Sender schmerzlich vermisst.

Maxim Biller hat jedes Kapitel einem Koffer widmet. Und jeder Koffer stellt eine Person aus dem Familienkreis der Billers da, der sich über drei Generationen hinzieht. Jede dieser Personen reist. Meist unfreiwillig. Doch sind die Koffer keine Büchsen der Pandora, wie man zunächst hätte annehmen können, sondern künstlerische Umspielungen literarischer Perspektiven und deren Wechsel.

Auch diese Technik des Perspektivenwechsels kommt der Bearbeitung zugute. Die Personen der Eltern Biller, des Onkels, des Großvaters, deren Freunde und auch Feinde wären sonst für die Hörer nur schwer zu erkennen und zu trennen gewesen, trotz der sorgfältigen Besetzung mit erkennbar unterschiedlichen Sprechweisen. Nicht immer ist die Trennschärfe so exakt, dass man als Hörer den Wechsel von Person zu Person sofort nachvollziehen kann, aber auf jeden Fall kann man es zwischen Sylvester Groth – hervorragend lakonisch und distanziert, ohne jede Affektiertheit – als Erzähler Max Biller und Ulrich Noethen als Sjoma Biller, dem Vater von Max.

Was die von Ulrich Korn und Sandra Pasic verantwortete Besetzung der Rollen außer hohem fachlichen Können auszeichnet, ist der Verzicht auf die Nachahmung sprachlicher Eigenheiten, also etwa den Einsatz des Jiddischen. Nur einer einzigen Person und Rolle blieb hier das Jiddische vorbehalten – und das ist der rätselhafte Schmil Grigorewitsch, der Großvater von Max. Aber er ist nicht nur das. Vermutlich war er ein tschechischer Diplomat, der ebenfalls vermutlich von seinem eigenen Bruder in Moskau einer stalinistischen Organisation als angeblich amerikanischer Agent angezeigt und prompt am Moskauer Flughafen verhaftet wurde. Das war 1958.

Und der Grund für die Verhaftung war – wiederum vermutlich – dass Schmil Grigorewitsch Biller, den alle Tate nannten, die von seinen Brüdern Lev und Wladimir entwendeten 40.000 Dollar zurückhaben wollte. Nicht für sich selbst, Gott behüte, sondern für seine geliebte ČSSR. Schließlich war das nicht irgendein Klau, sondern ein staatsgefährdendes Devisenvergehen – etwas, das bei dem Tate nur ein peinlich lautes Lachen ausgelöst haben soll. Tate also, vermutlich in einem russischen Schtetl aufgewachsen, ist der Einzige, der ansatzweise in Mameloschn sprechen darf, in der Muttersprache Jiddisch also (mame = Mutter). Regisseur Walter Adler und Schauspieler Martin Reinke als Tate arbeiten dabei mit einer Distanziertheit, die keinerlei Chargieren zulässt.

Um auf die Koffer zurückzukommen: Ob der jeweilige Koffer und die, zu denen er gehört, nun aus Prag anreisen, aus Moskau, in die USA, in die Schweiz oder nach Berlin – jede dieser Reisen ist Anlass für ein weiteres Looping im Gespinst dieser Erzählung. Wie ein großes Tuch wirkt dieses Gewebe. Es legt sich verdunkelnd in so vielen europäischen Ländern über die Schicksale weitverzweigter Familien. Doch unter diesem Tuch sind auch schwarzer Humor und Lebenslist versteckt.

Mit Musik und klanglichen Illustrationen geht die Regie sparsam um. Und das ist gut so. Diese stilistische Ökonomie ermöglicht den Hörern, sich auf den Fluss der Geschichte mit all ihren Ondulationen einzulassen. Einer üppigen Lautmalerei bedarf es nicht. Und wenn, dann ist sie auch zu hören – wie etwa in der Szene in der legendären Brasserie Ganymed am Schiffbauerdamm in Berlin.

Mendelssohn-Bartholdys wehmütiges Klaviertrio gibt jeweils dem Ende beider Teile dieser Adaption eine ebenso melancholische wie empathische Stimmung. Einstmals ein Seelenstück des Berliner Bürgertums, zitiert es eine Epoche, die unwiederbringlich verlorengegangen ist. Ihre schönen Seiten blühen in dieser bewundernswerten Musik auf. Da lässt sich der Regisseur ein einziges Mal vom Gefühl und der Trauer über das Leben mit seiner Grausamkeit, seinem sardonischen Lachen, seiner Kaltblütigkeit leiten. Ein wunderbarer Abschluss einer hörenswerten Produktion.

30.04.2021 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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