Maxi Obexer: Illegale Helfer (WDR 3) // andcompany&Co.: Orpheus in der Oberwelt – Eine Schlepperoper (WDR 3)

Mixtur versus Genauigkeit

29.04.2015 •

Nachdem er Eurydike endgültig an die Unterwelt verloren hatte, wurde Orpheus von den Mänaden zerrissen und sein Kopf in den Fluss Evros geworfen, wo er immer weitersingend bis zur Insel Lesbos trieb. Heute bildet der Evros streckenweise die Grenze zwischen Griechenland und der Türkei. Er ist von der europäischen Grenzsicherungsagentur Frontex eingezäunt worden und war teilweise vermint – ein kaum zu überwindendes Hindernis zwischen dem abgeschotteten Schengen-Raum und dem Rest der Welt. Es ist die physische Manifestation eines Europas, das für die, die beispielsweise vor dem Terror der islamo-faschistischen Schlächter des IS flüchten, legal nicht zu betreten ist.

An diesem Fluss beginnt die bei WDR 3 ausgestrahlte Hörspielfassung der „Orpheus in der Oberwelt“ betitelten „Schlepperoper“ des Theaterkollektives andcompany&Co. (Nicola Nord, Alexander Karschnia, Sascha Sulimma). Das europäische Grenzregime schafft ein Geschäftsmodell und märchenhafte Profite für jene Form der organisierten Kriminellen, die gewöhnlich als „Schlepper“ bezeichnet werden. Ein Begriff, den andcompany&Co. ablehnen, sie plädieren stattdessen für die positiv besetzte Bezeichnung „Fluchthelfer“. Außerdem setzen sie auf die transparente Durchführung des Geschäfts. Schlecht gemachte Schleusungsaktionen sprächen sich herum und bekämen weniger „Likes“ – Platz für einen anderen Wettbewerber.

Doch sich dem ökonomischen Diskurs anzupassen, um ihn gegen die zu wenden, die ihn etabliert haben, ist weder vom komischen Irritationspotenzial her besonders ergiebig noch theoretisch besonders durchdacht. Ein interessantes Aperçu bringt das Hörspiel aber doch: Vor dem Bundesgerichtshof in Karlsruhe hatte einst ein Fluchthelfer erfolgreich sein Honorar einklagen können, da die Fluchthilfe aus „billigenswerten Motiven“ geschehen und „sittlich nicht anstößig“ gehandelt worden sei. Doch das war noch vor dem Fall der Mauer.

Die von der Film- und Medienstiftung NRW geförderte Hörspielfassung von „Orpheus in der Oberwelt“ ist ein Amalgam aus vieraktiger Oper und Radioshow. Arien und Rezitative von Monteverdi über Christoph Willibald Gluck bis hin zu Brecht/Weill werden neu betextet. Dazu hier ein O-Ton von Papst Franziskus, dort einer von einem Grenzbeobachter, hier ein Spritzer Walter Benjamin, dort ein Ökologe, der das Einschleppen exotischer Tiere und Pflanzen verhindern will – und fertig ist der postmoderne Cocktail aus alkoholfreiem Entertainment.

Problematisch ist, dass andcompany&Co. weder ihren Gegenstand noch ihre mythische Vorlage noch die Musik wirklich ernst nehmen. Alles in dieser 50-minütigen zusammengemixten Hörspielrevue läuft auf die maximal dämliche Frage zu: „Wie kommt es, dass die Menschen in Europa das Wissen lieben und nicht die Liebe wissen?“ Und beantwortet wird die Frage zu allem Überfluss mit dem Lacanschen Schwurbel: „Es gibt kein Wohl als das, was helfen kann, den Preis zu bezahlen für den Zugang zum Begehren.“

Wie man mit dem Thema Fluchthilfe erheblich reflektierter umgeht, konnte man eine Woche vorher auf dem gleichen WDR-3-Sendeplatz hören. Maxi Obexers 52-minütiges Hörspiel „Illegale Helfer“, unter der zurückhaltend instrumentierenden Regie von Martin Zylka, basiert auf Berichten von Leuten, die gemäß den Kriterien des Bundesgerichtshofs aus billigenswerten Motiven sittlich nicht anstößig handeln und doch gezwungen sind, gegen Gesetze zu verstoßen, wenn sie das Richtige tun wollen. In dem Stück ist sogar ein Verwaltungsrichter dabei, der Flüchtlingen durch die wenigen Lücken in der Gesetzgebung hilft, die nach den ausländerfeindlichen Krawallen in den 1990er Jahren massiv verschärft wurde.

Maxi Obexer thematisiert Flüchtlingsschicksale und moralische Dilemmata auf eine Art und Weise, die in starkem Kontrast zur effektorientierten Ästhetik von andcompany&Co. steht. Statt großer historisch-mythischer Bögen gibt es kleinteilige und genaue Einblicke in konkrete Schicksale. Die Unschärfe eines so großen Motivs wie der Liebe von Orpheus und den Schleppern zu den Flüchtlingen bleibt einem hier erspart, stattdessen hört man von den kräftezehrenden und unheroischen Mühen der Ebene. Und von dem Kampf gegen eine Bürokratie, die sich nicht um die drastischen Konsequenzen einer Abschiebung schert. Kurz nach den Ursendungen dieser beiden Stücke sind im Mittelmeer mehr als tausend Flüchtlinge, die sich auf zwei Schiffen befanden, ertrunken. Die Katastrophe, die in den beiden Hörspielen thematisiert wurde, dauert an.

29.04.2015 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 6-7/2020

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