Max Bense/Ludwig Harig: Der Monolog der Terry Jo (Radio Bremen 1)

Der Computer dichtet mit

20.09.1968 •

Das Experiment war im Grund fällig. Nachdem Prof. Bense vorgeführt hat, wozu ein Computer bei der Herstellung lyrischer und prosaischer Text taugen kann, musste konsequenterweise Benses omnipotenter Mitarbeiter auch einmal im Hörspiel auftauchen: Hier ist er! Der Saarländische Rundfunk (SR) produzierte ein Hörspiel, unter dessen Autoren auch eine Maschine, eine Computer, ist. Und Radio Bremen, nicht weniger experimentierfreudig und unorthodox als die Station an der Saar, beteiligte sich an einem Ereignis, das möglicherweise in die Geschichte des Funks – und der Kriminalistik! – eingehen wird.

Die Vorgeschichte ist ein authentischer Vorfall. In der Nacht vom 12. Zum 13. Dezember 1961 wurden vor der Küste Floridas alle Passagiere der Yacht „Bluebelle“ bis auf das Mädchen Terry Jo ermordet. Das Mädchen wurde von einem griechischen Frachtschiff aufgefischt und in ein Hospital gebracht. Dort, noch auf der Schwelle der Bewusstlosigkeit, plapperte das Mädchen unaufhörlich scheinbar zusammenhanglose Wörter und Sätze, die aufgezeichnet wurden. Die schwierige Aufgabe der Kriminalpolizei bestand darin, aus diesem amorphen Sprachmaterial die wirklichen Vorgänge auf der „Bluebelle“ zu rekonstruieren.

Das ist freilich weniger eine Aufgabe kluger Schlussfolgerungen als vielmehr ein Problem der „Mischung“ dieser Wörter und Sätze. Nun ist es denkbar, dass ein menschliches Gehirn gewisse Mischungen oder Wörter von vornherein ausschließt, weil sie ihm absurd erscheinen oder es einfach „nicht darauf ankommt“. Ein Computer dagegen hat solche Vorurteile nicht. Er mischt, ohne psychologische oder logische Sperren überwinden zu müssen. Und das ist es offenbar, wozu Max Bense seinen Computer der Polizei andienen möchte: Er füttert ihn mit Wörtern und Satzteilen, die Terry Jo damals wirklich gesprochen hat, und lässt ihn nun selbständig mischen, ordnen, gliedern. Das Ergebnis dieser Computerarbeit wird von Giselheid Hoensch mit der naiv-plappernden Stimme eines schwärmerischen jungen Mädchens eindrucksvoll vorgelesen und bildet die eine Säule des Hörspiels.

Die andere Säule, die offenbar Ludwig Harig beigesteuert hat, sind die Aussagen aller Personen, die je mit der „Bluebelle“ oder ihrem Kapitän Julian Harvey zu tun hatten. Harig ästhetische oder, wenn man will, dramatische Aufgabe, war es vor allem, diese Aussagen dort zwischen den Computertext zu schieben, wo sie „hingehörten“, wo sich also Beziehungen zwischen dem Monolog der Bewusstlosen bzw. den Variationen dieses Monologs durch den Computer und den klaren Aussagen der Zeugen ergaben. Das Resultat: ein faszinierendes Hörgebilde mit der Spannung eines Kriminalstücks und der eigentümlich, herben Poesie, die Computer aus puren Wörtern zaubern können.

Klaus Schöning inszenierte das Wort-Spiel zunächst wie im Raumschiff Orion: Terrys Sätze klangen hohl, verzerrt, als ob eine Maschine sie spräche. Das war sicher ein gelungener Kunstgriff, um dem Hörer das Besondere dieses Hörspiels zu suggerieren. Aber besser wäre es gewesen, die Zusammenhänge in der Ansage etwas ausführlicher als geschehen und auch etwas weniger schnell heruntergehaspelt darzulegen.

Prof. Bense, ein faszinierender Interpret seiner Experimente im persönlichen Vortrag (wer ihn je über die Informationstheorie sprechen hörte, wird das nie vergessen!), ist merkwürdig wortkarg bei der Darbietung der quasi künstlerischen Resultate – in seinen Büchern und auch hier. Offen blieb zum Beispiel, wie weit der Computer-Text reichte und wo der nach und nach „verstehende“ Zuhörer die Aussagen Terrys zu arrangieren begann. Offen blieb, ob auch die Aussagen der Zeugen authentisch oder freie Erfindung sind.

Dies und anderes wäre wichtig zu wissen, nicht nur um dieses Hörgebilde kritisch würdigen, sondern auch um beurteilen zu können, ob die von Prof. Bense offerierte Methode wirklich die geschilderte Aufklärung des Verbrechens zu leisten vermag. Max Bense, der Rationalist und gedankenscharfe Analytiker, liebt es zuweilen, mit den Requisiten eines Zauberers und Magiers zu hantieren. Und gerade eine „Entmythologisierung“ des Computers wäre doch das, was der Epoche guttäte – und Prof.  Bense nur nützen könnte bei seinen hochinteressanten Experimenten und Gedanken.

20.09.1968 – Harry Neumann/FK

 

Text aus Heft Nr. 38/1968 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

20.09.1968 – FK

Print-Ausgabe 7/2021

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