Martin Gerner: Lesbos außer Kontrolle – Der Brand in Moria und das Versagen Europas. Feature (Ö1/Deutschlandfunk)

Unschätzbar wichtige Arbeit

27.12.2020 •

Beim Wort „Hotspots“ denken die meisten Menschen zur Zeit wohl an Regionen, in denen die Corona-Fallzahlen rapide ansteigen, und nicht an die Flüchtlingscamps an den europäischen Außengrenzen. Der Grund hierfür ist offensichtlich, dass die Auswirkungen der seit Monaten andauernden Pandemie zunehmend die mediale Berichterstattung dominieren und so auch indirekt eine einseitige Bedeutungszuschreibung begünstigen.

In die Lücke innerhalb der veröffentlichten Meinung stößt nun der Journalist Martin Gerner. Er hat sich vor kurzem auf die griechische Mittelmeerinsel Lesbos begeben, um dort O-Töne zu sammeln und aus erster Hand über die Lage auf dieser vom internationalen Flüchtlingsproblem besonders betroffenen Insel berichten zu können. Gerners Feature „Lesbos außer Kontrolle – Der Brand in Moria und das Versagen Europas“, eine Koproduktion von Deutschlandfunk (federführend) und Österreichischem Rundfunk (ORF), lief am 8. Dezember vormittags als 55-Minuten-Stück im Programm Ö1 und am selben Abend in einer um zehn Minuten kürzeren Version beim Deutschlandfunk.

Diesen Herbst stand auf Lesbos das mehrfach überbelegte Flüchtlingscamp Moria, der berüchtigtste der EU-Hotspots, in Flammen und war danach nicht mehr bewohnbar. Von wem das Feuer gelegt wurde, ist bis heute unklar, und Gerner betreibt in seinem Feature auch nicht den Versuch einer detektivischen Recherche auf der Suche nach den Verantwortlichen dafür. Stattdessen vermittelt er Eindrücke vom alltäglichen Leben der Geflüchteten und der Einheimischen wie auch von den sozialen und politischen Spannungen, die entstanden sind.

So beginnt das Feature mit einer O-Toncollage, in der einige Insassen des Camps Moria, unter ihnen auch Kinder, vom Brand berichten oder Hilfeleistende die auch schon wieder desolate Situation im entstehenden neuen Lager auf Lesbos schildern. So sagt Azim Malekzada, ein Lehrer der bereits in Moria von Geflüchteten für Geflüchtete eingerichteten „Waves-of-Hope“-Schule, über das neue Lager: „Ich würde sagen, es ist noch schlimmer als Moria geworden. Zum Beispiel das Essen. Die Kinder mögen es einfach nicht. Die wollen es nicht essen. Die ganze Situation hier, Wasser, Essen, Strom, die Zelte – alle Sachen sind noch schlimmer geworden.“ Zur menschenunwürdigen Unterbringung in den neu entstehenden Anlagen des Lagers Kara Tepe, das nach dem Brand in Moria stark ausgebaut wird, erfährt man des Weiteren, dass es keine Duschen gibt, die Zelte keinen Boden haben und so eng aneinanderstehen, dass Fluchtwege fehlen.

Auch von der Stimmung unter den Einheimischen kann man sich in dem Feature ein Bild machen. Hier bleibt festzuhalten: Die Meinung zu den Asylsuchenden ist eher ablehnend, auch wenn es auf Lesbos lokale Initiativen zur Unterstützung von Geflüchteten gibt. Eine von ihnen heißt Siniparxi (deutsch: „Koexistenz“) und sie berichtet in dem Feature unter anderem von illegalen Push-Backs der griechischen Küstenwache. Auch die Rolle der EU-Grenzschutzagentur Frontex wird in dem Stück kritisch beleuchtet.

Worin aber zeigt sich nun genau „das Versagen Europas“, das im Titel benannt wird? Auch wenn Martin Gerner in seinem Feature viele einzelne Mängel und Menschenrechtsverletzungen aufzählt und von deren Folgen berichtet, ist die Kritik in dem Stück doch breiter angelegt. Implizit geht es auch um den „Türkei-Deal“ oder überhaupt die Praxis, Asylsuchende in Lager zu sperren, um sie dort im Ungewissen auf den Fortgang ihrer Asylverfahren warten zu lassen. Der Journalist Thomas von der Osten-Sacken sagt bereits ziemlich am Anfang des Features: „Das ist nicht nur ein europäisches Versagen. Das ist letztlich eine von der EU getriggerte kriminelle Angelegenheit, bei der, rechtlich, die Schwächsten der Schwachen den Preis zahlen.“ Was genau er damit meint, bleibt allerdings der Vorstellungskraft des Zuhörers überlassen. Auf wen die Kritik eigentlich zielt, bleibt unklar.

Merkwürdig erscheint die Tatsache, dass sowohl der Autor als auch der O-Tongeber von der Osten-Sacken ziemlich pauschale Negativurteile zu den auf Lesbos anwesenden internationalen Nichtregierungsorganisation (NGOs) abzugeben scheinen. So kann der Eindruck entstehen, dass NGOs keine wichtige Arbeit vor Ort leisteten. Dabei ergibt sich vorher etwa über die O-Töne ein durchaus vielfältiges Bild von den Hilfeleistenden, die für NGOs arbeiten. Und auch von der Osten-Sacken berät eine Hilfsorganisation auf Lesbos. Die Widersprüche werden leider nicht an konkreten Beispielen nachvollziehbar gemacht.

Große Bögen, was Zusammenhänge angeht, will das Feature vielleicht auch gar nicht schlagen. Eher scheint das Ziel, möglichst viele Impressionen und Perspektiven von der Insel zu liefern, was manchmal zum Eindruck eines etwas überladenen Nebeneinanders der vielen Informationen führen kann. Doch als Fazit lässt sich feststellen, dass Martin Gerner und Regisseur Matthias Kapohl aus dem Material ein sehr hörenswertes Feature produziert haben. Es arbeitet viel mit den Fieldrecordings des Autors und vermittelt so den Eindruck der Unmittelbarkeit. Ohne auf die Tränendrüse zu drücken, bringt einem das Feature die weiterhin unhaltbare Situation in dem Lager auf Lesbos nahe, nicht nur emotional, auch rational. Und es bringt generell das Thema Flucht ins Gedächtnis zurück. Damit hat Gerner eine unschätzbar wichtige Arbeit geleistet.

27.12.2020 – Rafik Will/MK

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