Marius Goldhorn: Park revisited (SWR 2)

Antiheld in Auflösung

27.07.2021 •

Bereits der schmale Debütroman „Park“ (Suhrkamp 2020) des sich rasch etablierenden Autors Marius Goldhorn, 1991 in Koblenz geboren, hat allgemeine Aufmerksamkeit erregt und ließ Björn Hayer bei spiegel.de (15.6.2020) nach der Lektüre verhalten von einem „mit viel erzählerischer Verspieltheit“ daherkommenden Buch schwärmen. „In seiner Internet-Blase“, so Hayer, „wirkt alles gleich: Yoga-Tutorial, Artischockenfestival, Terroranschlag.“

Ja, dieser Goldhorn versteht es, seine Leser durch die lässig aufgehäufte Mixtur von Cyberuniversum, Urknall, Wikipedia und Internet-Offenbarungen bei wunderbarer Leselaune zu halten. Ihre Liebe pflegen die unscheinbare Odile und ihr schreibender und dichtender Beobachter Arnold achtlos in Athen oder Paris, während um sie herum im Netz unvermeidliche Terroranschläge oder blutige Demonstrationen toben. Irdische Wirklichkeiten hier unten und in den Spielräumen der Parallelkammern der Relativitätstheorie im Kosmos draußen werden locker durchmessen. Ein richtiges Happy-End lässt sich da nicht aufdrängen. Das MacBook gibt seinen Geist wegen Lademangels einfach auf. Finis.

Marius Goldhorn und Henning Nass haben den Roman für die Hörspieleinrichtung des SWR nochmals ganz kräftig durchgeschüttelt und -gemixt (Dramaturgie: Manfred Hess). Folgerichtig lautet jetzt die Programmankündigung für den SWR-2-Sendeplatz „Hörspielstudio“: „Park revisited – nach dem Roman „Park“ von Marius Goldhorn“. Erkennbar als Protagonisten Arnold und Odile bleiben allein die Stimmen von Maximilian Brauer und Lilith Stangenberg, während drei weitere Erzählerstimmen – eine Frauenstimme (Susanne Bredehöft) und eine Männerstimme (Bernhard Schütz) – und die des Autors Marius Goldhorn zu entdecken sind. Das funktioniert auch wunderbar, bei Susanne Bredehöft mit lasziver Stimme aus einem denkbaren Etablissement oder Boudoir, bei Bernhard Schütz mit sonor und patriarchal eingefärbtem Machogestus.

Mit Marius Goldhorns Stimme verhält es sich dann doch anders. Ja, auch der Autor darf hier sprechen. Sein Vorlesen vor dem Mikrofon – aber das ist kein gravierender Ausrutscher – erinnert von fern an die letztlich gescheiterten Vortragskünste in eigener Sache der Dichter Paul Celan (1920-1970) oder Günter Eich (1907-1972) im Rundfunk. Auch als große Lyriker blieben deren Sprechversuche im Radio stets nur ein matter Abglanz des künstlerisch Erwünschten. Ähnlich unbeholfen wirkte hier der Einsatz der Autorenstimme von Marius Goldhorn. Doch der Hörspielbearbeiter und Regisseur Henning Nass wird dieses billigend in Kauf genommen haben, gab es doch der 67-minütigen Hörspielproduktion schließlich den Anstrich des Dokumentarischen, den kleinen Einblick in eine veritable Radiowerkstatt. Wunderbar naiv-kindlich und verträumt spricht dagegen Lilith Stangenberg die wie nur angetupfte Arnold-Freundin Odile, die gewissermaßen auch vor dem Abflug in die Welt der Aliens steht, allerdings noch ein Filmprojekt in Athen abschließen muss.

Das Verschlingen und Verketten von Politik, Halbbildung, Trash, Cyberwahn und „Crash“ (David Cronenberg) wird zum eigentlichen Hörvergnügen in dieser insgesamt feurigen und gelungenen Hörspielproduktion. In simultaner Selbstverständlichkeit bohrt dieser Hörspiel-Arnold in Schwarzen Löchern, träumt den Revolutionen am Bildschirm nach, lässt Gingkobäume wachsen, tänzelt am „Ereignishorizont“ zwischen Memory-Schaum und „simulierter Abgefucktheit“ und wundert sich auch mal über Partygäste, „die ihm überdurchschnittlich gesund vorkamen“. Ja, „Arnold dachte an die simple Ordnung des Universums zu seiner Anfangszeit. An den Beginn der Zeit. Und Arnold wurde klar, dass er ein Ausdruck von Komplexität war, den das Universum erreicht hatte. Ihm wurde klar, dass die silberne Kette, die Odile und er sich vor über einem Jahr online bestellt hatten, von einer Supernova vor Milliarden Jahren geschmiedet worden waren.“

Sicher hätte die Regie auf den stammelnden Sprechgesang aus „Griechischer Wein“ (nach Udo Jürgens; Hörspielminute 44) mit Gewinn verzichten können. Das war dann doch zu dick aufgepinselte Volkskunde, die dem MacBook-Pärchen sogar nicht zu Gesicht, Festplatte und Stimme stand. Ansonsten freilich unterstrich die Produktion einen wunderbaren sarkastischen-ironischen Zungenschlag im Dienst der Weltraum- und MacBook-Leere, die hinter dem Medienopfer Arnold eine fatale digitale Demenz nahezu mit beängstigender Gewissheit vermuten lässt. Der mentalen Selbstzerstörung und Auflösung im Radio zu folgen, fordert Empathie und gehöriges Mitleiden mit dem Antihelden in Auflösung, hat aber, zugegeben, mächtig Spaß und süchtig gemacht. Der Radio-Arnold ist Ausdruck kondensierter Langeweile, Produkt eines „Ennui“, das Blaise Pascal (1623-1662) in „Pensées sur la religion et sur quelques autres sujets“ bereits beschrieben hat. Marius Goldhorn, ansonsten unübertroffen zitierfreudig, ja, wütig, verzichtet in Hörspiel und Buch auf diesen Hinweis.

27.07.2021 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 17/2021

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