Mariola Brillowska: Der Liebeskassierer (WDR 3)

Mitreißend inszeniert

12.07.2020 •

Liebesschmerz ist zwar ein trauriges Thema – dass man daraus aber kein schwermütiges Hörspiel machen muss, zeigt Mariola Brillowska mit ihrem neuen Stück „Der Liebeskassierer“, einer Produktion, die sie in Eigenregie beim WDR realisiert hat. Das wuselig-lebendige Feeling, das dieses Hörspiel vermittelt, entsteht unter anderem auch durch dessen besondere Gestaltungsform. Denn „Der Liebeskassierer“ ist eine Lovestory, die von hinten nach vorne rekapituliert wird. Die im Hörspiel dargestellte Geschichte einer gescheiterten Paarbeziehung beginnt also mit dem Ende der Zweisamkeit und arbeitet sich von dort aus bis zu den ersten Liebesbriefen vor. Ergänzt wird diese umgekehrte chronologische Reihenfolge der Szenen durch eine Rahmenerzählung, die zeitlich nach den turbulenten Ereignissen angesiedelt ist.

Anders als etwa die französische Fotografin, Installations- und Konzeptkünstlerin Sophie Calle, die in ihrem Beitrag „Prenez soin de vous“ („Geben Sie Acht auf sich“) für die Biennale in Venedig 2007 das Scheitern einer eigenen – authentischen – Beziehung verarbeitete, setzt Mariola Brillowska in ihrer Radioarbeit „Der Liebeskassierer“ auf Post-Authentizität, indem sie als Erzählerin und Hauptfigur des Stücks eine Musikerin und Lyrikerin namens Lola B. verwendet, der sie als Sprecherin auch ihre Stimme leiht. In Nebenrollen sind Bela Brillowska, Gloria Brillowska, Ludger Dünnebacke, Philipp Mummenhoff und Felix Kubin zu hören.

Eröffnet wird das Hörspiel mit einem bassgesättigten Autotune-Song von Lola B., in dem es heißt: „Ein Liebeskassierer hat viele Namen, hat kein Herz, bringt den Schmerz“. Als nächste Textzeilen folgen Synonyme und Umschreibungen für den Liebeskassierer: „Ein Schwerenöter, Lüstling, ein herkömmlicher Playboy, ein Belami und Verlierer, ja, ein Liebeskassierer. Ein sehr gewöhnlicher Held, ein ungenierter Witwenverführer, Giovanni Casanova“ – und noch einige mehr. Hier wird direkt erklärt, was das sein soll, ein Liebeskassierer, nämlich jemand, der Liebe nimmt, ohne sie zu geben, sein Gegenüber also ‘abkassiert’.

Nachdem die Frage nach der Bedeutung des (originellen) Hörspieltitels damit bereits am Anfang geklärt worden ist, setzt zunächst die bereits erwähnte Rahmenerzählung ein. Sie ist im Flüsterton gehalten. Die Beendigung der Beziehung am Telefon durch Lola B. hat ihrer Stimme derart zugesetzt, dass sie nunmehr nur noch ganz leise sprechen darf, wenn ihre Stimmbänder nicht reißen sollen. Es folgt eine Rückblende zum folgenreichen Telefonat, dass in deftiger bis vulgärer Sprache geführt wird – sicher nicht jedermanns Geschmack. Doch die Wortwahl entspricht eindeutig dem rhetorischen Kriterium der Situationsangemessenheit.

So geht es also weiter: Die mit vorgeblich heiserer Stimme gesprochene Rahmenerzählung liefert die Grundierung, von der sich die deutlich explosiver gestalteten Szenen sehr schön abheben können. Die emotionale Kühle des Flüstertons bringt auch die unterschiedlichen Stimmungen in den Szenen bestens zur Geltung – es ist die reinste Achterbahnfahrt. Auf den eben herausgebrüllten Hass folgt bald die Trauer um die aufgedeckte Untreue des Liebeskassierers. Die daraus resultierende Krise Lolas mündet in einen Sprung aus einem nicht in Bodennähe befindlichen Fenster, den sie überlebt und der sie ins „Liebeskrankenhaus“ führt. Die anfängliche zärtlich-wattierte Verliebtheit findet ihren Platz gegen Ende des Hörspiels in anrührenden Liebesbriefen und Liebessongs.

Dem Liebeskassierer selbst wird im Hörspiel keine Stimme gegeben. Er ist die Projektionsfläche von Lolas Gefühlen und der Gegenstand ihrer „Phantombildpoesie“, er entzieht sich einer unmittelbaren Darstellung und bleibt für die Hörer ein Phantom.

Wunderbar rund erweist sich das Hörspiel letztlich durch die etwas schräge, aber in sich schlüssige Rahmenerzählung. Lola hat das heisere Flüstern mittlerweile zu ihrem Markenzeichen als Musikerin gemacht und feiert auf diese Weise ungeahnte Erfolge. Mit ihrem Album „Killing Love“ will sie nun auf Tournee gehen, was ihr Ex-Lover, jener Liebeskassierer, jedoch mit einer einstweiligen Verfügung zu verhindern versucht. Jetzt bestimmen Anwälte und Manager den weiteren Verlauf. Obwohl sie ihre Selbstbestimmtheit wiedergefunden hat, befindet Lola sich erneut in einer abwartenden Position, sie gelangt damit vom Gefühlschaos in ein juristisches Chaos.

Selten hat man emotionale Ausnahmesituationen so mitreißend und überzeugend im Radio inszeniert gehört wie in diesem nur knapp 30 Minuten langen Stück. Absolut hörenswert – nicht nur für Menschen in Liebesstreitigkeiten. (Das Hörspiel ist noch ein Jahr lang in der WDR-Mediathek und der ARD-Audiothek abrufbar.)

12.07.2020 – Rafik Will/MK

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