Mariola Brillowska: Arm und Pampig. Eine Mehrgenerationenfamilie meistert ihr Leben. 8‑teilige Kurzhörspielserie (Deutschlandfunk Kultur)

Mit Herz, Hirn und Haltung

09.06.2021 •

Was verbirgt sich hinter dem Sendetitel „Arm und Pampig. Eine Mehrgenerationenfamilie meistert ihr Leben“? Eine pseudocaritative Sozialreportage oder eher eine voyeuristische Scripted-Reality-Show? Zum Glück nichts dergleichen. Die achtteilige Kurzhörspielserie „Arm und Pampig“ der Medienkünstlerin, Trickfilmerin und Hörspielautorin Mariola Brillowska bildet vielmehr einen fiktionalen Gegenentwurf zu solchen Formaten.

Im Stil einer Sitcom wird hier eine in prekären Verhältnissen lebende Familie vor immer neue Herausforderungen gestellt. Schon einfache Unwägbarkeiten können dabei das mehr schlecht als recht funktionierende Haushalten mit den verfügbaren Ressourcen verunmöglichen. Der materiell bedingte Druck auf die aus vier Frauen bestehende Familiengemeinschaft führt zu einem rasanten Handlungstempo, das von der Form einer Serie mit rund drei bis vier Minuten dauernden Episoden in seiner Geschwindigkeit unterstützt wird. Für diesen Effekt sorgt auch die von Felix Kubin für das Stück komponierte beschwingte E‑Orgelmusik.

Im Radio ausgestrahlt wurden die einzelnen Folgen zwischen Mitte März und Mitte Mai im Rahmen der samstäglichen Magazinsendung „Echtzeit“ von Deutschlandfunk Kultur. Mit „‘Szpital Polski’ – Krankenhaus des Grauens“ hatte Mariola Brillowska bereits letztes Jahr eine Serie für diesen Sendeplatz umgesetzt, der unter dem Label „Echtzeit-Serie“ auch einen eigenen Podcast hat.

Die handelnden Personen in „Arm und Pampig“ sind Mutter Amanda (Mariola Brillowska), ihre beiden pubertierenden Töchter Emma (Bela Brillowska) und Elisa (Flowria Gempeler) und die Rentnerin Anita (Ingrid Knoth). Weil sie sich eine eigene Wohnung nicht mehr leisten konnten, ist die alleinerziehende Mutter mit ihren beiden Kindern kurzerhand bei der Rentnerin eingezogen, die von den drei neuen Mitbewohnern „Oma Anita“ genannt wird. Gemeinsam versuchen sie, der Not zu trotzen. Zu essen gibt es bei ihnen tagein tagaus Bananen: Bananensuppe, Bananenkekse, Bananenporridge. Denn die überreifen Früchte werden vom Händler gratis ausgegeben, erklärt Amanda. Anita findet das in Ordnung, ihr Lieblingssatz dazu ist: „Bananen sind sehr nahrhaft.“ Auch sonst lebt sie genügsam, ein Kleiderschrank ist ihr einziger Rückzugsort.

Die beiden Jugendlichen hingegen sind anspruchsvoller, imitieren beim Klang des Worts „Bananen“ Erbrechensgeräusche und kaufen zum Beispiel auch schon mal blaue Haartönung (Amanda: „Wahrscheinlich weil sie nicht so aussehen wollen wie all die Politpopulisten im Fernsehen: Marine Le Pen, Donald Trump, Putin, Johnson“). Für diese luxuriöse Anschaffung ist allerdings das letzte Geld draufgegangen, weshalb die Heizung abgestellt wurde. So in etwa werden in der ersten Folge mit dem Titel „Heizung nicht bezahlt“ die grundlegenden Voraussetzungen des Stücks etabliert.

In den weiteren Episoden wird versucht, mit den Vintage-Klamotten aus Anitas Schrank an Geld zu kommen (Folge „Ab zum Flohmarkt“), ins Auge gefasst, aus aufgeweichten Pizzaresten vom Schulessen neues Brot zu backen („Kantinenessen“), oder der nunmehr geleerte Schrank wieder aufgefüllt, weil es darin zieht („Kleiderspenden sammeln“). Handlungstreiberinnen sind meist Emma und Elisa. Entweder stellen die beiden Teenager Blödsinn an oder sie versuchen wiedergutzumachen, was sie dabei angerichtet haben. Ihr Sprachstil pendelt zwischen Gossenslang und Beauty-Tutorial. Oma Anita wirkt leicht entrückt, ist aber doch immer mit lebenspraktischen und sehr brauchbaren Tipps zur Stelle. Beinahe überdrehter als ihre Töchter ist Amanda, die versucht, den Alltag irgendwie zu managen.

Das alles ist sehr kurzweilig anzuhören. Die überspitzt angelegten Rollen werden aber von den Darstellerinnen nicht nur auf ihr komisches Potenzial abgeklopft, gleichzeitig werden sie auch mit Empathie gespielt. So hat der Einblick in das Leben einer fiktiven Gruppe von sogenannten Abgehängten stark sozialkritische Züge. Gezeigt wird ihr Dasein als eine Art Krise im Dauerzustand – eine treffsichere Beschreibung der Konsequenzen von Armut. Bei näherer Betrachtung wirken sogar schräge Elemente wie der ständige Verzehr von Bananen oder ein Schrank als einziger privater Raum realistischer, als man zunächst meinen möchte. Einseitige Ernährung und enge Wohnverhältnisse sind ganz wirkliche Probleme für eine in der Corona-Krise wachsende Zahl von betroffenen Menschen.

Am Ende der ersten Serienstaffel (die zweite ist bereits in Arbeit) wird es dann aber doch noch sarkastisch und schwarzhumorig. Denn die finanzielle Knappheit führt zu einem Gespräch mit Anita, ob sie im Fall ihres Ablebens auch mit einer Beerdigung im Jutebeutel vom „Bio-Bestattungsladen“ einverstanden wäre. Trotz dieses Pragmatismus der Protagonistinnen ist „Arm und Pampig“ aber auch ein gelungenes Gedankenspiel über soziales Miteinander jenseits von Blutsbanden – denn es handelt sich ja um eine Wahlfamilie – in einer beinahe postapokalyptisch anmutenden Wirklichkeit. Und so erweist sich die Produktion insgesamt als ein großartiges Hörspiel mit Herz, Hirn und Haltung. (Die Serie ist über die Website von Deutschlandfunk Kultur weiterhin abrufbar.)

09.06.2021 – Rafik Will/MK

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