Margot Overath: Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau. 5‑teilige Feature-Serie (WDR 5)

Der Job von Journalisten

30.06.2020 •

Als die durch ein Handyvideo dokumentierte qualvolle Tötung des Afroamerikaners George Floyd durch einen Polizisten in Minneapolis im US-Bundesstaat Minnesota am 25. Mai durch die sozialen und redaktionellen Medien ging, löste sie weltweit Proteste gegen Polizeigewalt und eine Debatte über systemischen Rassismus aus – auch in Deutschland. Seit mehr als zehn Jahren ermittelt die freie Feature-Autorin Margot Overath einem besonders grausamen Todesfall in Polizeigewahrsam hinterher, geschehen in Deutschland. Es ist einer von 27 solcher Fälle zwischen 1993 und 2018, die die Berliner Dokumentationsstelle Antirassistische Initiative e.V. gesammelt hat. Mit ihrer fünfteiligen Feature-Serie „Oury Jalloh und die Toten des Polizeireviers Dessau“ setzt Margot Overath ihre Langzeitrecherche fort.

Am 7. Januar 2005 verbrannte in der Zelle Nr. 5 des Polizeireviers Dessau in der Wolfgangstraße der aus Sierra-Leone stammende Asylbewerber Oury Jalloh – an Händen und Füßen gefesselt auf einer feuerhemmenden Matratze in einer raumhoch gekachelten Gewahrsamszelle. Kaum eine Stunde nach der Entdeckung des verkohlten Leichnams legten sich Polizei und Staatsanwaltschaft der Stadt Dessau-Roßlau (Sachsen-Anhalt) darauf fest, dass Jalloh die Matratze selbst mit einem Feuerzeug angezündet habe. Mit einem Feuerzeug, das erst drei Tage nach der Tat urplötzlich in einer Tüte mit Brandschutt auftaucht, während gleichzeitig Spuren vernichtet, Videoaufnahmen gelöscht, Asservate, Aktenvermerke und andere Dokumente im Lauf der „Ermittlungen“ verschwinden.

„Ermittlungen“ muss man hier in Anführungszeichen setzen, denn ergebnisoffen aufgeklärt wurde hier nichts. Erst 2017, zwölf Jahre nach dem Tod Jallohs, äußert der Dessauer Oberstaatsanwalt Folker Bittmann, der bis dahin an der Selbstmordthese festgehalten hatte, einen Tatverdacht gegen zwei Polizeibeamte, gegen die Ermittlungen einzuleiten seien. Es geschieht: nichts. Bis heute, nach seiner Pensionierung, ist Folker Bittmann an seine lebenslange Verschwiegenheitspflicht gebunden, solange ihn die vorgesetzte Generalstaatsanwaltschaft nicht davon entbindet. Die sieht keine Veranlassung dazu.

Schon 2010 hat Margot Overath mit dem Feature „Verbrannt in Polizeizelle Nummer 5: Der Tod des Asylbewerbers Oury Jalloh in Dessau“ (MDR/NDR/Deutschlandfunk) den Fall aufgegriffen und 2014 mit „Oury Jalloh – die widersprüchlichen Wahrheiten eines Todesfalls“ (MDR) nachgelegt. Beide Stücke sind auf der Website der Autorin nachzuhören (www.margotoverath.de). 2016 ist Margot Overath für ihr intensiv recherchiertes Gesamtwerk mit dem Axel-Eggebrecht-Preis ausgezeichnet worden (vgl. MK-Artikel).

In ihrer fünfteiligen, für den WDR produzierten Feature-Serie fängt Overath in insgesamt zweieinhalb Stunden das Bild von der sachsen-anhaltischen Polizeidienststelle mit vielen O-Tönen ein und liefert auch neue Erkenntnisse zum Motiv des mutmaßlichen Tötungsdelikts. Denn Oury Jalloh war nicht der erste Mensch, der im Polizeirevier Dessau oder im unmittelbaren Umfeld des Reviers zu Tode gekommen ist. 1997 stirbt Hans-Jürgen Rose, schwer alkoholisiert, angeblich nachdem er die Wache verlassen hatte. Seine Lendenwirbel­säule ist gebrochen. Es gibt Indizien, dass er an eine Säule in der Polizeikantine gefesselt und geschlagen worden sei. „Eine Disziplinierungsmaßnahme aus DDR-Zeiten“, sagt ein Kripo-Informant, der anonym bleiben will, jeder habe davon gewusst. 2002 erliegt Mario Bichtemann den Hirnblutungen nach einem Schädelbruch – in derselben Zelle, in der drei Jahre später Oury Jalloh verbrennt. Wurden beide Männer als „Opfer minderer Bedeutung?“ angesehen, wie der Titel von Folge 4 der Feature-Serie lautet.

Neuauswertungen der Röntgenbilder, die nach Jallohs Tod nicht etwa von der Staatsanwaltschaft, sondern von seinen Angehörigen veranlasst wurden, zeigen, dass nicht nur das Nasenbein des Opfers gebrochen war, sondern auch eine Rippe und das Schädeldach. Wurde der bewusstlose Oury Jalloh mit einem Brandbeschleuniger übergossen und angezündet, um die Misshandlungen zu verdecken? In den Akten tauchen immer wieder zwei Personen auf: Dienstgruppenleiter Andreas S., ein ehemaliger Volkspolizist, und X., ein Polizeibeamter, der sieben Monate nach dem Tod Jallohs aus dem Beamtenverhältnis entfernt wurde. Auf Overaths Nachfrage bei der Polizei Dessau reagiert die Pressesprecherin des Polizeidirektors mit einem überspezifischen Dementi, nämlich indem sie per E-Mail mitteilte: „Im Zusammenhang mit dem Fall Oury Jalloh erfolgte keine Entfernung aus dem Dienst beziehungsweise Entlassung aus dem Beamtenverhältnis sowie kein vorzeitiger Eintritt in den Ruhestand.“

Wie erzählt man so eine Geschichte, bei der man, um es mit Max Liebermann zu sagen, „gar nicht so viel fressen kann, wie man kotzen möchte“. Regisseur Nikolai von Koslowski, der schon die beiden anderen Oury-Jalloh-Features von Margot Overath inszeniert hat, besetzte nun in der Feature-Serie die Stimme der Autorin mit der Schauspielerin Eva Meckbach, die sachlich bleibt, auch wenn man Empörung für angemessen halten würde. Margot Overath kommt punktuell aber auch im O-Ton vor. Ganz zu Anfang beispielsweise, als ein Staatsanwalt ihr droht, das Aufnahmegerät zu beschlagnahmen.

Viele der Interviewpartner aus dem unmittelbaren Umfeld wollten anonym bleiben, wollten ihre Stimme nicht offenbaren und mussten deshalb nachgesprochen werden. Andere, auch Experten, werden nur mit einem Namenskürzel eingeführt und äußern sich extrem vorsichtig, ebenso wie die Autorin/Erzählerin, die eine Fülle von Indizien recherchiert hat, es aber der Hörerschaft überlässt, die Schlussfolgerungen zu ziehen.

Einem Drehbuchautor würde man die haarsträubend dreisten Vertuschungsversuche von Polizei und Behörden niemals durchgehen lassen. In der von Corpsgeist verpanzerten geschlossenen Gesellschaft des Sicherheitsapparats in Dessau-Roßlau ist man aber bis jetzt damit durchgekommen. Der Weg durch die Instanzen ist fast ausgeschöpft. Eine Beschwerde von Oury Jallohs Brüdern beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe läuft noch. Danach bleibt nur noch der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte.

Die Politik ist übrigens auch nicht weiter an der Aufklärung interessiert. Im Februar 2019 ist ein von der Linken-Fraktion im Landtag von Sachsen-Anhalt beantragter parlamentarischer Untersuchungsausschuss bei Enthaltung der Regierungsfraktionen von CDU, SPD und Grünen mit den Stimmen der AfD (bei der Landtagswahl 2016 mit 24,3 Prozent und 25 Sitzen zweitstärkste Partei) abgelehnt worden.

Von einer bitteren Begebenheit wird am Schluss der Feature-Serie dann noch berichtet. An einem Aktivisten, der bei einer Demonstration anlässlich des Todestages von Oury Jalloh ein paar Polizisten Feuerzeuge vor die Füße geschmissen hatte, wird ein Exempel statuiert. Er wird wegen „versuchter gefährlicher Körperverletzung“ angeklagt, was später zu „versuchter Körperverletzung“ ermäßigt wird. Er wird vom Dessauer Gericht im Februar 2019 nach neun (!) Verhandlungstagen zu einer Geldstrafe von 15 Tagessätzen à 20 Euro verurteilt.

Nach den zweieinhalb Stunden der Feature-Serie von Margot Overath, die schon vor der wöchentlichen linearen Ausstrahlung im Radioprogramm WDR 5 auf dessen Webseite komplett online standen, fragt man sich, in welchem Land wir eigentlich leben. Offensichtlich in einem, in dem Journalisten den Job von Ermittlungsbehörden machen müssen, wenn die nicht einmal bei schwersten Kapitalverbrechen in den eigenen Reihen die Gewähr bieten, jederzeit für die freiheitlich-demokratische Grundordnung einzutreten.

30.06.2020 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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