Margareta Bloom-Schinnerl: Als Haren Maczków hieß. Eine polnische Besatzungszone im Emsland. Feature (Deutschlandfunk/NDR Info)

Ein blinder Fleck deutscher Geschichte

24.06.2016 •

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde Deutschland von den Alliierten bekanntlich in vier große Besatzungszonen aufgeteilt, die amerikanische, die britische, die französische und die sowjetische. Hinzu kam allerdings noch eine weitere kleine Zone im nördlichen Emsland: die polnische Besatzungszone. Zu deren Zentrum entwickelte sich die Stadt Haren, die zu jener Zeit den polnischen Namen Maczków erhielt. Mit dieser wenig bekannten historischen Tatsache beschäftigt sich Margareta Bloom-Schinnerl, Professorin für Medien und Journalismus an der Hochschule Oldenburg, im Feature „Als Haren Maczków hieß. Eine polnische Besatzungszone im Emsland“ (Regie: Thomas Wolfertz). Die Koproduktion von Deutschlandfunk (DLF) und Norddeutschem Rundfunk (NDR) wurde zunächst Anfang Mai in einer um zehn Minuten gekürzten Fassung im DLF-Programm und Anfang Juni in voller Länge (55 Minuten) bei NDR Info ausgestrahlt.

Das Feature beginnt, indem der historische Hintergrund des Themas geschildert wird. Zunächst wird vom Schicksal weiblicher Überlebender des Warschauer Aufstands von 1944 berichtet, die im Oktober 1944 in Viehwaggons gepfercht in ein von den Nazis im nordwestdeutschen Oberlangen errichtetes Frauenlager transportiert werden. Auf der Fahrt dorthin passieren sie Haren. Zwei Monate vorher ist in der Normandie General Stanislaw Maczek gelandet, der Oberbefehlshaber der 1. Polnischen Panzerdivision. Im April 1945 wird das Lager Oberlangen dann endlich, unter anderem von polnischen Soldaten, befreit. Polnische Militärangehörige und polnische „Displaced Persons“ bilden auch bald die Einwohnerschaft des nahegelegenen Haren. Seinen neuen Namen erhält der Ort zu Ehren des polnischen Generals Maczek (1892 bis 1994), dessen Verdienste während des Kriegs damit gewürdigt werden sollten. Der Status einer Besatzungsmacht sowie das Territorium wurden Polen vom britischen Premierminister Winston Churchill zuerkannt.

Verknüpft und belebt werden diese Punkte des historischen Settings von Margareta Bloom-Schinnerl durch O-Töne von Zeitzeugen und mit Archivmaterial (Sprecher: Hussein Michael Cirpici, Kerstin Fischer, Maria Munkert, Wieslawa Wesolowska und Glenn Goltz). So entwickelt sich das Bild von einem im Werden begriffenen Zentrum polnischer Kultur – man erfährt von Auftritten gefeierter polnischer Schauspielstars in der Stadt oder dass schon im Sommer 1945 der Stargeiger Yehudi Menuhin und der englische Dirigent Benjamin Britten im Rahmen ihrer europäischen Konzertreihen für die Opfer des Krieges nach Maczków kamen. Neben der Kultur geht das Feature auch auf die anderen wichtigen Bereiche des alltäglichen Lebens in Maczków ein, wie etwa auf die Bildung. Hier tat sich die polnische Verwaltung durch den Aufbau einer sehr guten Bildungsinfrastruktur hervor, die quasi aus dem Nichts geschaffen werden musste.

Neben diesem Überblick über das Leben in der Stadt wird auch eine kleine Chronik des Ortes geliefert. Schon im ersten Nachkriegswinter 1946 kommt es zum Bruch eines nahegelegenen Damms, wodurch die ganze Ortschaft überflutet wird. Dieses Unglück mutet beinahe wie ein schlechtes Omen für das weitere Schicksal dieses polnischen Zentrums auf deutschem Gebiet an. Denn Großbritannien nähert sich allmählich dem von Stalin eingesetzten „Lubliner Komitee“ an, also der zu dieser Zeit provisorischen Regierung Polens, und kappt die Verbindungen zur in London residierenden polnischen Exilregierung; die Alliierten entziehen ihr schließlich die offizielle Anerkennung, was das Aus für Maczków bedeutet. Am 8. September wird der Ort wieder an die vorher ausquartierten Deutschen zurückgegeben und wechselt seinen Namen zurück zu Haren. Das Ende von Maczków geht aber nicht ohne antipolnische Tumulte von deutscher Seite ab. So wird im Februar 1948 etwa der Umzug einer polnischen Schule verhindert, indem das Mobiliar von einem pöbelnden deutschen Mob entwendet wird.

Die polnischen Einwohner der Stadt Maczków verschlägt es in alle Himmelsrichtungen. Einige gehen nach Polen, andere wandern aus, etwa nach Nordamerika. Sie alle verbindet jedoch die Erinnerung an diesen einen besonderen Ort, der nur für kurze Zeit existierte. Dieser weitgehend blinde Fleck deutscher Geschichte ist durch das hörenswerte Feature aufgehellt worden. (Das Stück ist auf der Website von NDR Info mittels Download weiterhin zum Nachhören abrufbar.)

24.06.2016 – Rafik Will/MK