Maren Kames/Milena Kipfmüller/Klaus Janek: 90° 0‘ 0‘‘ S (SWR 2)

Endzeit-Genesis

16.07.2019 •

Der freien Autorin und Übersetzerin Maren Kames, Jahrgang 1984, ist ein im deutschen Literaturbetrieb seltenes Kunststück gelungen: Mit ihrem 2016 veröffentlichten Lyrik-Debüt unter dem Titel „halb Taube halb Pfau“ gelang ihr auf Anhieb ein sowohl literarisches wie auch bibliophiles Meisterstück (Secession-Verlag, Zürich). Denis Scheck sprach im SWR von einem „wirklich spektakulären Debüt“, Christian Metz lobte in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ den „neuen deutschen Lyrikleitstern“. Und in der Tat, die arktischen und antarktischen Seelenräume, die Maren Kames durchmisst, die Erkundungen der Psyche als Exploration des entwurzelten Ichs, das ist faszinierend komponiert und ins Wort gesetzt: „Ich stehe auf dem Land. Ich klappe mich auf und taste, greife, grabe, kratze an verschiedenen tiefen Stellen nach einer pulsierenden Quelle, einem wütenden Geysir.“

Und wenn jetzt Maren Kames, über die Maßen bescheiden, ja, fast irreführend im Sendemanuskript zu ihrem ersten Hörspiel „90° 0‘ 0‘‘ S“ behauptet, die Radioproduktion stütze sich auf den oben erwähnten Lyrikband, so ist dies insofern höchst fragwürdig, als das 52-minütige Hörstück mit den Stimmen von Marina Frenk, Thomas Bading und Thorsten Schlopsnis gänzlich neue Hörräume auslotet und durchmisst, Konstellation, die die das Buch nur ansatzweise anspielt. Ganz neu ist zum Beispiel im Hörgeschehen, dass die Autorin jetzt auch in Ausschnitten und Bruchstücken den mysteriösen Logbucheinträgen des Antarktis-Forschers Admiral Richard E. Byrd (1888-1957) folgt, einem Wissenschaftler, dem bis heute geheimnisvolle Beziehungen zu den Freimaurern nachgesagt werden.

Auch greift das Hörspiel – dessen Titel „90 Grad, 0 Minuten, 0 Sekunden Süd“ den geografischen Südpol bezeichnet – bedrohlich-schöne lexikalische Einträge über die vergangene und zukünftige Erdgeschichte auf, Einblicke, die auf unaufhaltsame Veränderungen unseres Planeten verweisen und dabei auch angstbesetzt sein können: „In 20 Millionen Jahren wird sich Ostafrika entlang des Ostafrikanischen Grabenbruchs vom übrigen Afrika abspalten und dabei einen neuen Ozean bilden, der sich mit dem Roten Meer verbinden wird. Die Iberia löst sich von Europa und dreht sich leicht im Uhrzeigersinn.“ Ganz im Sinne dieser futurischen Endzeit-Genesis warnt im Finale eine männliche Stimme die „Landsleute“ und gibt zu verstehen, dass die Zeiten vorüber seien, als man sich in die Isolation zurückziehen konnte, und das im Vertrauen auf stabile Meere und Pole.

Die Radiogeschichte, die hier erzählt wird, fesselt im Zusammenspiel und Zusammenprall von suchendem Ich und einer Weltengeschichte, die auch das letzte überlebende „lyrische Ich“ mit einer bedingungslosen Zielgerichtetheit in sich einbinden, verschlingen und auslöschen wird. Da stockt der Atem und gleichzeitig ist diese einstürzende und abschmelzende Welt mit berstendem Eis und flottierenden Kontinenten ein berauschender Befreiungsschlag.

Für die Produktion von Maren Kames, Milena Kipfmüller (Regie und Hörfunkeinrichtung) und Klaus Janek (Musik) stellte der Südwestrundfunk wie zu den besten Zeiten des Neuen Hörspiels seine Studios und technischen Möglichkeiten zur Verfügung. Der Sender bemerkte hierzu im Pressetext: „Diese Arbeit ist das Ergebnis einer kooperativ gedachten Autorenschaft, die viele Kunstprojekte der jüngeren Generation kennzeichnet, die zwischen Installation, Performance, Klangkunst und Lyrik angelegt sind. […] Der kreative Prozess kennt hierbei kein Primar von Text, Musik oder Regieidee. Alles steht zur Disposition und Transformation.“

Der Text von Maren Kames mit ihren brillant collagierten Einschüben ist übrigens so stark und überzeugend, dass man sich jenseits dieser Studioproduktion beim SWR durchaus noch weitere akustische Regiezugriffe vorstellen könnte. Da wurden nicht alle denkbaren Regieregister gezogen, eher Versuchsanordnungen erprobt. Vorzug dieser Herangehensweise im Studio: Es dominierten Respekt und Vorsicht, es wurde den Verlockungen stärkerer Akzente (die unbedingt möglich waren) widerstanden.

16.07.2019 – Christian Hörburger/MK