Marcel Proust: Die Gefangene. 3‑teiliges Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman. Funkbearbeitung: Manfred Hess und Hermann Kretzschmar (SWR 2/Deutschlandfunk)

Hörspielkunst auf hohem Niveau

05.06.2020 •

Vor über zwei Jahren wagte man im Südwestrundfunk (SWR) den Versuch, das als sehr schwierig geltende Werk von Marcel Proust (1871-1922) in Teilen als Hörspielbearbeitung vorzustellen. Damals war es der Roman „Sodom und Gomorrha“ aus Prousts Opus summum „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ („À la recherche du temps perdu“). Für die neue Adaption des Romans „Die Gefangene“ fand Manfred Hess, Chefdramaturg beim SWR und erfahrener Bearbeiter, in Sabine Küchler, Hörspielleiterin beim Deutschlandfunk (DLF), eine literarische Mitstreiterin für eine äußerst ambitionierte und umfangreiche dreiteilige Hörspiel­fassung. Es ist der fünfte Band von Prousts siebenteiligem „Recherche“-Zyklus, der zu den bedeutendsten Romanwerken des frühen 20. Jahrhunderts zählt.

„Die Gefangene“ („La Prisonnière“) ist weniger bekannt etwa als der mittlere Teil des ersten Romans. „Eine Liebe von Swann“ („Un amour de Swann“). Aber wie die meisten anderen Romane aus diesem Panorama der „Belle Époque“ thematisiert auch er vor allem Liebe und Leidenschaft in all ihren Facetten. Damit war dieser Teil des Werkes zu jener Zeit fast zur Indizierung verurteilt. Er erschien posthum. Die Homosexualität des Autors selbst, wenn auch hinter seinem Dandytum versteckt, wurde dadurch offenkundig.

Die gleichgeschlechtliche Sexualität als gesellschaftliches Phänomen war dabei weniger das Problem, denn dies wurde in der französischen Literatur – etwa durch de Sade und Diderot – schon früher behandelt. Vielmehr empfanden damalige Verleger es als literarischen Skandal, dass Proust das klassische Erzählen einer Handlung aufkündigt. Er kennt keine absoluten Wahrheiten mehr, die linear dargestellt werden. Stattdessen entwirft er die um sich kreisende Subjektivität und Widersprüchlichkeit des Erinnerten als autonome ästhetische Wahrheiten. Es ist folgerichtig, dass die Bearbeitung (von Manfred Hess und Hermann Kretzschmar) fürs Hörspiel eine Art akustischer Lesung entstehen ließ, die zwar dialogische und szenische Elemente mit einbezieht, aber dennoch den mäandrierenden Fluss der Erzählung nicht stört.

Die Handlung von „Die Gefangene“ ist, wenn man so will, recht einfach nachzuvollziehen. Der Erzähler – er heißt Marcel wie der Autor – fängt seine Geliebte Albertine ein in einen schön geschmückten Käfig der Eifersucht. In seiner Selbstverliebtheit und seinem Narzissmus merkt er nicht, dass es wohl eher die hübsche junge Albertine ist, ein ziemlich kokettes und gleichermaßen ordinäres junges Ding, das sich in ihm einen wohlhabenden Dandy geangelt hat, dem sie sich gefügig zeigt, da, wo es ihr passt. Dass sie ihm dabei seinen Stellenwert in der Pariser Haute Volée vermasselt, nimmt er kaum wahr und ihr ist es egal. Eine Konstellation im Übrigen, die auch heute durchaus noch da und dort zu finden ist. Wovon würde sonst die Yellow Press leben?

Ein Zerrbild von Liebe spielt sich also vor dem Dekor von Salons und Etablissements des Fin de Siècle ab. Die Welt der Neureichen und ein wenig auch die des verarmten Adels spinnt das Netz, in dem Albertine und Marcel sich verfangen. Prousts meisterlicher Menschenerfahrung – darin erinnert er ein wenig an seinen Zeitgenossen Sigmund Freud – und seinem hinsichtlich menschlicher Irrungen seismischem Genie ist es zu verdanken, dass sich dem geduldig und letztlich immer gebannter Zuhörendem eine disparate Welt auftut, die letztlich nur durch die außergewöhnliche Kraft der Sprache geordnet werden kann.

Die Komposition von Hermann Kretzschmar und die Regie von Iris Drögekamp – in den musikalischen Episoden in Zusammenarbeit mit dem Komponisten – führen den Hörer in eine verdämmernde Welt. Primär Narration, werden in der Umsetzung doch einzelne Personen dialogisch auf den Punkt gebracht. Die Besetzung hat sowohl mit Michael Rotschopf als Marcel und Erzähler aus verschiedenen Perspektiven als auch mit Lilith Stangenberg als der weiblichen Protagonistin neben vielen anderen Mitwirkenden zwei Schauspieler herangezogen, die ihren Stimmen gleichermaßen Körper und Esprit zu geben vermögen. Lilith Stangenberg, die wir mit aufregendem Timbre als Albertine hören, ist eine noch junge Darstellerin. Sie wird mit Sicherheit einen weiten, erfolgreichen Weg gehen.

Der nun zuerst bei SWR 2 gesendete Hörspieldreiteiler „Die Gefangene“ ist eine Herausforderung an den Hörer, ist Unterhaltung auf hohem Niveau und eine Begegnung mit einer Radioproduktion, die in Ambition und Ausführung durchaus Seltenheitswert hat. Bei SWR 2 läuft aus Gründen der Programmformatierung eine um 50 Minuten gekürzte Version der Produktion. Auf der Internetseite des SWR hingegen sind die drei Folgen in voller Länge abrufbar (72, 112 und 64 Minuten). Im Programm des koproduzierenden Deutschlandfunks wird die insgesamt mehr als vierstündige Produktion am 8., 15. und 22. August gesendet. Dort laufen die drei Folgen jeweils um 20.05 Uhr in kompletter Länge. Beim Deutschlandfunk läuft also der Director’s Cut von „Die Gefangene“ (der auch dieser Besprechung zugrunde liegt) in linearer Erstausstrahlung.

05.06.2020 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 13-14/2020

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