Marcel Beyer: Flughunde (SWR 2)

Akustische Brandspuren

24.05.2013 •

Die Hörspielbearbeitung von Marcel Beyers spektakulärem Roman „Flughunde“ (1995 im Suhrkamp-Verlag erschienen) hat viel länger auf sich warten lassen, als es nach der umfangreichen Rezeption im Blätterwald zu vermuten war. Immerhin nähert sich der Autor in diesem Buch mit gnadenloser Härte und Radikalität dem Phänomen des Dritten Reichs aus einer imaginär-akustischen Perspektive, indem der fürchterliche Stimmensammler Hermann Karnau seine Opfer belauscht, seziert und im Namen eines nationalsozialistischen Forschungsvorhabens die letzten Schreie und Laute seinem Wachsplattenarchiv einverleibt. 

Nein, diesen gespenstischen Archivar der letzten menschlichen Angst- und Todesschreie hat es nicht gegeben, aber Marcel Beyer versteht es,  seine Fiktion so realitätsnah und dokumentarisch zu erzählen, dass Hörer und Leser in dem Glauben gehalten werden, die Nazis hätten sich auch dieses Wahnsinns bemächtigt. Anfang der 1930er Jahre hatte Walter Benjamin (1892-1940) in seinem Aufsatz „Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ bereits warnend seine Stimme erhoben und ausgeführt: „Der Faschismus läuft auf eine Ästhetisierung des politischen Lebens hinaus. Der Vergewaltigung der Massen, die er im Kult eines Führers zu Boden zwingt, entspricht die Vergewaltigung einer Apparatur, die er der Herstellung von Kultwerten dienstbar macht.“

Diese Dienstbarmachung der Massen im Zeichen der Kriegsmaschinerie zeigen vor allem die ersten Kapitel von Beyers Roman, in denen die Blinden und Rollstuhlfahrer, die Tauben und Stummen zu einem gespenstischen Appell aufmarschieren, um damit dem „Führer“ in blinder oder stummer Ergebenheit zu huldigen. Auch diese Szene hat es so nicht gegeben, wenngleich es durchaus inszenatorische Parallelen zur fatalen Rede gibt, die Propagandaminister Joseph Goebbels am 18. Februar 1943 im Berliner Sportpalast hielt.

Der Roman weist viele Stufungen, Schichtungen und verschlüsselte Meta-Ebenen auf, die die 90-minütige Hörspielfassung (Bearbeitung und Regie: Iris Drögekamp) nach bestem Vermögen auch anzudeuten versucht. Vielleicht fühlt sich der zuhörende Teilhaber durch das mörderische Geschehen nochmals unmittelbarer und schamloser angegriffen als im Buch, da die finale Ermordung der sechs Goebbels-Kinder, an der die Ohren immer wissend teilnehmen müssen, aus der scheinbaren Unschuld der Kinderstimmen gebrochen und von Karnau (Jens Wawrczeck) mit Besessenheit aufgezeichnet werden.

Der Realismus des Hörspieltons und der kindlichen Hörspielstimmen setzt unausweichliche akustische Brandspuren, die der Leser bei der Lektüre sich zunächst höchst individuell erschaffen und imaginieren muss – und das ist ein gewaltiger Unterschied. Auch die zahlreichen O-Töne aus dem Munde des Propagandaministers, die zwar meist verzerrt und durchaus sinnvoll manipuliert in das Hörspiel eingespielt wurden, schufen einen Kriegsdokumentarismus, der auch seine problematischen Seiten aufzeigte, da die „Wochenschau“-Akustik sich auch als eine undurchdringliche klangliche Fiktion einschleichen und aufdrängen konnte. Angesichts dieser Problematik, es sei geklagt – und das war allerdings auch zu befürchten –, wird die Hörspielversion vom Literaturprodukt Buch immer noch um Längen getoppt.

Auch über den Einsatz der an sich trefflichen Stimme von Jens Wawrczeck ließe sich anlässlich der Romaneinspielung länger streiten und rechten: Vielleicht ist ihr einfühlendes Timbre für die Rolle des Stimmenschlächters Hermann Karnau nun doch einen Schuss zu edel und geschliffen. Wobei sich hierbei natürlich immer widersprechen ließe, da in der Hölle der Vernichtung und des Bösen alle Register gezogen werden können und das dortige Schallarchiv für alle Fälle umfassend ausgestattet ist, auch mit dem schönen Schein eines Stimmenschlächters im Dienste der Vernichtung.

24.05.2013 – Christian Hörburger/FK

• Text aus Heft Nr. 21/2013 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

24.05.2013 – FK

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