Maja Zade: Die Einzigen (SWR 2)

Doppelleben mit Doppel-Handy

05.08.2020 •

In den vergangenen zwanzig Jahren hat Maja Zade als Lektorin, Autorin und Dramaturgin vor allem für die Schaubühne in Berlin gearbeitet. Ihr Bühnenstück „Abgrund“, 2019 von der Kritik allenthalben belobigt, reflektiert in pointierten Kurzdialogen die Normen geordneter Saturiertheit und die schrägen Auswüchse im Kontext der Wohlstandsverwahrlosung zwischen Küche, Kinderzimmer und Fernsehkonsole. Und so durfte der Radiohörer im Vorfeld zunächst durchaus auf das Hörspieldebüt der erfahrenen Lektorin und Dramaturgin gespannt sein, hatte Chefdramaturg Manfred Hess vom produzierenden Südwestrundfunk (SWR) die Autorin doch ermutigt, ein veritables Originalhörspiel für den Sender zu schreiben, eine Gattung, die auf den Sendeplänen der öffentlich-rechtlichen Hörfunkprogramme zwar nicht ganz in Vergessenheit geraten, aber inzwischen fast schon mit dem zweifelhaften Attribut des nahezu Einmaligen oder Sonderfalls behaftet ist.

Beinahe (oder doch zunächst) als Kriminalhörspiel entrollt, erzählt Maja Zades komplexe Radiogeschichte „Die Einzigen“ von dem Doppelleben der Bühnenbildnerin Anna, die in London einen wohl netten und einfühlsamen Arzt und Lover ihr Eigen nennt. (Warum der Liebesfluchtpunkt gerade London sein muss, leuchtet nicht unmittelbar ein, mag aber auch mit der früheren Tätigkeit der Autorin in der Themse-Metropole zusammenhängen.) Die Theaterschaffende Anna – doch das erfährt der Hörer erst beiläufig im Finale nach 56 Sendeminuten – ist durch ziemlich fatale und unglückliche Umstände durch einen Autounfall mitten aus dem Leben gerissen worden.

Anna, die seltsame Europareisende, hat also ein unschickliches Doppelleben geführt und hinterlässt in Berlin einen mit Blindheit geschlagenen Mann und das gemeinsame Kind Sofia. Vater und Mutter des Unfallopfers unterhalten sich in kurzen Dialogfetzen, wie es dazu kommen konnte, stellen allerlei Mutmaßungen an und haben dieses schreckliche Geheimnis mit der Geheimnistuerei – alles sehr seltsam und dann doch wieder ganz und gar nicht kriminalhörspielähnlich. Je mehr das nicht eben sehr realistische Doppelleben mit Doppel­Handy der Entschwundenen, Verschollenen und Getöteten aufgerollt wird, desto fragwürdiger wird der Hörspielstrang. Es fehlt letztlich ein plausibles oder doch neugierig machendes Spannungsmoment, das Wahrscheinliche kommt allzu rasch unter die Räder und abhanden. Smallster Smalltalk füllt die Radiostunde, die mit gesellschaftlichem Tiefgang oder entsprechenden Entdeckungen liebäugelt – und doch rieselnd versandet.

Maja Zade setzte sicher auf eine ganz andere Akzentuierung, wenn sie zu ihrem Hörspiel erläuterte: „Durch das, was beschrieben wird und vor allem wie es beschrieben wird, macht sich hoffentlich eine andere Bedeutungsebene auf, die über die Dialoge hinausgeht. Es war mir beim Schreiben wichtig, wo die Szenen stattfinden, ob in einem öffentlichen oder privaten Raum, und wie viele Leute dabei sind.“ Diese Hoffnung hat sich allenfalls nur sehr randständig erfüllt und Regisseur und Tonarrangeur Björn SC Deigner vermochte es trotz perkussiver Kurzeinlagen nicht, dem Märchen um eine Verschollene, Liebhaberin und Mutter Spannung und Tiefgang zu applizieren. Jenny König, Annette Paulmann, Emma Beimel, Ole Lagerpusch, Sascha Nathan und Wolfram Koch gaben als Sprecherinnen und Sprecher in dem Hörspiel ihr Bestes. Aber mehr konnten sie nicht tun.

05.08.2020 – Christian Hörburger/MK

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