Luise Voigt: Fünf Flure, eine Stunde. Hörspiel in einem Take (HR 2 Kultur/SWR 2/Deutschlandfunk Kultur)

Bis dass der Ton…

06.02.2020 •

Als 1968 Erika Runge die „Bottroper Protokolle“ veröffentlichte und damit einen neuen dokumentarischen Zugang zur sozialen Lebenswirklichkeit in der Bundesrepublik ermöglichte, bemerkte Martin Walser in einem Vorwort zu den abgelichteten Figuren und Schicksalen: „Das sind Leute, die kein Talent zum Überlaufen und zum Aufstieg haben. Leute, die bei uns auch von keiner Partei und von keiner Zeitung vertreten sind. Leute also, die nicht zu Wort kommen.“

Vielleicht ist die literarische Erinnerung unziemlich, gewagt und übergestülpt, aber mancher Hörer könnte sich beim Abhören von „Fünf Flure, eine Stunde. Hörspiel in einem Take“ aus der Produktionsstätte der Autorin und Medienkünstlerin Luise Voigt zunächst an Runges Studie aus den sechziger Jahren erinnert fühlen. Auch die Protagonisten in dem Hörgeschehen, aufgespürt am Lebensende als Heimbewohner in einer „Seniorenresidenz“ oder als gewiss überlastete Pfleger, dabei nie lieblos und doch angespannt, sind letztlich Verlierer am Rande der Gesellschaft, die die Politik (insbesondere die Gesundheitspolitik) nur gelegentlich unter die Lupe nimmt. Die Alten, aber auch die Pfleger, die sich um sie nach Kräften abmühen, kommen nur randständig ins Bewusstsein – manchmal auf Kongressen und Symposien der großen Politik, selten im Kontext von sozialen Utopien, die auf Änderung und Revision bestehender Zustände setzen.

Luise Voigt ist mit ihrer akustischen Studie aus dem Altersheim eben nicht einem kruden Dokumentarismus verfallen, sie hat vielmehr die vorgefundene Wirklichkeit von Betreuten und Pflegepersonal im wahren Sinne des Wortes „kunstvoll“ abgelichtet und gänzlich neu arrangiert. Am 20. Mai 2019 haben Luise Voigt und ihr Radioteam in der Zeit von 8.00 bis 9.00 Uhr vormittags auf fünf Fluren von Altersheimen aufgezeichnet, was Pfleger dort mit den greisen oder pflegebedürftigen Personen gesprochen haben – in der Tat nichts Weltbewegendes, allenfalls Tagesaktuelles, Notwendiges und Lebenserhaltendes wurde da verhandelt. Die O-Töne wurden anschließend transkribiert und im Studio in fünf Spuren über­einandergelegt und von den Schauspielern Philippe Ledun, Pirmin Sedlmeir, Lisa Charlotte Friedrich, Nele Niemeyer und Anna Sonnenschein nachgesprochen, und das (wie uns glaubhaft versichert wurde) in einem einzigen Take; es entstand demnach ein Reenactment für fünf Sprecher.

Die Pointe dieser an sich kunstvoll-artifiziellen Produktionsweise ist die, dass die Sprecher stimmlich sowohl als Patienten/Bewohner und zugleich als das Betreuungspersonal sprechen und agieren. Es entsteht so in der Tat ein „Wahrnehmungsspiel“, das nicht Dokument sein will und kann, wohl aber akustischer Reflex auf eine nahezu unentrinnbare Lebenssituation. Trösten mag beim Abhören vor allem, dass zumindest diese (Radio-)Pflegekräfte mit großer Zugänglichkeit zu den Patienten, ja, mit Liebe für ihr Gegenüber ausgestattet sind. Die allenthalben beklagte Überlastung von Pflegekräften, um nicht zu sagen: die Dehumanisierung der Helfer, die ist in diesem Hörspiel – einer Koproduktion von Hessischem Rundfunk (HR), Südwestrundfunk (SWR) und Deutschlandfunk Kultur – kaum aufzuspüren. Das Sozialverhalten dieser Kräfte ist jedenfalls ermutigend, was natürlich auch mit dem angekündigten Besuch der Radiomacher in den Alteneinrichtungen zusammenhängen mag.

In dem Hörgeschehen sind klug gedehnte und bemerkenswerte akustische Leerstellen eingebaut, die im Hörer filmische Hypothesen und Abläufe in Gang setzen, die die Phantasie kreativ beflügeln. Dass unser Lebensende und die mentale Versorgung im Alter auch in starkem Maß von der Fernsehwirklichkeit bestimmt und eingegrenzt sein dürfte, das macht vor allem die letzte Viertelstunde des rund 55-minütigen, mit einer kurzen Einleitung ausgestrahlten Stücks deutlich. Hier scheint ein erbarmungsloser O-Ton des Fernsehapparats sich über Pfleger und Gepflegte zu ergießen und eine neue, bedrohlich ferngesteuerte Bewusstseinsebene zu implantieren, ja: Bis dass der Ton euch scheidet. Luise Voigt – sie führte auch Regie – ist mit diesem Hörspiel (Redaktion und Dramaturgie: Cordula Huth/HR) ein bemerkenswerter und kunstvoller Zugang zu einer verdrängten Lebenswirklichkeit mit empathischen Akteuren, Opfern und Helfern gelungen.

06.02.2020 – Christian Hörburger/MK