Liquid Penguin Ensemble: Ickelsamers Alphabet. Dictionarium der zierlichen Wörter (SR 2 Kulturradio)

Von der Subtiligkeit der Buchstaben

05.12.2014 •

Neben dem Öffnen und Schließen des Mundes verdankt sich fast jedes Hörspiel einem Medientransfer – dem vom gelesenen zum gesprochenen Wort. In der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts war diese Transferleistung noch das Privileg weniger. Der Buchdruck war gerade erst erfunden und die damalige Gesellschaft nicht einmal annährend so alphabetisiert wie die heutige. Da trat Valentinus Ickelsamer (1500 bis 1547) auf den Plan und verfasste die erste „Teütsche Grammatica, daraus einer von ihm selbst mag lesen lernen“. Und lesen heißt hier: laut lesen.

Das Liquid Penguin Ensemble, bestehend aus Katharina Bihler (Text) und Stefan Scheib (Komposition), hat den frühneuzeitlichen deutschen Grammatiker wiederentdeckt. Ihm und seinem französischen Zeitgenossen Louis Meigret haben sie ein 60-minütiges Hörspiel gewidmet. Ickelsamer wie Meigret gemeinsam war der Kampf gegen die überflüssigen Buchstaben. Welche das sind, kann man leicht selbst erkennen. Ickelsamer: „und ich waiß kain bessern rath darinn zuogeben / dann das man in allen wörtern / der oren rath hab / wie es aigentlich kling / so wirdt man nitt vil unnützer oder unrechter buochstaben setzen.“ Mittels der eigenen Ohren und des eigenen Artikulationsapparates („des Mundgerüstes“) ergibt sich die Orthografie im Deutschen dabei quasi von selbst.

„Von einer solchen unmittelbar körperlichen, oral-haptischen Buchstabenerkenntnis, wie sie im Deutschen möglich ist, darf das Französische nur träumen“, kommentiert Katharina Bihler im Hörspiel, denn allein der Laut „o“ kann im Französischen auf ein Dutzend verschiedene Arten verschriftet werden, unter Verwendung von ein bis fünf verschiedenen Buchstaben (o, ô, ot, au, aux, auld, aulx, aut, ault, eau, eaux, eault, eaulx). „Man hat es im Laufe der Jahrhunderte peu à peu und nonchalant vernachlässigt, sie einzeln und der Reihe nach auszusprechen“, spottet die Autorin, aus deren Mundgerüst, nebenbei bemerkt, bisweilen extraordinäre Lautverbindungen hervorpurzeln, die ihrer mittelalemannischen Herkunft aus dem Allgäu entspringen. Valentinus Ickelsamer selbst muss allerdings mit leisem Bedauern feststellen, dass es seinem Namen, der fast die Hälfte der Buchstaben des Alphabets versammelt, an eben diesem „Starcklaut, der die Pferd still stehen macht“, gebricht – dem „o“.

Louis Meigret hat in seinem „Tretté de la grammere françoese“ sogar einige eigene Buchstaben entwickelt, die ein phonetisches Alphabet formieren sollten. Außerdem vertrat er die Maxime, dass es die wahre Pflicht der Vokale sei, den Konsonanten das Leben einzuhauchen, so wie es die Seele dem Körper tue. Die edle Aufgabe der Schrift – und zumal der gedruckten – sei es, den flüchtigen Klang in Sichtbares und Lesbares zu übersetzen und so die Ideen zum Überdauern zu überreden. Auf dass es hernach wieder in Hörbares zurückzuverwandeln sei, möchte man hinzufügen.

Das gelingt in diesem Hörspiel – einer Koproduktion von Saarländischem Rundfunk (SR) und Deutschlandradio Kultur – gleich auf mehrfache Weise. Die „Subtiligkait der Buochstaben“ kommt dabei im akustischen Medium erst richtig zu sich. Wenn Katharina Bihler und Christian Higer sprechen, rollen sie das „r“, („den Hundts buochstab / wann er zornig die zene blickt und nerret / so die zung kraus zittert“) durch ihren Artikulationsapparat, dass es nur so eine Freude ist. Auch Élodie Brochier, die im Hörspiel die Rolle von Katharinas französischer Großcousine übernimmt, beherrscht das Zungen-„r“ so gut, dass der Sonnenkönig Ludwig XIV. vor Neid erblasst wäre. Der habe, erfährt man, diesen Laut seinen Untertanen kurzerhand verboten, weil er selbst nur das Rachen-„r“ beherrschte: „Le roi soleil reignait avec un mauvais ‘r’“. Wie schon in ihren früheren Hörspielen schlängeln sich Katharina Bihler und Stefan Scheib an den historischen Wahrheiten vorbei und um sie herum. Vieles ist wahr und manches so schön erfunden, dass man es für wahr halten möchte.

Auf klanglicher Ebene wird die Erkundung an die lautlichen und schriftlichen Wurzeln der Sprache mit Atem und Saite fortgesetzt – und wenn es um die Plosive (p, t, k, b) geht, kommen auch perkussive Mittel zum Einsatz. Selbst die „ganz haimlichen buochstaben“ wie das stumme „h“ bekommen eine akustische Präsenz.

Anders als es Ickelsamer und Meigret postulierten, sind Phonetik und Schrift zwei unterschiedliche Zeichensysteme mit unterschiedlichen Funk­tionen. Überraschenderweise funktioniert ihre Verquickung nicht nur im Medium der Schrift – wie beispielsweise in den Werken von Arno Schmidt, der von einer phonetischen Lagerung der Wörter im Gehirn ausging und sich darüber freute, was da bisweilen „zum Vorschwein kommt“. Auch die Rückübertragung von barocker Buch­stabierkunst ins akustische Medium hinein funktioniert. Das hat das Liquid Penguin Ensemble bewiesen.

• Text aus Heft 49/2014 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

05.12.2014 – Jochen Meißner/FK