Liquid Penguin Ensemble: Felicità – Akustische Vermessungen im Land des Glücks (SR 2 Kulturradio/Deutschlandradio Kultur)

Zeit ohne Dauer

11.11.2016 •

11.01.2017 • Wenn man sich aufmacht, das Glück zu suchen, dann macht man das in den gegenwärtig wenig märchenhaften Zeiten nicht ‘auf gut Glück’, sondern im Auftrag einer Institution. In dem vom Liquid Penguin Ensemble stammenden Hörspiel „Felicità – Akustische Vermessungen im Land des Glücks“ ist es die EU, die bei der europäischen Bevölkerung nach einem Vorbild des Königreichs Bhutans eine Glückserhebung durchführen will, „die über die Verbreitung glücklicher Zustände und deren Entstehungsbedingungen Aufschluss gibt“. Das thematische Ziel Nummer 57 (von 58 insgesamt) ist „die Erweiterung des europäischen Geoinformationssystems um akustischen Content unter besonderer Berücksichtigung glücksrelevanter Elemente“.

Den Jargon von EU-Förderprogrammen weiß Katharina Bihler, die zusammen mit Stefan Scheib das Liquid Penguin Ensemble bildet, überzeugend zu parodieren. Doch realiter war es nicht die EU, sondern das Goethe-Institut in Italien, das im Rahmen eines Jahresprojekts namens „Felicità – Baustelle Glück“ die Hörspielmacher von Triest über Rom und Neapel nach Palermo schickte, um akustische Glückgeodäsie zu betreiben. Die Film- und Medienstiftung NRW hat das Projekt zusätzlich gefördert und der Saarländische Rundfunk (SR) und Deutschlandradio Kultur haben dazu gemeinsam das Hörspiel in Auftrag gegeben.

Im Herbst 2015 haben sich Katharina Bihler und Stefan Scheib also nach Italien begeben – für die Deutschen traditionell das Land des Glücks –, um die Klänge des Glücks aufzunehmen. Die ortsansässige Bevölkerung konnte jeweils an dem Projekt mitwirken, Tipps für besonders schöne Klangquellen geben und ihre Definitionen des Glücks beitragen. Ein niederländischer Glückgeodät namens Rob van der Loo, gespielt von Theo van der Poel, sorgt im Hörspiel für die historische Einordnung des Projekts.

Das Glück existiere nur in einem Augenblick, der sich nicht in der Zeit erstrecke und deshalb wohl kaum mit herkömmlichen Apparaten aufgezeichnet werden könne, erfahren Bihler und Scheib von einem Uhrenhändler in Triest. Das ewige Meeresrauschen, das die meisten der befragten Italiener mit dem Glück assoziierten, sei vielmehr, so der Mann, der Sound der Melancholie, die „aufs Freundlichste mit der Zeit verbunden“ sei.

Das Verhältnis von felicità und malinconia sowie das von Glück und Zeit bilden denn auch die Achsen des Raums, in dem sich das 65-minütige Hörspiel bewegt. Dabei begegnen wir in der Erzählung von Rob van der Loo unter anderem dem Jesuitenpater und Mathematiker Francesco Maria Grimaldi (1618 bis 1663), der bei einem Experiment einen so selbstvergessenen Moment erlebt hat, dass er sich fortan bemühte, „diesem Gedanken, der mit der äußersten Gemütsbewegung einherging oder sogar identisch mit dieser war, einen sprachlichen Ausdruck zu verleihen“. Die sprachliche Formel, die er später für diesen Zustand finden sollte – wenn man denn Katharina Bihler glauben will –, war eine mathematische: „Das Glück ist eine gefüllte Null – Zeit ohne Dauer.“

In der zeitbasieren Kunstform Hörspiel erweist sich die Realisierung dieses Paradoxons als eine Herausforderung, die das Liquid Penguin Ensemble auf ebenso einfache wie geniale Weise gelöst hat: mittels digitaler Drop-outs – akustischer Aussetzer, die wie Löcher in der Zeit wirken. Es sind Momente des Glücks, in denen schon andere Glücksvermesser in Europa verschwunden sind, weshalb die EU mahnt, doch mehr professionelle Distanz zum Untersuchungsgegenstand zu wahren: „Die Erhebung hat zum Ziel, akustische Glückskomponenten aufzufinden und zu dokumentieren, hingegen nicht, im Rahmen von Selbstversuchen in ihnen aufzugehen (siehe Punkt 9.1.1 des Projektauftrags).“

Doch kurz nachdem die EU „die förderunschädliche Ausweitung der Maßnahme auf das Gebiet Stromboli“ genehmigt hat, verschwindet auch Geodät Rob van der Loo in einem Moment akustischer Glückseligkeit. Die von Drop-outs durchsetzten Aufnahmen von dem aktiven Vulkan auf der gleichnamigen Mittelmeerinsel sind deswegen besonders eindrücklich, weil sie nicht auf den eruptiven Effekt setzen, in dem sich die Erde selbst (ent)äußert. Und dies wird in der Klangkomposition von Stefan Scheib zu einem beeindruckenden ästhetischen Ereignis. Katharina Bihler verleiht diesem Moment eine Sprache beseelter Konzentration – Höhepunkt in der sonst unaufgeregten Beiläufigkeit poetischer Motive, die neben subtiler Ironie und großer Entdeckerfreude die Stärken der Autorin sind und die Qualitäten der Hörspiele des Liquid Penguin Ensembles.

Nach seiner Erstausstrahlung am 23. Oktober im SR 2 Kulturradio wird „Felicità – Akustische Vermessungen im Land des Glücks“ am 7. Dezember um 21.30 Uhr im Programm des koproduzierenden Deutschlandradios Kultur gesendet.

11.11.2016 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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