Leander Fischer: Fischvibe (Deutschlandfunk Kultur)

Verlockend und seduktiv

24.11.2021 •

Wer in die Sprachwelt von Leander Fischer eintauchen will – nicht etwa, sie verstehen, denn ein solcher Versuch müsste zwangsläufig scheitern –, der sollte sich unbedingt durch seinen gigantischen Angler-Roman „Die Forelle“ (Wallstein-Verlag) durcharbeiten. Im Rahmen des grundlegend reformierten Ingeborg-Bachmann-Preises, mit neuen Verlagen und Sponsoren als Trägerkonsortium, erhielt der junge oberösterreichische Autor (geboren 1992) für diesen Roman 2019 den Deutschlandfunk-Preis im Kontext des Bachmann-Wettbewerbs. Der Deutschlandfunk kommentierte in freundlicher Nähe zu dem jungen Preisträger und seinen fast 800-seitigen Einlassungen über das Geheimnis des Fliegenfischens: „Hier geht es nicht um den Ertrag, sondern um den Moment des Erlebens – und natürlich auch darum, wie die literarische Sprache das fassen kann. Mal in langen Satzperioden, mal im Stakkato einzelner Worte oder Satzfetzen. Als inneren Monolog versetzt mit fachsprachlichen Elementen, als Strom von Gedanken, befeuert von Adrenalin. Immer auf der Suche nach dem noch intensiveren Ausdruck, dem neu gefundenen Wort, sprachverliebt, geradezu sprachsüchtig.“

Und richtig, in Leander Fischers Hörspieldebüt „Fischvibe“ (Produktion Deutschlandfunk, Dramaturgie: Sabine Küchler) tauchen die Ohren neuerlich in meist wässrige Gefilde, in denen Nymphen, Donaufischer, Wasserleichen und Flussgötter sich tummeln, auftauchen, abtauchen, blubbern, wobei Hans Christian Andersen (1805-1875) mit seinem Märchen „Die kleine Meerjungfrau“ allenfalls ganz am Anfang aufblitzt. Ja, Leander Fischer, zieht seine Hörer in dem 70-minütigen Stück, wenn man so will, ganz schön an den Ohren und lässt sie bisweilen hoffnungslos irren und raten, wer da eigentlich spricht – ist es eine Wassergöttin, ein versprengter Weinbauer, die Offenbarung schlechthin, eine erzählende Stimme oder ist es eine obercoole Party-Schrulle, die mit ihrem Denglisch für zusätzliche Verwirrung sorgen kann?

Es sind Geister, Allegorien, Nymphen, Salonlöwen und Nymphomaninnen, die da sprechen (durch die Stimmen von Wolf Aniol, Anna-Sophie Friedmann, Andreas Grothgar, Stefko Hanushevsky, Wolfgang Michalek, Sabine Waibel und Merle Wasmuth) und staunend hören wir: „Mit der See zeugte ich riesige Tiere, diese Giganten stimmten melancholischen Singsang an. Lautstark drangen die Klänge durch die Flussarme und Buchten, dass alle Nachgeborenen wussten, wir sind verflucht, aber weil sie ja sangen, war die Verdammnis verwandelt.“ Die verlockend-seduktive österreichische Tingierung in einzelnen Sprechpartien gaben dem Fisch- und Nymphendrama ein wunderbares Spannungsfeld zwischen anheimelnder Absurdität und grotesker Weltflucht.

Früher, in den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, druckten die Sender die Hörspiel­texte vor Sendebeginn als Lese- und Hörhilfe für die Hörer noch kostenfrei in den Radio-Illustrierten ab (wie etwa „Südwestdeutsche Rundfunk-Zeitung“, „Der Deutsche Rundfunk“ oder „Funk“) – keine schlechte Idee. Das hätte auch im Fall des aquatisch und mythisch-wabernden Wasserhörspiels dienlich sein können. Nicht, dass der Hörer stets auf Anhieb stets alles zuordnen und entschlüsseln sollte, aber es hätte in der Zeitachse dieses Hörspiels hilfreich sein können, zu wissen, wer da spricht, who is who? – ist es ein Gott, eine Kommissarin, eine Party-Stute, ein Urweltwesen?

Regisseur Leonhard Koppelmann – und das sei begeistert unterstrichen – figurierte hier bei komplexer dramaturgischer Ausgangslage dennoch ein akustisches Urwelten-Dramolett zwischen zittrigen, faulenden Fischleibern und apokalyptischer Endzeitstimmung. Die circenhaften akustischen Einschübe (Gesang: Barbara Schachtner, Komposition und E-Bass: Janko Hanushevsky) erwiesen sich als letztlich hilfreiche und klangvolle Ariadnefäden durch ein Labyrinth widerstreitender Schöpfungs- und Weltenuntergangsszenarien. (Das Hörspiel „Fischvibe“ ist im Online-Angebot des Deutschlandfunks weiterhin zum Anhören abrufbar.)

24.11.2021 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

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