Kurt Vonnegut: Schlachthof 5 oder Der Kinderkreuzzug. Ein Pflichttanz mit dem Tod. 2‑teiliges Hörspiel (SWR 2)

Kriegserlebnisse eines Antihelden

03.12.2018 •

Trotz der eminenten Erfolge seiner teils mehrfach verfilmten Werke ist Kurt Vonnegut auch im deutschen Sprachraum nicht mehr so präsent wie noch in den sechziger und siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts. Umso bemerkenswerter ist die Initiative des Südwestrundfunks (SWR) und der Dramaturgin Andrea Oetzmann, den wohl wichtigsten Roman des amerikanischen Autors in einer ebenso dynamischen wie literaturnahen Regiebearbeitung als Hörspiel auszustrahlen, in zwei Teilen von je 100 Minuten Länge (Teil 1: „Das Lächeln der Mona Lisa“, Teil 2 „Aschenputtel“).

Kurt Vonnegut, der sich selbst als „fourth generation German American“ bezeichnete (die Vorfahren stammten aus Münster in Westfalen), wurde am 11. November 1922 in Indianapolis geboren, der Hauptstadt des US-Bundestaats Indiana, und meldete sich während des Zweiten Weltkriegs 1943 als Kriegsfreiwilliger in der US Army. Am 22. Dezember 1944 wurde er im Zuge der Ardennenoffensive nach nur fünf Tagen an der Front gefangen genommen. Zusammen mit anderen jungen Infanteristen, teilweise erst 18 und also fast noch Kinder, wurde er nach Dresden verbracht und zur Zwangsarbeit eingeteilt in einer Fabrik auf dem Gelände, das vor dem Krieg ein Lagerhaus für Fleischwaren gewesen war. Sein Name: Schlachthof 5. Zwei Monate später begann der britisch-amerikanische Bombenangriff auf Dresden. Bei den Angriffswellen vom 13. bis 15. Februar 1945 wurde die Stadt fast komplett zerstört. Zehntausende Bewohner kamen im Feuersturm ums Leben. Vonnegut und wenige andere Kriegsgefangene überlebten im tiefen Keller des Schlachthofgebäudes. Entsetzliche Bilder hatten sich ihnen unauslöschlich eingebrannt.

Man muss sich die biografischen und historischen Details vor Augen halten, um die Spannweite des auf ihnen basierenden Romans ermessen zu können (Übersetzung aus dem Amerikanischen: Gregor Hens). Vonneguts Schilderungen sind so präzise, dass der Leser bzw. Hörer der Bearbeitung keine Chance hat, sich dem Ansturm der Geschehnisse, Erlebnisse und Gefühle zu entziehen. (Nebenbei bemerkt waren die detaillierten Schilderungen auch der Grund für die amerikanischen Schulbehörden, das Buch auf den Index zu setzen. Möglicherweise war es aber auch ein gewisses Schamgefühl, das politische Kreise in den USA der 1950er Jahre bewog, dieses Kapitel ihrer Siegergeschichte eher flachzuhalten. Die Fachliteratur jedenfalls stellt diese Vermutung auf.)

Vonneguts Protagonist ist der Prototyp des literarisch in den späten vierziger und den fünfziger Jahren wieder auftauchenden „Antihelden“. Es ist der blutjunge Soldat Billy Pilgrim, der diesen Erlebnissen drastisch ausgesetzt ist. Er muss sich, um psychisch sozusagen über die Runden zu kommen, entziehen. Er entflieht in eine Welt, die ihm ein Leben voller Illusion und Hoffnung verspricht. Er nennt sie „Trafalmadore“ – eine Welt ohne die Monstrositäten der Erde. Sie lehrt ihn, dass Zeit sich in Kreisen vollzieht.

Diese Konstruktion erlaubt es dem Autor, seinen Helden/Antihelden auf einer stringent durchgehaltenen Ebene von den realen Geschehnissen berichten zu lassen, gleichzeitig aber die Ebene der Imagination einzuführen, die mit allen Kunstgriffen der seinerzeit noch relativ neuen Gattung der Science-Fiction ausgestattet ist. Grüne, aber weise Männchen (denen die Hörspielregie klugerweise alles eventuell comichafte nimmt), Roboter und ein Mädchen ganz nach Wunsch leben mit ihm, dem eigentlichen „Alien“, in einer Art Paradies, in das er abtauchen kann. Eskapismus, so würden es Psychologen sagen.

Billys Familienname Pilgrim kommt dabei nicht von ungefähr. Vonnegut-Spezialisten sehen bei seinen Vorfahren eine ausgeprägte religiöse Haltung, wenn auch sein Vater – ein Architekt – ein sogenannter „Freidenker“ gewesen sein soll. Unübersehbar ist jedoch der nicht häufige, aber dezidierte Einsatz von Exkursen in die Welt des Neuen Testaments, von Bibelzitaten und Gesangstexten. Somit steht dieser Name ganz in der Tradition der angelsächsischen „telling names“, denn Pilgrim heißt Pilger. Man kann also Billy Pilgrim (im Hörspiel gesprochen von Kilian Land) durchaus als Pilger zwischen Realität und Imagination sehen. Und außerdem schwingt auch die Allusion auf den Titel eines der schönsten poetischen Werke englischer Sprache mit: „Childe Harold’s Pilgrimage“ von George Gordon Lord Byron.

Vonneguts Roman „Schlachthof 5“ wäre also nicht richtig verstanden, wenn die Rezeption allein auf den Angriff auf Dresden verkürzt würde, so wesentlich dieser auch ist. Aber schon im Titel zeigt der Autor mit dem zweiten Teil „Der Kinderkreuzzug“ klar, was für ihn das Essentielle ist: das Entsetzen über das Schlachten von Menschen – auch derer, die fast noch Kinder sind. Der zweite Titelteil „Der Kinderkreuzzug“ verweist dezidiert darauf. Doch wäre es zu banal, diesen 1969 in New York erschienenen Roman als reines Antikriegsbuch zu würdigen. Er muss auch als Werk von hohen literarischen Graden rezipiert werden, wozu nicht zuletzt die stilistische Vielfalt – Komik, Tragik, Lakonie, Derbheit und vieles mehr – beiträgt.

Die erste Übertragung ins Deutsche (Hamburg 1970) des seinerzeit durchaus renommierten Übersetzers Kurt Wagenseil scheint einiges des fast an Obszönitäten Heranreichenden einer gewissen Prüderie, vielleicht auch verlegerischer Verschämtheit, geopfert zu haben. Gregor Hens, von dem die Neuübersetzung stammt, auf der das Hörspiel beruht, trifft die Lakonie und den Nerv der Sprache besser. Nicht immer aber scheint er redensartlichen Besonderheiten gewachsen. Charly Pilgrims durchgehenden, fast refrainhaft wiederkehrenden Kommentar „So it goes“ etwa übersetzt er mit „Wie das so ist“. Richtiger wäre wohl „Wie man so sagt“. Doch kann man diese Frage auch akademischen Fachseminaren überlassen.

Wichtig für die Adaption als Hörspiel ist, dass die Übersetzung dem Dialog zuarbeitet und die Schauspieler somit die Besonderheiten ihrer jeweiligen Rollen gestalten können. Regisseur Leonhard Koppelmann hat als Bearbeiter der Lakonie des Zwiegesprächs den Vorrang vor dem Gewicht des Epischen gegeben. So gelingt es, den Text dynamisch und temperamentvoll zu halten und dabei den eher lässig daherkommenden Ton des Originals nicht zu beschädigen. Unterstützt wird die Regie durch die musikalische Markierung von Peter Harrsch, dessen dezenter, aber hörbarer Einsatz amerikanischer Marschmusik – vorwiegend schwungvoll siegeströtende Blechbläser – die gute „Lilly Marleen“ recht alt aussehen lässt. Der „American Spirit“ von Vonneguts Roman bleibt auf diese Weise erhalten. Der skeptische Grundton des Autors, der 2007 in New York starb, jedoch nicht minder. (Das Hörspiel ist bis November 2019 in der SWR-Mediathek zum Anhören abrufbar.)

03.12.2018 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK