Kristina Handke: Verschwundene Tage (SWR 2)

Ein trauriges Paar

23.10.2021 •

Ja, der Hörer glaubt, diese Radioerzählung „Verschwundene Tage“ so oder ähnlich schon oft – vielleicht oft und oft – gehört zu haben. Eine Frau, ein Mann erinnern sich an vergangene, nur bedingt glückliche Zeiten. Wir schreiben die 80er Jahre des vergangenen Jahrhunderts, noch gab es die bereits wankende DDR, „er war Maler, hatte Frau und Kind in Ungarn, sie Studentin“. Dann die Schwangerschaft und die Abtreibung der Leibesfrucht in schrillen apokalyptischen Stufen und Bildern. Die anrührende Liebesgeschichte aus schöneren Vorwendetagen und der Sturz in den Abgrund einer (wenn man so will) Dreierbeziehung.

Es berührt die Ohren und die Herzen des Radiohörers, und doch liegen auf dem kurzen Hörspiel (nur 36 Minuten) von Kristina Handke jede Menge Patina, eine allgemeine Melancholie und Traurigkeit, die wahrzunehmen man am besten einfach hinnehmen sollte, ohne weiter Fragen stellen zu wollen. Und weil in der kleinen Etüde auch alles so schwer nach Rückblende und Vergangenheit klingt, hat die Regie (Laura Laabs), niemand wird’s ihr zunächst verdenken, das liebe alte, gute Tonband auf Teufel-komm-raus eingesetzt, das da munter vorwärts und rückwärts schnurren darf und dabei die Erinnerungsfetzen immer wieder geschwind und übereilt spulen, hüpfen und schleifen lässt.

Mythisch-nostalgisch klingt der kleine Kniff, der hier nicht mehr sein kann und darf, als verrinnende Zeit mit dem Radiohammer zu signalisieren. Er ist in dem Hörspiel kaum, nicht einmal narrativ oder dramaturgisch, zu begründen – ein Griff ins Radiomuseum, mehr nicht, ein kleines akustisches Nebelkerzchen vielleicht. Dass die Autorin sich durch Fontanes Roman „Unwiederbringlich“ (1891) hat anregen und zitierend begeistern lassen, das sei ihr unbenommen, nur hat es der Produktion kaum auf die Sprünge geholfen. Es spricht zunächst vor allem für die Belesenheit der Autorin, die genauso gut, wenn es denn Fontane sein soll, „Effi Briest“, „Unterm Birnbaum“ oder den „Stechlin“ hätte einbauen können.

Dabei hat sich Laura Laabs mit den Stimmen von Dagmar Manzel und Sylvester Groth wirklich Mühe gegeben, der tragischen und tödlichen Liebesgeschichte den Anschein von Tiefgang zu verleihen, unterstützt durch verfremdendes Sounddesign (Till Aldinger) und die musikalischen Ideen von Hans-Eckardt Wenzel. Aber diese durchaus kluge akustisch-musikalische Ebene lag weit über der traurigen Hörspielbanalität aus ostalgischen Tagen ohne Chance auf irgendeine glaubhafte Reanimation.

Wer sich hörspielgeschichtlich mit dem Thema Paarbeziehung, Abtreibung und Konflikt mit der Wirklichkeit des „Unerwünschten“ auseinandersetzen will, der sei an Dieter Wellershoffs Hörspiel „Der Minotaurus“ (SDR 1960) erinnert. Auch hier ergab sich die Feier des Pathetischen, doch wurde vor über 60 Jahren der Konflikt immerhin nachvollziehbar ausgebreitet. (Das Hörspiel „Verschwundene Tage“ ist im Online-Angebot des SWR weiterhin zum Nachhören abrufbar.)

23.10.2021 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 23-24/2021

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren
` `