Konrad Bayer: kasperl am elektrischen stuhl (Ö1)

Sprachkunst

31.07.2020 •

Der einer konsequenten Kleinschreibung verpflichtete österreichische Schriftsteller Konrad Bayer, stilprägendes Mitglied der avantgardistischen Wiener Gruppe, wurde 1932 geboren und beging 1964 im Alter von nur 31 Jahren Suizid. In seiner kurzen Schaffensphase bewies er sich als wahrer Spracherneuerer und schuf unter anderem den erst 1968 uraufgeführten Theatertext „kasperl am elektrischen stuhl“. Dass dieser Text eine ungebrochene Relevanz besitzt, davon konnte man sich Ende Juni überzeugen, als der Österreichische Rundfunk in seinem Programm Ö1 eine rund 50-minütige Hörspielversion des Stücks ursendete. Die Initiative dafür, den zeitlosen, bezugreichen und mit diversen Metaebenen versehenen Text ins Radio zu bringen, geht auf den Schauspieler Franz Schuh zurück, der dem Regisseur Philip Scheiner eine Inszenierung vorschlug und bei ihm glücklicherweise auf offene Ohren stieß.

Obwohl „kasperl am elektrischen stuhl“ nicht als Stück für eine Solo-Performance angelegt ist, tritt Franz Schuh in allen Rollen auf. Und man muss tatsächlich sagen: Aus der Not wird hier eine Tugend gemacht. Wo auf der Bühne lediglich eine szenische Lesung von einer einzelnen Person mit verstellten Stimmen stattgefunden hätte, bietet das Medium Radio durch die zwangsläufige Unsichtbarwerdung des Sprechers Platz für die freie Entfaltung der Sprachkunst Konrad Bayers. Die an einem präparierten Klavier aufgenommene improvisierte musikalische Ebene des Stücks hat Hannah Hinsch eingespielt, die zur Zeit der Hörspielaufnahmen im Studio als Hospitantin arbeitete.

Und worum geht es nun eigentlich in dem Hörspiel? Nun, das ist etwas schwierig zu sagen, der Text selbst kokettiert damit, dass es keine Handlung im eigentlichen Sinn gibt. Aber grob gesagt fasst der Titel schon sehr treffend den Handlungsverlauf oder zumindest dessen Ende zusammen. Denn die im Stück auftretende Hauptfigur kasperl wird tatsächlich mittels Stromschlag auf dem sogenannten elektrischen Stuhl hingerichtet.

Doch in erster Linie wird den erwähnten Metaebenen freies Spiel gelassen. Am herausstechendsten ist hierbei die Anlage des Stücks als Metatheater. Denn angelegt ist „kasperl am elektrischen stuhl“ als Stück im Stück. Das Hörspiel beginnt mit einem Präludium, das aus dem Auftritt eines Sprechers und aus den Kommentaren eines saturierten bildungsbürgerlichen Publikums besteht. Die Funktion dieses Rahmens liegt damit nicht vorrangig im Kommentar zum eingerahmten Stück sondern darin, selbst persifliert und damit indirekt kommentiert zu werden. Das innerhalb dieses Rahmens präsentierte Stück wird neben der Hauptfigur kasperl vor allem durch Polizeichef löwe, den Polizisten apollo, den Wachmann werfried und den Reporter giselher getragen. Sprache als Machtinstrument und die Aussichtslosigkeit aller Kommunikationsversuche sind hier das zentrale Motiv.

Die Ausgangslage ist folgende: kasperl behauptet, seine Frau umgebracht zu haben, und verlangt als Strafe dafür seine Hinrichtung. Sowohl apollo als auch löwe wollen ihn für die behauptete Tat aber gar nicht verhaften. Erst als kasperl sich nicht nur als Theatermacher zu erkennen gibt, sondern auch als Autor des gerade laufenden Stücks, soll er dafür hingerichtet werden – Sprachfindung als bestrafungswürdiger Akt.

Auch ansonsten wird die Hierarchie in der Gewalt über die Sprache deutlich. So darf sich löwe recht herrisch und ziemlich oft äußern und dazu sogar seinem Untergebenen apollo das Wort erteilen oder entziehen beziehungsweise ihn mit Schlägen zum Reden oder Schweigen zwingen. Und der lediglich als Aufseher für kasperl abgestellte werfried darf überhaupt nichts sagen, sondern im gesamten Stück nur einmal eine Befehlsempfangsbestätigung herausbellen. Mit dem Reporter giselher hat kasperl ein kurzes Interview, in dem es unter anderem um die Unmöglichkeit der Kommunikation geht. So sagt kasperl an einer Stelle: „wenn ich ihnen etwas mitzuteilen hätte, würde ich es sein lassen. es würde in den sätzen hängen bleiben!“

Besonders an diesem Stück ist auch das Ineinanderfallen von Rahmen- und Binnenhandlung, wenn sich die Zuschauer des Schauspiels etwa an dem Aufbau des Käfigs zur Gefangennahme von kasperl beteiligen. Dass dieses Stück vom ORF inszeniert wurde, ist wunderbar und es ist auch auf eine wunderbare Weise umgesetzt. Man kann nur hoffen, dass es von vielen Hörspielredaktionen auch hierzulande noch übernommen wird.

31.07.2020 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 15/2020

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