Klaus Fehling: Ende der Saison (WDR 3)

Morbus Parkinson

24.05.2019 •

Inhalt und Thematik des Hörspiels „Ende der Saison“ haben eine Vorgeschichte. In seinem Hörspieldebüt „Nicht mein Bein“ (WDR 2007) hatte der 1969 in Köln geborene Theater- und Medienautor, Dramaturg und Musiker Klaus Fehling den Morbus Parkinson monothematisch literarisiert; das neue Hörstück ist nun quasi die Fortschreibung des ersten. Die 35-minütige frühere Produktion „Nicht mein Bein“ wiederholte WDR 3 denn auch am 16. April (19.04 Uhr), also einen Tag vor der Ausstrahlung der Neuproduktion „Ende der Saison“, die auf dem gleichen abendlichen Sendeplatz lief.

Der namenlose Ich-Erzähler und Protagonist in Personalunion war Mitte 30, als er erste Symptome gravierender körperlicher Veränderungen feststellte: Die Arme schwangen beim Gehen nicht mehr mit, die Handschrift ähnelte mehr und mehr einer Krakelei, die Mimik wirkte zunehmend starr „wie eingefroren“, das Zittern war nicht kontrollierbar… Nach acht Jahren mit falschen Diagnosen und Therapien erhielt der Mann erst spät nach einer komplizierten Gehirnuntersuchung Gewissheit über seine Parkinson-Krankheit.

Jetzt, in der Gegenwart der Erzählebene von „Nicht mein Bein“, fragt er sich angesichts der Unausweichlichkeit seines Schicksals, wie sein Leben wohl verlaufen wäre, wenn er frühzeitig die richtige Diagnose gehabt hätte, was hätte er dann „anders gemacht“? Auf diese hypothetische Frage gibt es keine verifizierbare Antwort; konsequenterweise versuchte er, seine Krankheit ‘anzunehmen’ und sich trotz seiner Defizite und Handicaps nicht aufzugeben. Der 1967 geborene Schweizer Schauspieler Samuel Weiss gestaltet den lakonisch-poetischen Bericht ohne Larmoyanz. Neurologisches Wissen wird im emotionslosen Duktus zu den Sprechtexten montiert. Regisseur Jörg Schlüter gelingt die Synthese der Monologe, der knappen Dialoge und von Sachinformationen zu einem überzeugenden Stimmenhörspiel.

In dem neuen, zwölf Jahre später entstandenen Hörspiel „Ende der Saison“ gestaltet derselbe Regisseur in etwa der gleichen Sendelänge mit demselben Sprecher und Protagonisten die weit fortgeschrittene Krankheit mit den gleichen stilistischen Mitteln und es überrascht, wie wenig sich Samuel Weiss’ Stimme und Ausdruck verändert haben. Der Chronist seiner Krankheit ist jetzt fast 50 Jahre alt und lebt seit 20 Jahren mit den Symptomen der unheilbaren Krankheit. Er ist einen „langen Weg ins eigene Gefängnis“ gegangen, die Medikamente generieren lebensbeeinträchtigende Nebenwirkungen (Schwindel, Wahnvorstellungen) und er geht schon lange am Stock.

Auf seiner „Wanderschaft durch die Therapien und das Leben“ lernt er neurologische Details seines Defekts in der Großhirnrinde kennen („Jeder Parkinson ist anders“), was seinen starken Lebenswillen herausfordert, ja, er erlebt auch „Lebensfreude“. In seiner Phantasie sieht sich der ehemalige Büroangestellte als Popstar, „der ich immer schon sein wollte“ – solche ‘Fluchten’ sind gut nachvollziehbar und vielleicht auch notwendig, um sich mit dem titelgebenden Ende der Saison zu versöhnen. Das muss aber „noch lange nicht das Ende der Reise“ bedeuten. So sagt es der Mann ohne Leidenspathos – ihm gebührt der Respekt des sensiblen Hörers.

24.05.2019 – Norbert Schachtsiek-Freitag/MK

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