Keine Absicht, nur Tourette: Deutscher Hörspielpreis der ARD für das WDR-Stück „Chinchilla Arschloch waswas“

27.11.2019 •

Der Deutsche Hörspielpreis der ARD ging an das dokumentarische Hörspiel „Chinchilla Arschloch waswas“ von Helgard Haug (Rimini Protokoll) und Thilo Guschas. Die Auszeichnung wurde am 9. November bei den 16. ARD-Hörspieltagen im Zentrum für Kunst und Medien (ZKM) in Karlsruhe vergeben

Hauptfigur des preisgekrönten Stücks ist Christian Hempel, der sich mit seiner Tochter Phillis mit einem VW-Bus auf den Weg nach Sylt macht. Die Reise ist nicht ganz unproblematisch, denn das Tourette-Syndrom des Vaters macht die Kommunikation nicht immer störungsfrei: „Keine Absicht, nur Tourette“ ist die Formel, mit der sich Christian für seine unwillkürlichen Ausfälle entschuldigt. Die Jury lobte in ihrer Begründung zur Preisvergabe, das Stück baue „eine Brücke zu allen Menschen, deren Besonderheiten nicht der Norm entsprechen“. Daneben zeige „das klug und vertrauensvoll konstruierte Hörspiel, dass es auch einen ganz anderen Umgang mit Schimpfwörtern gibt. Und tritt der bedrohlichen Zunahme von virtuellen und analogen Hassattacken damit im wahrsten Wortsinn in den Arsch.“

Eine problematische Entscheidung

Der Deutsche Hörspielpreis der ARD ist mit 5000 Euro dotiert und mit einer Ausstrahlung in sämtlichen deutschsprachigen Kulturradios verbunden. Inklusive der Wiederholungshonorare ist der Deutsche Hörspielpreis der ARD damit der bestdotierte Preis des Genres im deutschsprachigen Raum. Die Auszeichnung für „Chinchilla Arschloch waswas“ – der Titel zitiert einen Tourette-bedingten Ausspruch von Vater Christian – wurde von einer fünfköpfigen, rein weiblich besetzten Jury vergeben. Das Gewinnerstück ist eine Produktion des Westdeutschen Rundfunks (WDR), der dieses Jahr auch die Federführung der ARD-Hörspieltage innehatte.

Mitglieder der Jury waren die Autorin und Kulturjournalistin Jenni Zylka (Vorsitzende), die Musikberaterin Milena Fessmann, die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor, die Schauspielerin Jenny Schily sowie die Schauspielerin und Regisseurin Maryam Zaree. Die Jury vergab außerdem noch den mit 3000 Euro dotierten Preis für die beste schauspielerische Leistung in einem Hörspiel an die 82-jährige Schauspielerin Nicole Heesters für ihre Rolle in dem Hörspiel „Die Jahre“, das auf dem Roman der französischen Autorin Annie Ernaux beruht. Zentral für dieses Stück unter der Regie von Luise Voigt und mit der Komposition von Björn SC Deigner ist das Zusammenspiel des vierköpfigen Ensembles, dem neben Nicole Heesters auch Birte Schnöink, Constanze Becker und Corinna Harfouch angehörten (vgl. MK-Kritik). Erzählt wird eine kollektive Frauen-Biografie aus der Perspektive des „man“ (französisch „on“). Insofern ist die Entscheidung, einen Preis an lediglich eine dieser vier Stimmen zu vergehen, sehr problematisch. Eine lobende Erwähnung der Jury gab es für Michael Kessler für seine Rolle des an Karl Lagerfeld angelehnten Charakters KL in John von Düffels für Radio Bremen produziertes Dramolett „KL – Gespräch über die Unsterblichkeit“ (vgl. MK-Kritik).

Der mit 2500 Euro dotierte Publikumspreis ging an das von der Jury in ihrer öffentlichen Diskussion mehrheitlich abgelehnte Stück „Die dritte Arbeitskraft, mein Geld“ des Schweizer Autors Michael Stauffer. In seinem „Lehrstück gegen die selbstverschuldete Unmündigkeit in Finanzfragen“, eine Produktion des Schweizer Rundfunks SRF (Regie: Mark Ginzler), spielt Stauffer selbst eine Figur, die die Kontrolle über ihr Geld gegen den Staat und Banken selbst übernehmen will. Michael Stauffer stellt in seinem Stück eine Frage neu, die Wolf Lotter, Wirtschaftsjournalist beim Magazin „Brand Eins“, schon 2004 in Stefan Weigls kriegsblindenpreisgekröntem Stück „Stripped – ein Leben in Kontoauszügen (vgl. FK-Heft Nr. 22/04), gestellt hatte: „Was heißt es eigentlich, nicht gelernt zu haben, mit Ökonomie umzugehen? Was heißt es eigentlich, sich ständig Kräften auszusetzen, die man nicht versteht?“

Frauenförderung angemahnt

Der mit 1000 Euro dotierte „PiNball“-Preis für frei produzierte Stücke (früherer Preisname: „Premiere im Netz“) ging an die halbdokumentarische Satire „Chewing Gum makes a Demon really happy“ von Ronaldas Obukas und Simone Halder über den Internet-Guru Chris La Sala, der auch Teufelsaustreibungen online anbietet. Der ebenfalls im Rahmen der ARD-Hörspieltage vergebene Deutsche Kinderhörspielpreis ging an das Abschiebungsdrama „Eineinhalb Wunder und ein Spatz“ von Angela Gerrits (Regie: Hans Helge Otte, Produktion: HR/Deutschlandfunk Kultur), die den Preis schon 2017 für ihr Stück „Die Nanny-App“ bekommen hatte. Der Preis ist mit 5000 Euro dotiert. Der Kinderhörspielpreis der Stadt Karlsruhe ging an „Kicheritis“ (HR/WDR), ein Stück der britischen Ärztin und Kinderbuchautorin Gwen Lowe (Bearbeitung und Regie: Robert Schoen). Dieser Preis ist mit 2000 Euro dotiert und wird von einer Kinderjury vergeben.

Zum Abschluss widmeten sich die ARD-Hörspieltage unter dem Motto „Frauen im Ausschnitt“ der Frage, wie weiblich der Kulturbetrieb ist. Im Hörspiel sind die Dramaturgien in den öffentlich-rechtlichen Funkhäusern mehrheitlich mit Frauen besetzt. Beim WDR als Ausrichter der diesjährigen Karlsruher Hörspieltage gibt es übrigens gar keine fest angestellten Dramaturgen mehr, sondern nur noch einige freie. Dennoch liegt die Quote der produzierten Stücke bei 4:1 zugunsten der Männer. Das erschien den Teilnehmerinnen der abschließenden Podiumsdiskussion als zu wenig, weshalb in den sogenannten „Karlsruher Postulaten“ eine weitere Frauenförderung angemahnt wurde. (Alle Jury-Diskussionen wie auch das Beiprogramm der ARD-Hörspieltage 2019 kann man in der ARD-Audiothek nachhören.)

27.11.2019 – Jochen Meißner/MK