Katharina Adler: Ida (NDR Kultur)

Eine sehr individuelle Emanzipation

05.10.2019 •

Im Herbst 1900 standen vor dem gepflegten Haus im Wiener 9. Bezirk, in der Berggasse 19, zwei Personen, die dringend den dort wohnenden und ordinierenden Dr. Freud zu sprechen wünschten. Es waren Ida Bauer und ihr Vater Philipp, ein vermögender, Textilfabrikant, der seine 18-jährige Tochter wegen anhaltenden Hustens zu Dr. Freud brachte, dessen neue Heilmethoden sich herum­gesprochen hatten.

Die Autorin des Hörspiels „Ida“, Katharina Adler, wurde 1980 in München geboren und ist die Urenkelin von Ida Bauer, die nach ihrer Heirat mit dem Komponisten Ernst Adler dessen Namen trug – wie seinerzeit allgemein üblich. Katharina Adler hat vielfältiges Material zusammengetragen, aus dem ihr Debütroman „Ida“ entstand, der 2018 im Rowohlt-Verlag erschienen ist. Auf dieser Prosaarbeit beruht das gleichnamige, vom NDR produzierte Hörspiel.

Allerdings lässt der souveräne Umgang der Regie von Iris Drögekamp mit dem Ausgangsmaterial das ursprüngliche Format bald vergessen. Mehr und mehr verselbständigt sich das Hörspiel als eigenständige künstlerische Gattung. In gewisser Weise entsteht eine Art Wettlauf mit der Befreiung der Protagonistin von einer Übermacht gesellschaftlicher Zwänge – und auch so weit wie möglich von ihrem Arzt. Und genau das macht dieses Hörspiel spannend und intelligent.

Idas Leiden bezeichnete man damals als „petite hystérie“ und Sigmund Freud suchte der Ursache dieses Leidens mit den Mitteln der noch neuartigen Psychoanalyse auf die Spur zu kommen. In seiner 1905 entstandenen Veröffentlichung „Bruchstück einer Hysterie-Analyse“ verzeichnete er Anamnese und Verlauf der Krankheit beim „Fall Dora“. In Wahrheit hieß die Patientin jedoch Ida Bauer, ein kluges und eigensinniges junges Mädchen, das mehr und mehr erkennt, welchem Druck sie selbst ausgesetzt ist – und welchen Zwängen der „Herr Doktor“ unterliegt.

Zwangsläufig kommt es dadurch zu einer Auseinandersetzung der Autorin Katharina Adler mit der Psychoanalyse im Allgemeinen und Sigmund Freud im Besonderen. Das gegenwärtig unter Psychoanalytikern gelegentlich betriebene „Freud-Bashing“ macht sie jedoch nicht mit. Sie lässt dem Arzt seine menschlichen Seiten, versteckt aber nicht seine Eitelkeit und eine befremdlich wirkende, durch und durch indiskrete Neugier auf intimste Empfindungen der Patientin. Immerhin ist sie erst 18 Jahre alt, von den Gegebenheiten ihrer Zeit geprägt, tatsächlich in gewisser Weise noch ein Kind.

Die akustische Umsetzung hätte Gefahr laufen können, Drastik und Grobheit auszuschlachten, die der Text durchaus – wenn auch dosiert – enthält. Die Regie von Iris Drögekamp und die Komposition von Martina Eisenreich führen die Elemente dieses Hörspiels zu einem komplexen Gewebe zusammen, das der Sehnsucht nach Freiheit und Emanzipation ebenso Raum lässt wie dem Respekt vor menschlichen Schwächen.

Die Schauspieler nehmen die subtile Stimmung auf und schaffen eine kammerspielartige Atmosphäre. Hinter dem Geplauder lauern jedoch knisternde Geheimnisse und Gelüste. Idas Vater, der Ehrenmann, hat eine geheime Geliebte, deren Existenz jedoch „ganz Wien“ bekannt ist. Beispiele dieser Doppelmoral, die zwischen den Stangen des starren gesellschaftlichen Korsetts herausquellen, gibt es einige in dem 90-minütigen Stück. Doch sie werden nicht reißerisch vorgeführt, sondern mit einer Mischung aus Takt und Charme, aber durchaus mit kaltem Blick gezeigt.

Iris Drögekamp hat eine sichere Hand in der Besetzung bewiesen, indem sie mit Franziska Hackl als Ida, Jens Harzer als deren Vater und Victoria von Trauttmansdorff als Mutter drei stimmlich passgenaue Interpreten fand. Zu ihnen gesellt sich Michael Rothschopf als Sigmund Freud ohne jede Rauschebart-Anklänge, eher wie ein Mann in mittleren Jahren – der er zu jener Zeit tatsächlich ja auch war –, aber professoral vom Scheitel bis zur Sohle. Durchgängig ist die Konstellation der Personen suggestiv und macht es dem Hörer zu keinem Zeitpunkt schwer, sich Szenerie und Personen vorstellen und damit auch dem Thema einer sehr individuellen Emanzipation unter sehr besonderen Umständen intensiv folgen zu können.

05.10.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 23/2019

Inhalt

Abonnement

Jetzt abonnieren