Karen Köhler: Wild ist scheu (SWR 2)

Poetische Diskretion

12.12.2019 •

„Schnee. Der erste Schnee.“ So endet der aus dem Jahr 2014 aus ihrem Erzählband „Wir haben Raketen geangelt“ stammende Text der jungen Hamburger Autorin Karen Köhler, der nun für den SWR als Hörspielmonolog eingerichtet wurde. Und damit wird wohl auch das Leben ihrer Ich-Erzählerin beendet sein. Zumindest kann (und muss) man das vermuten, wenn man sich hörend eine gute Stunde lang mit der Koordinatensuche dieser ebenfalls jungen Figur beschäftigt hat.

Manches, was im Stück „Wild ist scheu“ erzählt wird, ist keineswegs leicht nachzuvollziehen, anderes spielt ebenso mit geläufigen Metaphern wie mit verwunderlichen Formulierungen, auf die man sich einlassen muss, um nachzufühlen, was und wie sich da etwas entfaltet. Überhaupt baut dieser auf Karen Köhlers Bucherzählung basierende Text so unüberhörbar und vertrauensvoll auf die Empathie des Hörers, wie es lange Zeit in aktuellen Hörspielen nicht zu vernehmen war.

Die meisten Passagen dieses Erzähltextes sind knapp gehalten, wie der eingangs zitierte Schluss der für eine akustische Dramatisierung eingerichteten Prosa. Parataktische Sätze fehlen fast gänzlich, das Tempo wäre das eines Stakkatos – wenn dieses nicht durch eine zunehmende Ermüdung der erzählenden Figur erheblich gedrosselt wäre. Erst allmählich gelingt es dem Hörer, diese Gestalt ohne Namen wirklich zu orten. Dabei wird das Ambiente, wenn man es denn so nennen darf, akribisch beschrieben. Die junge Frau, kurz „Sie“ genannt, hat sich – es ist Spätherbst – auf einem weit abgelegenen Hochsitz in der Wildnis eingerichtet. Eine Isomatte ist dabei, eine Decke, ein Wasserkanister, ein Notizbuch, ein Stift, eine Taschenlampe. Und ein Aufnahmegerät. Damit führt Sie ein gesprochenes Tagebuch, beschreibt Vogel- und Windgeräusche, wie kalt es ist auf dem Hochsitz im November und wie sie es schafft, „sich zu entleeren“. Banales und Poetisches fügen sich zusammen, manchmal recht kratzig, manchmal aber auch originell. Das hält den Hörer am Geschehen, zumal die Kardinalfrage, warum das alles so ist, wie es geschildert wird, erst ganz am Ende erklärt wird.

Das alles geschieht in der Einfachheit der Sprache unprätentiös und mit großer Eindringlichkeit. Sie hat ihren Partner vor wenigen Wochen verloren. Wie man dann erfährt, durch einen Autounfall direkt vor der gemeinsamen Wohnung. Kurz zuvor starb ihr erstes Kind schon während der Schwangerschaft. Ein Verlassensein in doppelter Potenz, der das Gemüt erst nicht folgen will, so dass es in einer Art Schockstarre verharrt.

Das Leben auf dem Hochsitz – dem man eine gewisse Metaphorik nicht absprechen kann – scheint zunächst eine Hilfe zu sein. Doch wenn auch die Psyche dringlich versucht, ihre Koordinaten wiederzufinden, wie die Autorin es nennt, so scheint die Physis den Strapazen nicht gewachsen. Wassermangel und zunehmend quälender werdende Kälte saugen den Lebenswillen der Ich-Erzählerin auf. Ihre letzten Worte, bevor sie das Aufnahmegerät ausschaltet, lauten dann, wie zu Beginn zitiert: „Schnee. Der erste Schnee.“ Auch das ist schon bei Adalbert Stifter eine gängige Metapher gewesen für das Herausgleiten des Lebenswillens. Angeblich ist das Erfrieren im Schnee ein leichter, kaum wahrgenommener Tod. Doch wer kann schon den Beleg liefern?

Kai Grehn, als Bearbeiter großer Stoffe bekannt geworden, nähert sich dem bewusst kleindimensionierten Text von Karen Köhler mit einer Behutsamkeit, die man als poetische Diskretion bezeichnen möchte. Er lässt den Worten ihr Gewicht und ihre Redlichkeit auch da, wo sie sich gelegentlich humorvoll versuchen oder bewusst subsprachlich daherkommen. Die Autorin, die in diesem Jahr mit „Miroloi“ ihr Romandebüt vorlegte, hätte sich keine empfindsamere Umsetzung ihrer Bucherzählung wünschen können.

Ohne die Stimme von Leonie Benesch hätte die Produktion jedoch nicht das künstlerische Niveau erreicht, das sie so hörenswert macht. Leonie Benesch, 1991 geboren, wurde 2018 mit dem deutschen Schauspielpreis für die beste Nebenrolle ausgezeichnet. Dass Benesch in „Wild ist scheu“ alle Valeurs von Zurückhaltung und Scheu durchspielt und sich auch in dem einzigen hochemotionalen Moment nicht zu einem Ausagieren hinreißen lässt, zeigt ihr Potenzial weit über Nebenrollen hinaus. Sparsame musikalische Akzente von Lars Rudolph verzichten auf platten Naturalismus und streuen nur einige intensive Vogelstimmen wie Schlaglichter über den Text. Damit schaffen sie der Prosa der jungen Hamburger Autorin einen Klangraum, in dem sich die Hilflosigkeit gegenüber Verlassenwerden und Tod im Decrescendo auflöst.

12.12.2019 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

Print-Ausgabe 10/2020

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