Kai-Uwe Kohlschmidt: Die wilde Freiheit – Der letzte deutsche Comanche (RBB Kultur)

True Western

28.09.2020 •

Nicht nur in Kriminalreportagen, sondern zum Teil auch in eigentlich fiktional angelegten Krimis werden authentische Verbrechensfälle verarbeitet – ein Phänomen, das unter dem Label „True Crime“ gerade medial im Trend ist (vgl. diesen MK-Artikel). Jetzt kommt vielleicht noch ein weiteres Authentizitätsgenre hinzu, zu dem am besten die Bezeichnung „True Western“ passt. In seinem Hörspiel „Die wilde Freiheit“, einer Produktion des RBB, greift der Musiker und Hörspielautor Kai-Uwe Kohlschmidt die Lebensgeschichte von Herman Montechema auf, der, wie der Untertitel des Stücks besagt, der „letzte deutsche Comanche“ war.

Herman Montechema (1859 bis 1932) wurde unter dem Namen Hermann Lehmann im US-Bundesstaat Texas als Sohn deutscher Siedler geboren. Als er zwölf Jahre alt war, wurde er von Apachen entführt und in die Gemeinschaft dieses indigenen Stammes aufgenommen. Er lebte zunächst mehrere Jahre mit den Apachen, später mit den Comanchen.

Kohlschmidts Hörspiel basiert auf „Originaldokumenten“, so ist aus den Senderinformationen zu der Produktion zu erfahren. Welche Dokumente damit im einzelnen gemeint sind, wird jedoch nicht näher erläutert. Allgemein lässt sich sagen, dass Herman Montechemas Biografie so gut dokumentiert ist, dass er jeweils einen Eintrag in der englisch- und der deutschsprachigen Wikipedia hat. In Texas gilt er wohl heute noch als historische Berühmtheit.

In dem 54-minütigen Hörspiel wird das Geschehen durch eine Rahmenhandlung zusammengehalten. In dieser tingelt ein Erwachsener Montechema (gesprochen von Hermann Beyer) durch Unterhaltungsshows, bei denen er seine Erlebnisse aus der Zeit als Apache und Comanche wiedergibt. Bei einer dieser Veranstaltungen lernt er den ehemaligen Texas Ranger James B. Gillett (Axel Werner) kennen, der quasi ein Kollege ist und ebenfalls alte Erlebnisse auf der Bühne zum Besten gibt.

Gillett (der ebenfalls eine historische Figur war) meint, in einer Geschichte, die Montechema ihm von einem Überfall auf Büffeljäger erzählt, seinen verschollenen Bruder Dillon als einen der Jäger wiederzuerkennen. Der Ex-Ranger bittet Montechema, mit ihm auf die Suche nach den Überresten seines getöteten Bruders zu gehen. Die Rahmung zeigt, wie die beiden Männer auf dieser Expedition so etwas wie Freunde werden.

Eingebettet in diese Rahmenhandlung wird zu unterschiedlichen Stationen in Montechemas Zeit als Mitglied der indigenen Gemeinschaften rückgeblendet. Eine der ersten dieser Szenen stellt das martialische und beinahe tödliche Initiationsritual dar, mit dem der gerade entführte Hermann Lehmann unter dem Namen En-Da (was so viel bedeutet wie „Weißer Junge“) bei den Apachen aufgenommen wird. Seine Eltern heißen jetzt Carnoviste und Ete (im Hörspiel gesprochen von Dennis Katzmann und Natascha Bondar). Im weiteren Verlauf werden in den Rückblenden die Konflikte der Indigenen mit den weißen Siedlern und ihren militärischen Einheiten geschildert, der Verlust der Nahrungsgrundlage durch die Jagd der Siedler auf Büffel und der letztendlich stattfindende Rückzug der Indigenen in die ihnen zugewiesenen Reservate. Damit ist die Zeit der „wilden Freiheit“ endgültig Vergangenheit.

Seinen neuen Namen Herman Montechema erhält En-Da, nachdem er aus Sorge vor Blutrache sein Soziotop verlässt und nach einiger Isolation in der Wildnis bei einem Comanchen-Stamm Aufnahme findet, in dem er von dessen Mitglied Quannah Parker adoptiert wird. Sprecherisch umgesetzt wird dies mit mehreren Zeitebenen, wobei neben Hermann Beyer als Montechema Laurids Schürmann die Rolle des jüngeren En-Da spricht (weitere Figuren werden von Lars Rudolph, David Ali Rashed und Kai Börner gespielt).

Bei dem Stück lässt sich als positiver Aspekt hervorheben, dass es mit dem Mythos der ethnischen Homogenität bei den gezeigten Stammesgesellschaften bricht. Gleichzeitig aber bleiben die „Native Americans“ in der Darstellung weitgehend die ungehobelten, rauflustigen und versoffenen Gestalten, wie man sie aus unzähligen Westernfilmen kennt. Auch wird ihnen in dem Hörspiel, dessen Hauptmerkmale Brutalität und Geschrei sind, oft ein lächerlicher Akzent angedichtet. So ähnelt das Stück letztlich doch sehr stark einem konventionellen Western. Nicht dass es kulturell sensibler wäre, Apachen und Comanche als edle Wilde zu zeichnen. Aber als solch ein edler Wilder wird hier Hermann Lehmann alias Montechema dargestellt. Und das ist nicht unproblematisch. Ob es authentisch ist, wird da zu einer unerheblichen Frage.

Mit dem Hörspiel „Die wilde Freiheit“ setzt Kai-Uwe Kohlschmidt seine Arbeitsweise fort, die man zum Beispiel schon kennt aus seinem Stück „Detzman Walking – Die Verwandlung des Hermann Detzner“ (RBB 2017). Kohlschmidt verfolgt den Weg weniger bekannter historischer Persönlichkeiten im Ausland nach, die nur eines gemeinsam haben: Sie sind Deutsche oder haben deutsche Vorfahren. Ein stark identitätspolitisch geprägtes Vorgehen, möchte man meinen.

Und so verkehrt ist diese Fährte nicht, auch in „Die wilde Freiheit“ stößt man auf sie. Bei der Expedition mit Gillett etwa äußert sich Montechema lobend über John O. Meusebach, den „Häuptling von den Deutschen hier“, der im März 1847 in einer Region in Texas, in der es bedeutende deutsche Siedlungen gab, einen Friedensvertrag mit den Indigenen schloss. Die Passage legt nahe, dass Auseinandersetzungen zwischen den Ureinwohnern und den neuen amerikanischen Siedlern vermeidbar gewesen wären, wenn sich Letztere ein Beispiel an den deutschen Neuankömmlingen genommen hätten. Sind Deutsche also die besseren Menschen? Solch verqueren Schlussfolgerungen werden von diesem Stück mit seinen unüberhörbaren anti-amerikanischen Untertönen leider keine Steine in den Weg gelegt.

28.09.2020 – Rafik Will/MK

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