Kai Grehn: Mögen Sie Emily Dickinson? (Bremen Zwei/Deutschlandfunk)

Hochkultur für alle

24.07.2021 •

Wenn man um das Jahr 1860 herum in Amherst, einer kleinen, aber renommierten Universitätsstadt im amerikanischen Bundesstaat Massachusetts, unter den Honoratioren der Bürgerschaft jemanden in Gehrock und Zylinder gefragt hätte: „Mögen Sie Emily Dickinson?“, wäre die Antwort vermutlich ein verlegenes Lächeln und ein Hochziehen der Augenbrauen gewesen. Denn Emily Dickinson, die 1830 in Amherst geborene Tochter aus angesehenem Juristenhaushalt, kannte fast niemand. Sie verzog sich ins Haus, mied Partys, auf der geeignete Ehepartner für die drei Sprösslinge der Familie gefunden werden sollten, und sie tat etwas, was man damals jungen Damen nur – wenn überhaupt – in der Abgeschiedenheit des eigenen Kämmerchens zubilligte: sie schrieb Gedichte. Sieben wurden zu ihren Lebzeiten veröffentlicht. Insgesamt 1789 waren es jedoch, die ihre jüngere Schwester Lavinia nach Emilys Tod im Jahr 1886 zusammentrug und einen Verlag für sie fand.

Inzwischen war die Zeit reif für die Vielfalt ihrer Themen: für Liebe und Tod – seit jeher die Fixsterne der Poesie –, für die metaphysische Obdachlosigkeit, die Unsterblichkeit. Die Suche nach den letzten Dingen, die Eschatologie. Doch nicht nur das: Auch die Schönheit des Augenblicks, ein schnell vorüberziehender Traum und immer wieder die Suche nach einer verwandten Seele klingen auf in den Versen Emily Dickinsons, die sich dem Kanon der damals üblichen poetischen Standards entzogen. In einem ihrer Briefe an einen ungenannten Empfänger schreibt sie: „Und wenn die gesamten Vereinigten Staaten über mich lachen! Mich hielte das nicht auf! Meine Sache ist’s zu lieben. Ich entdeckte einen Vogel, heute Morgen, weit – weit – unten in einem kleinen Strauch am Fuß des Gartens“, und dieser liebenswürdig belanglosen Feststellung folgt eine Frage, aus der sich die ganze Tragik dieser Dichterin ablesen lässt. „Und wozu singen? fragte ich, wenn niemand hört?“

Kai Grehn, der sich in vielen bemerkenswerten Produktionen einen Namen als Regisseur gemacht hat, hat sich beim Hörspiel „Mögen Sie Emily Dickinson?“ auch als Übersetzer hervorgetan. In deutscher Sprache lag zwar seit 2008 der erste Band mit einer Auswahl aus Dickinsons Lyrik vor; als Bearbeiter der Briefe und Gedichte entschied Grehn sich jedoch für eine eigene Version, wobei er für die Übertragung der literarischen Briefe auf die Mitarbeit von Uda Strätling zurückgriff. Und er war gut beraten dabei.

Der Wortklang bei Grehn/Strätling ist im besten Sinne modern. Keine Altertümeleien stören das helle Kolorit, von dem sich die dunklen Töne gelegentlich verstörerisch abheben. Natur- und vor allem Tiergeräusche von Nachtigall und Kauz, Hunden und entfernten Amphibien werden in der Komposition der US-Musikgruppe CocoRosie im wahrsten Sinne zusammengefügt. Mit ihr verdichte sich die dunkle Stimmung der Nacht und des irrenden Gefühls einer ahasverischen Seele. An Mondnächten, so heißt es in Aussagen der Bürger von Amherst, habe man Emily in weißem Gewand durch ihren Garten wandeln gesehen. In einem ihrer poetischen Selbstbekenntnisse ist tatsächlich auch von der „White Lady“ die Rede, wie die Zeitgenossen die gespenstische Erscheinung nannten.

Ein ganz eigener Klang musste für die Produktion von Radio Bremen (federführend) und Deutschlandfunk gefunden werden. Eine unerwartete, aber höchst künstlerische und stilvolle Entscheidung traf Kai Grehn, indem er sich bezüglich der musikalischen Mitwirkung für das junge amerikanische Schwesternduo CocoRosie entschied. Beide Schwestern, Bianca Casady („Coco“, geboren 1982 auf Hawaii) und Sierra Casady („Rosie“, geboren 1980 in Iowa), beherrschen eine Vielzahl von Instrumenten und finden vor allem auch durch Rosies sängerische Begabung und Eigenwilligkeit zu einer anspruchsvollen Klangsprache; bestrickende Melismen verströmen ein verführerisches Aroma. Mag sein, dass das androgyne Timbre der Sängerin, gleichzeitig in der Tonfarbe eines fast erwachsenen Kindes, nicht jedermanns Sache ist – aber der „Flow“ wird für heutige, junge Hörer nahe und attraktiv wirken.

Birgit Minichmayr als Sprecherin der Texte von Emily Dickinson zaubert mit ihrer wandlungsfähigen Stimme die Gefühlswelt einer von den Zeitgenossen unverstandenen und beiseite geschobenen Frau hervor, die in ihrer Dichtung und den brieflich festgehaltenen Erkenntnissen ihrer Zeit weit voraus war. Christopher Nell unterstreicht mit Gesang und Singstimme die Einzigartigkeit dieser Künstlerin. Dieser individuelle und von eindringlichem Kunstwillen geprägte Gestaltungswille sowohl der Autoren als auch des Hörspiels verführt zu einer intensivierten Wahrnehmung der poetischen Welt dieser Dichterin.

Viele Hörspielbearbeitungen haben im Lauf der Jahrzehnte mit der Frage gerungen, wie Poesie – zumal gereimt – in einem Prosatext hörbar gemacht werden kann. Viele Wege und Möglichkeiten sind gefunden worden, bessere und schlechtere; aber stets aufs Neue wurden Regisseure und auch Dramaturgen von solchen, nicht immer leicht zugänglichen Stoffen angezogen. Und in diesem Fall gelingt es den beiden Sendern, dem selbstgestellten Kunstanspruch gerecht zu werden. Hochkultur ist leider in der Sicht einiger Radiomanager nicht alltagstauglich. Das ist ein Irrtum. Davon könnten sich die Damen und Herren in den öffentlich-rechtlichen Anstalten überzeugen, wenn sie sich die Zeit zum Anhören von „Mögen Sie Emily Dickinson?“ nehmen würden. Und ihre Antwort auf die Frage, ob Hochkultur im Radio etwas für alle ist, wäre höchstwahrscheinlich: „Ja.“

24.07.2021 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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