Juli Zeh: Unterleuten. 6‑teiliges Hörspiel (RBB Kulturradio/NDR Info)

Nachbarschaftsterror

02.11.2018 • „Unterleuten“ ist ein erfolgreicher Roman von Juli Zeh aus dem Jahr 2016, der im fiktiven brandenburgischen Ort Unterleuten spielt. Die Autorin hat zu dem Buch sogar eigens eine Website einrichten lassen, mit genauem Dorfplan, Gemeindehistorie und Bewohnerporträts (www.unterleuten.de). Ende 2017 sind in Weimar und Bonn auch Adaptionen des Buchs auf die Bühne gebracht worden. Und das ZDF hat angekündigt, „Unterleuten“ als dreiteiligen Fernsehfilm produzieren zu lassen (Regie: Matti Geschonneck).

Auch der Hörfunk macht fleißig mit beim Hype um den vielgelesenen Roman: Am 3. Oktober hatte die sechsteilige, von RBB (federführend) und NDR produzierte Radiofassung des Buchs Premiere. Die Funkbearbeitung und Inszenierung der Hörspielregisseurin Judith Lorentz mit insgesamt rund sechs Stunden Spielzeit wurde als Podcast in zwölf Episoden bereits am 1. Oktober vorveröffentlicht. Als Verbreitungsweg diente hier die neu gegründete Podcast-Plattform des RBB namens „Serienstoff“, auf der „Unterleuten“ die zweite Veröffentlichung ist.

Jetzt muss der zwei Jahre alte Dorfkrimi, dessen Handlung im Jahr 2010 spielt, auf seinen schon ziemlich strapazierten Schultern also auch noch das Hörspiel ins Internet-Zeitalter tragen? Scheint so. Einen Vorteil im Wettbewerb um die Aufmerksamkeit möglichst vieler Nutzer verschafft dem Stück vielleicht die mediale Präsenz seiner Verfasserin. Die 1974 in Bonn geborene und in Brandenburg lebende Juli Zeh wurde jüngst von der SPD sogar als Richterin für das Brandenburgische Verfassungsgericht vorgeschlagen. Die Schriftstellerin ist auch promovierte Juristin und Mitglied der SPD.

Die Geschichte von „Unterleuten“ handelt davon, dass in der Gemeinde ein Windpark entstehen soll und dieses Investitionsvorhaben die Dorfgemeinschaft spaltet. Jede Figur verfolgt dabei ihre eigenen Interessen. Der aus Ingolstadt stammende Konrad Meiler (gesprochen von Udo Wachtveitl) will unbedingt noch ein paar Hektar mehr für seinen Windpark. Der Akademiker und frisch gebackene Vater Gerhard Fließ (Wolfram Koch) will eine seltene Vogelart vor genau diesen Windrädern bewahren. Der aus Oldenburg stammenden Linda Franzen (Tanja Wedhorn) ist eigentlich alles egal, solange sie eine Pferdekoppel für Managerseminare errichten kann. Großbauer Gombrowski (Hilmar Eichhorn) will seinen beinahe insolventen Biobetrieb am Leben halten und sieht den Windpark als Chance. Trotz ewig langer Hintergrundgeschichten hat man beim Hören das Gefühl, dass die Charaktere nur skizzenhaft bleiben und wenig Tiefe besitzen. Mit der Zeit ergibt sich zum Ausgleich ein zunehmend undurchschaubares Geflecht aus Konfliktkonstellationen.

Einer der wichtigsten Gegensätze ist dabei der zwischen den nach der politischen Wende von 1989 Zugezogenen und den Einheimischen. Flüchtlinge übrigens kommen in der Geschichte nicht vor, was sich zum einen mit der Zeit der Handlung erklären lässt. Es ist aber auch ein Hinweis auf die für Dorfkrimis typischen ‘Laborbedingungen’ einer abgeschlossenen Gemeinschaft, die sich abgesehen von lokalen Angelegenheiten ziemlich unpolitisch gibt.

Was an der Sprechhaltung der über 30 Mitwirkenden allgemein auffällt, ist ihr beinahe improvisatorischer Ton, ihre durchweg einfache, alltagssprachliche Wortwahl und ihr (meist brandenburgischer) Dialekt. Das Stück verzichtet auf eine Erzählerfigur. Die Handlung wird dem Zuhörer zum einen über Dialogszenen nahegebracht. Diese Passagen entstanden vielfach mit authentischer Hintergrund-Atmo durch Außenaufnahmen auf dem Land in der Umgebung von Berlin. Zum anderen geben innere Monologe Einblick in die Gedankengänge der Figuren, die zusätzlich immer wieder einzeln in einer Art Interviewsituation von ihrer Motivation für das Leben in Brandenburg berichten. Mit wem sie dabei sprechen, bleibt allerdings unklar, ein Gegenüber fehlt. Eine polizeiliche Verhörsituation ist es jedenfalls nicht.

Grund für Ermittlungen in diesem Dorf, wo die Leute ihre Angelegenheiten lieber unter sich regeln (ob Zugezogene oder Einheimische, spielt für die Einhaltung dieser unausgesprochenen Regel lange keine Rolle), gäbe es allerdings genug. Die Methoden, mit denen sich die Dorfbewohner gegenseitig das Leben zur Hölle machen, überschreiten oft die Grenzen legaler nachbarschaftlicher Streitfälle. Aber sechs Stunden Nachbarschaftsterror ergeben leider kein schönes Hörspiel. Der Eskalationsspirale beim Kreiseln zuzuhören, ist eher deprimierend. Zudem ist es eben deshalb, weil die allwissende Erzählfigur aus dem Roman im Hörspiel fehlt, schwer, das ganze Stück mit voller Aufmerksamkeit zu verfolgen.

Eine Frage drängt sich auf: Handelt es sich bei dem Hörspiel, dessen sechs Folgen vom Kulturradio des RBB am diesjährigen „Tag der Deutschen Einheit“ en bloc ausgestrahlt wurden, nun um eine Serie oder einen Mehrteiler? Wahrscheinlich eher um Letzteres. Das Fehlen einer echten Seriendramaturgie zeigt sich schon formal an der mehr oder weniger willkürlichen Aufsplittung in sechs Hörfunk- und zwölf Podcast-Teile. Leider ist auch „Unterleuten“ also nicht der Auftakt für ansprechende fiktionale Hörspielserien, wie es sie im Fernsehen und bei Videostreaming-Anbietern gibt. Das Podcast-Feld bleibt vorerst wohl eher den Doku-Formaten als besonders geeigneter Hörraum vorbehalten.

02.11.2018 – Rafik Will/MK

Print-Ausgabe 23/2018

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