Judith Kuckart: Jagd auf Tilla Fuchs. Hörspiel frei nach Motiven der Novelle „Lady into Fox“ von David Garnett und Gedichten von Annette von Droste-Hülshoff (SWR 2)

Tragi-komisch-beklemmend

27.04.2020 •

Die Wiederentdeckung der kleinen, fantastischen und schrillen Tier-Menschfabel „Dame zu Fuchs“ („Lady into Fox“) von David Garnett liegt zumindest in Deutschland noch gar nicht so lange zurück. Zwar schon 1922 aus der Feder des Schriftsteller, Buchhändlers, Verlegers und Exzentrikers Garnett (1892-1981) veröffentlicht, ließ die Ausgrabung und Wahrnehmung in deutscher Übersetzung bis 2016 auf sich warten und wurde dann von der erwachten Literaturkritik allerdings als „literarisches Kronjuwel“ (Christopher Schmidt) oder „kurioser wie starker Text“ (Tilman Spreckelsen) gefeiert.

Judith Kuckart widmete sich der Vorlage bereits im Sommer vorigen Jahres mit einem szenischen „Erzähltheater“ in der Titanickhalle zu Münster, wobei das Stück den Titel „Jagd auf Tilla Fuchs“ erhielt. Schelmisch, bissig und sarkastisch von Garnett imaginiert, geht es um ein verheiratetes bürgerliches Paar aus dem ländlichen Oxfordshire, wobei die Frau sich unversehens und unwiederbringlich in einen Fuchs verwandelt und mit dem Ehemann Katz und Maus zu spielen beginnt. Es gibt in diesem liebevoll-sadistischen Kampf der Leiber und Geschlechter aber kein Happy End für die Ungleichen – nur der gewaltsame Tod von Kreatur und Mensch bleibt als augenzwinkernde Metapher im Finale stehen, wobei natürlich den Interpreten schon vor Jahren auch ein Franz Kafka als interpretierender Lösungsansatz gewetterleuchtet haben mag.

Judith Kuckart, gediegene Regisseurin und Autorin, hat den wunderbaren Stoff nun im Auftrag des SWR auch als rund 50-minütige Hörspielfassung eingerichtet (Dramaturgie: Andrea Oetzmann). Und obwohl sie recht nah an der literarischen Vorlage bleibt, ist ihr eine Adaption gelungen – aufgeteilt in die Stimmen der tragischen Doppelnatur Füchsin (als Erzählerin) und des Mannes –, die den Hörer unbedingt fesselt. Mit wunderbarer Leichtigkeit lenkt und führt Kuckart diese tragi-komisch-beklemmende Fabel von männlicher und weiblicher Befindlichkeit und lässt immer wieder einen sympathisch verstörten und überraschten Hörer an den Lautsprechern zurück.

Wenn man so will, hat Judith Kuckart den Kampf der Geschlechter – ja, er kommt, ganz zart, rasierklingenscharf und subtil daher! – durch einen kunstvollen Bearbeitungstrick zu einer neuen Sprache und Radio-Befindlichkeit hinaufgeschraubt. Die Bearbeiterin hat trist-melancholische Natur- und Jagdgedichte (darunter „Die Jagd“, „Die tote Lerche“ und „Das öde Haus“) von Annette von Droste-Hülshoff (1797-1848) eingeflochten, Naturszenarien auch in diesem Fall, deren Herbheit und Naturschmerz man unschwer nachspüren konnte. Das alles wirkte nicht aufgesetzt, sondern äußerst stimmig, auch im melancholischen Grundton.

Geradezu als genialer Einfall konnte es anmuten, dass die lyrischen Droste-Passagen von der überragenden Sängerin und Pianistin Dominique Dillon de Byington ins verstörende Vibrato, Rezitativ oder Klagelied gesetzt wurden. Das war umwerfend schön und passend und auch im besten Sinne aufwühlend. Regisseur Ulrich Lampen gelang hier ein wunderbares Meisterstück, wobei ihm Bibiana Beglau (Erzählerin) und Bernhard Schütz (Mann) in kluger sprecherischer Zurückhaltung beistanden. Das war mehr als eine Bearbeitung – es war eine, ja doch, eine Radio-Sternstunde im Hörspiel.

27.04.2020 – Christian Hörburger/MK