John von Düffel: KL – Gespräch über die Unsterblichkeit (Bremen Zwei)

Das Sprechen und das Gesprochene

22.11.2019 •

In fünf Staffeln seiner ZDF-Fernsehreihe „Kessler ist…“ ist Michael Kessler zwischen 2014 und 2019 in viele verschieden Rollen geschlüpft. In die von Heino und Gregor Gysi, die von Horst Lichter und Conchita Wurst, um schließlich den Gegenstand seiner Imitation mit sich selbst zu konfrontieren (vgl. MK-Kritik). Die Nachahmung von Mimik und Gestik, Gang und Verhalten waren die Voraussetzungen, um der jeweiligen Person dann mit Kostüm und Maske die nötige Glaubwürdigkeit zu geben.

Eine Figur hat Kessler in den insgesamt 24 Episoden seiner TV-Reihe nie gespielt, die des am 19. Februar dieses Jahres verstorbenen Modedesigners und Fotografen Karl Lagerfeld. Das hat er jetzt für das Radio getan und statt Kostüm und Maske hat er nur seine Stimme und deren Körperlichkeit zur Verfügung, um die Figur zu verlebendigen. Die Figur heißt „KL“ wie John von Düffels 160-seitiger Roman aus dem Jahr 2015, dessen Cover im Design des Parfüms „Chanel No5“ daherkommt. Im Buch ist der Name der Figur albernerweise in kleine Kapitälchen gesetzt, was ihr nicht eben die schlanke Eleganz ihres Vorbilds verleiht, sondern sie klein und gedrungen erscheinen lässt. Für seine schauspielerische Leistung als KL in der von Radio Bremen produzierten Hörspielfassung des Romans ist Michael Kessler bei den ARD-Hörspieltagen 2019 in Karlsruhe mit einer lobenden Erwähnung bedacht worden.

Das im Untertitel von Buch und Hörspiel genannte „Gespräch über die Unsterblichkeit“, das eigentlich aus drei Gesprächen besteht, soll eine philosophische Unterhaltung werden. Das ist jedenfalls das Ziel des namenlosen Interviewers (Martin Engler) von KL. Doch an einem Gespräch im Sinne eines Dialogs ist KL nicht interessiert. Lieber redet er selbst die dreißig Minuten lang, die er seinem Interviewer zugesteht: „Stellen Sie mir keine Fragen. Dann brauche ich nicht so zu tun, als würde ich Ihnen antworten.“

Auch wenn man sich im Lauf der 75 Minuten des Hörspiels an das leicht hamburgische Lispeln und die zu Beginn atemberaubende Sprechgeschwindigkeit von Michael Kessler alias KL gewöhnt hat, so fühlt man doch ständig den Reflex, über das Sprechen hinwegzuhören, um besser das Gesprochene wahrzunehmen. Denn was John von Düffel durch die Figur des KL zu sagen hat, ist präzise, elegant vielschichtig und immer hörenswert. Das gilt sowohl für seine Sottisen gegen das Hamburger Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ wie auch für seine Gedanken über die Übergriffigkeit der bunten Bilder, die in Zeiten der Fotohandys jede Distanz vernichtet habe. Deshalb habe er, KL, sich schon vor Jahren entschlossen „schwarz-weiß“ zu werden. Denn der Blick des Betrachters bestimme, wer man sei, und Haltung beweise, wer sich selbst mit strengem Blick zusehe, so KL.

Die Griechen, so doziert KL weiter, hätten sich das Verhalten der Menschen so erklärt: „Nicht die Götter haben sich wie Menschen aufgeführt, sondern die Menschen wie die Götter, deren Blick auf sie fällt.“ Hier hakt der Interviewer ein und tut, was ihm eigentlich verboten ist, er stellt eine Frage, und zwar die entscheidende: „Welcher Gott schaut Sie an?“ Die Frage bleibt zunächst unbeantwortet, aber KL wird auf sie im zweiten Gespräch zurückkommen.

Auf eine Bemerkung des Interviewers, dass die Journalisten KL offenbar immer die falschen Fragen stellten und es wohl Zeit werde, dass jemand ihm die richtigen Fragen stelle, kontert KL mit der lapidaren Feststellung: „Die Journalisten stellen genau die richtigen Fragen, nämlich die, die sie immer stellen. Ich gebe seit einem halben Jahrhundert ein und dasselbe Interview.“ Schließlich entwickelt KL den Begriff der „Schwadrosophie“, bei der aus dem Schwadronieren ein Philosophieren wird, wenn denn ein Philosoph ihn anblickt.

Das zweite Gespräch besteht aus einem Anruf von KL beim Interviewer. Nachts um halb drei beschwert KL sich über die Abschrift des Gesprächs: „Sie haben ja die Hälfte gestrichen.“ Darunter die Antwort auf die Frage nach dem Gott, der ihn anschaue. Es ist die verstorbene Mutter von KL, offenbart er jetzt, ihre Lieblosigkeit sei der Quell seines Ichs und der Grund seiner Selbsterziehung: „Ich hatte keine Kindheit, ich hatte ein Bestimmung, immer schon.“ Und weiter: „Wir wollen dem  Gott, der uns anschaut, beweisen, dass er sich nicht in uns täuscht.“ Wobei KL später hinzufügt: „Wenn aber Sein heißt‚ gesehen zu werden, dann sind Sein und Schein nur eine Frage der Brennweite.“

Das dritte Gespräch findet in einer Klinik statt, in die KL nach einem Zusammenbruch am Grab seiner Mutter eingeliefert wurde. Er, ein „deutsches Mentalitätsmuseum“, ein „Vatikan der deutschen Tugenden“ und eine „wandelnde deutsche Tugend-Enklave“, als die er sich zuvor beschrieben hatte, ist müde. KL ging es permanent um das „Durchkommen“. Das sei es, was ihm seine Mutter mitgegeben habe, die Gewissheit irgendwie durchzukommen. Demzufolge gibt es für KL auch kein Ende und am Ende des Hörspiels seine ruhenden Züge im Schlaf, „die Totenmaske der Entspannung“ annehmen, ist die Unsterblichkeit nun ganz sein.

Christiane Ohaus (Bearbeitung und Regie) hat John von Düffels Text mit Ernsthaftigkeit und Humor als Dramolett inszeniert, wofür es die parodistischen Ansätze in Stimme und Habitus nicht gebraucht hätte. Die Auslassungen und Löcher in der Dramaturgie der sogenannten Gespräche, die im Verlauf des Stücks dann doch noch dialogisch werden, sind die kleinen Makel, die die Schönheit erst erstrahlen lassen. In Gestalt des namenlosen Interviewers trägt das Stück seinen philosophischen Ansatz so demonstrativ vor sich her, dass man, verstimmt von der erkannten Absicht, seine Aufmerksamkeit auf John von Düffels kunstfertig gebaute Konversationen lenkt. Und dann stellt  man fest, dass unter der sprachlichen Maßkonfektion doch nicht nur jene kulturkritischen Trivialitäten stecken, die heute als Philosophie durchgehen, sondern eine Reflexion der Blicke auf die Kunstproduktion und -konsumtion, die man so im Hörspiel nicht vermutet hätte.

22.11.2019 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 24/2019

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