John von Düffel: Ein klarer Fall. Reihe „ARD Radio Tatort“ (Bremen Eins)

Intensiv, spannend, überzeugend

25.05.2012 •

Der Bremer Polizeipräsident und sein Referent sind sich sicher: Bremens Polizei hat den größten Fahndungserfolg seit langem vorzuweisen. Eilends berufen die beiden eine Pressekonferenz ein, um den Journalisten stolz zu verkünden, dass der Täter eines Spielbankraubs mit Hilfe künstlicher DNA überführt worden sei und sich in Haft befinde. Zunächst erleichtert klinkt sich Hauptkommissarin Claudia Evernich aus dem Dienst aus – über ihr Urlaubsziel gibt sie keine Auskunft.

Schon an dieser frühen Stelle zeigt sich John von Düffel in seinem vierten Bremer „Radio Tatort“ einmal mehr als der versierte Autor, als der er sich seit seinen ersten Veröffentlichungen Mitte der Neunziger Jahre erwiesen hat. Seine Theaterstücke, Filmdrehbücher, Tätigkeiten als Theaterdramaturg, aber auch als Universitätsdozent und immer wieder als Autor von Originalhörspielen zeigen in knapp 20 Jahren eine äußerst intensive Beschäftigung mit den Möglichkeiten der Dramatik. Politik und Wissenschaft bilden zumeist Hintergrund und Plattform seiner Arbeiten, was nicht zuletzt seine Hörspiele immer wieder spannend und ungewöhnlich macht. Ein plausibler Plot und klar konturierte Personenzeichnung werden in parallel oder gegenläufig geführte Handlungsstränge eingebunden und kunstfertig wie im Fadenspiel „Katzenwiege“ („Abhebespiel“) so miteinander verknüpft, dass sich die Fäden wieder entwirren lassen, ohne zu reißen. Das ist bei Krimi längst nicht immer der Fall. Oft leiden sie recht anämisch an Plausibilitätsmangel oder verwechseln intendiertes Verwirrspiel mit schludriger Handlungsführung.

Die „Radio-Tatort“-Folge „Ein klarer Fall“ ist da ganz anders: Die Hauptstränge der Handlung, zunächst scheinbar unverbunden, führen mit zunehmender Intensität und Spannung den Titel ad absurdum. Keineswegs ist es ein klarer Fall, was da als optimale Ergebnisorientiertheit der obersten Polizeibehörde des kleinen Bundeslandes mit bundesweiter Wirkungsmöglichkeit der Presse zum Fraß vorgeworfen wird. Angeblich, so die Haltung des mit einem privatwirtschaftlichen Unternehmen befremdlich eng kooperierenden Bremer Polizeipräsidiums, ist die Sichtbarmachung von DNA-Markierungen durch entsprechende UV-Lampen absolut fehlerfrei. Diese Erkennungsmethode des um Anerkennung ringenden Staatsorgans Polizei passt gut in den aktuellen Trend der Sicherheitsneurose. Ebenso aber auch in den Rahmen der Terrorabwehrgesetze, die derzeit eine Art politisches „Angstblühen“ zu erleben scheinen.

Antipoden dieser behördlichen Pseudogewissheit sind Claas Berding, Assistent der angeblich im Urlaub befindlichen Hauptkommissarin Evernich, und Staatsanwalt Dr. Gröninger. Er deckt, wenngleich eher unwillig, den Entschluss des jungen Kommissars, sich in die Gefängniszelle des angeblich Überführten einschleusen zu lassen. Ein Mitinsasse enttarnt ihn. Und ein Kampf auf Leben und Tod wird nur in letzter Minute vom Wachpersonal beendet.

Parallel dazu erfährt der Hörer, dass Hauptkommissarin Evernich keineswegs Urlaub genommen, sondern ihren im Sterben liegenden Vater aufgesucht hat. Beide verbindet große Zuneigung zueinander, aber auch ein niemals aufgelöster Antagonismus. Der ehemalige Gefängnispfarrer, der für die Liberalisierung des Strafvollzugs gekämpft hatte, kann seiner Tochter den Dienst mit der Waffe nicht verzeihen. Doch jetzt, in seinen letzten Momenten, bittet er die Tochter darum, ihn zu erschießen und ihn damit von seinen Qualen zu erlösen. Die Tochter flieht vor diesem für sie unerfüllbaren Wunsch, rettet sich quasi auf vertrautes Terrain, fährt zurück ins Kommissariat. Gerade noch rechtzeitig, um die weitere Kampagne für die ungeprüfte Sicherheitstechnik zu stoppen. Und zu erfahren, dass ihr Vater gestorben ist.

Was sich in der Zusammenfassung lesen mag wie eine Dramaturgie des Deus ex machina, ist im Stück indes filigran verwoben und sprachlich mit kleinen, aber sehr präzisen Schraffuren überzeugend gestaltet. Die Besetzung mit ebenfalls überzeugenden Schauspielern – allen voran Marion Breckwoldt als Claudia Evernich, Alexander Radszun als Referent des Polizeipräsidenten und leise, unaufdringlich und doch mit moralischer Unerbittlichkeit Hans-Michael Rehberg als Pastor Evernich – macht es dem Hörer nicht schwer, den gelegentlich bewusst abrupt unterschnittenen Handlungssträngen und der ambitionierten Regie von Christiane Ohaus zu folgen. Hier hat Radio Bremen zur Hörfunk-„Tatort“-Reihe eine Folge mit knapp gehaltenem Lokalkolorit beigesteuert, thematisch ein Beitrag für die Hörer der gesamten ARD. Vor allem für diejenigen, die vom Radiokrimi mehr erwarten als Crash, Regionalgelaber und Totschlag, als schnell hingewischte Personnage oder den gelegentlich koketten Griff nach Minderheiten. „Ein klarer Fall“ belegt, dass ein Krimi auch eine klare Haltung haben kann.

Text aus Heft Nr. 21-22/2012 der Funkkorrespondenz (heute: Medienkorrespondenz)

25.05.2012 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/FK

` `