John Steinbeck: Jenseits von Eden. 8-teiliges Hörspiel nach dem gleichnamigen Roman des Autors, Funkbearbeitung: Christiane Ohaus (NDR Kultur)

Berauschendes Historien- und Bibeldrama

22.05.2021 •

Im Jahr 1962 wurde John Steinbeck (1902-1968) für sein großes literarisches Werk durch den Nobelpreis für Literatur geadelt, zumal „für seine einmalige realistische und phantasievolle Erzählkunst, gekennzeichnet durch mitfühlenden Humor und sozialen Scharfsinn“. Die historische Auszeichnung überblendet im Zuge von vielen Jahrzehnten nur zu gerne, dass die literarischen Qualitäten des US-amerikanischen Schriftstellers keineswegs unumstritten waren. In der Literaturkritik kamen auch immer wieder Nörgler und Besserwisser zu Wort, die dem Literatur-Giganten aus dem kalifornischen Salinas am Zeug flicken wollten.

Jerôme von Gebsattel, zum Beispiel, mokierte sich über Steinbecks 1952 erschienenen Roman „Jenseits von Eden“ (Originaltitel: „Eastof Eden“) mit der fast degoutanten Entgleisung: „Seine ungestaltete, ja oft chaotische Fülle verwirrt, und seine an Freud und Adler beeinflussten Gedanken und Deutungsversuche wirken sprunghaft, unausgeglichen. Steinbecks Folgerungen sind keineswegs neu. Es ist ihm ganz offensichtlich nicht gelungen, sein ehrgeiziges Vorhaben, den großen amerikanischen Roman zu schreiben, zu realisieren. Er scheint zeitweise Übersicht und Kontrolle über das allzu üppige Material verloren zu haben, und die symbolträchtige, zu epischem Rhythmus neigende Sprache klingt oft gesucht.“

Wäre da nicht die auf 115 Minuten eingedampfte, aber geniale Verfilmung mit James Dean aus dem Jahr 1955 in Erinnerung zu rufen (Regie: Elia Kazan), vielleicht hätte die Rezeption des gigantischen Romans tatsächlich eine ganz andere Wendung genommen. Nicht zuletzt der Mythos James Dean hat auch die literarische Betrachtung des 800-Seiten-Romans maßgeblich beeinflusst, zum Teil auch vergoldet. Zwar erzählt der Film, perspektivisch eingeengt und verkürzt, nur noch oder vor allem vom unverstandenen Einzelgänger Cal Trask (James Dean) und seiner fragilen Zuneigung zu Abra (Julie Harris), der Verlobten von Cals Zwillingsbruder Aron (Richard Davalos). Doch die kondensierte filmische Introspektion auf amerikanisches Familienleben und die blutigen Zimmerschlachten hinter verschlossenen Türen im Zeichen von Kain und Abel, dieser Medientransfer dürfte eine entscheidende und positiv gewendete Rolle in der nachfolgenden Rezeptionsgeschichte gespielt haben.

Großformatige Romane der Weltliteratur für die Bedürfnisse der öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten akustisch einzuschmelzen, hat eine lange Tradition und entsprechende Hörspielrealisierungen sind heute fast immer mit einem Joint-Venture mit den Hörbuchverlagen verbunden. Erinnert sei aus jüngster Zeit an die Hörspielbearbeitung von Flauberts „L’Éducation sentimentale. Histoire d’un jeune homme“, die als dreiteilige Funkversion vom Südwestrundfunk (SWR) eingerichtet und unter dem Titel „Lehrjahre der Männlichkeit. Geschichte einer Jugend“ im Programm SWR 2 ausgestrahlt wurde (vgl. MK 2/21) und die anschließend im Verlag DAV als Hörbuch herauskam. Nun bemühte sich Christiane Ohaus, Dramaturgin, Regisseurin und Autorin beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), um die Funkeinrichtung des amerikanischen Klassikers „Jenseits von Eden“, wobei sie auf einen großen eigenen Erfahrungsschatz an Hörspieleinrichtungen der Weltliteratur zurückblicken kann, darunter Adaptionen von „Der Steppenwolf“ (2002), „Jane Eyre“ (2004), „Madame Bovary“ (2005) und „Im Westen nichts Neues“ (2014).

Ja, auch die Hörspielversion von „Jenseits von Eden“ – als Achtteiler mit Folgen von rund 70 Minuten – erfordert den geduldigen, auch belastbaren Radiohörer. Immerhin wird ihm trotz mutiger Striche und Auslassungen der Rückblick in eine Familiensaga zugemutet, die zeitlich zwischen dem Beginn des amerikanischen Bürgerkrieges und dem Ende des Ersten Weltkrieges angesiedelt ist, ein großes Panorama, das sich die Verfilmung von 1955 aus guten Gründen von vornherein versagte. Bislang liegt nur eine deutsche Übersetzung des Romans vor, und zwar die von Harry Kahn aus dem Jahr 1953, die aus heutiger Sicht bisweilen etwas angestaubt und auch modrig wirkt. Auf diese musste sich Christiane Ohaus in ihrer Funkeinrichtung vollständig verlassen, als es galt, das akustische Narrativ der Familien Trask und Hamilton aufzufächern, mit ihren biblisch verorteten Verstrickungen in das Alte Testament, den Bezügen zum Kain-und-Abel-Mythos und zum Sündenfall des Menschen ganz allgemein.

An veritablen stimmlichen Verzauberern fehlt es in dieser rund neunstündigen Inszenierung wirklich nicht. Ohaus konnte alles, was gegenwärtig Rang und Namen hat in Hörspiel und der Radiokunst, vor das Mikrofon bitten und mit dieser akustischen Vergewisserung ein berauschendes (amerikanisches) Historien- und Bibeldrama entwerfen und in Szene setzen, das sich kleinlicher Kritik a priori zu verweigern scheint.

Ulrich Noethen als Erzähler, Steinbeck-Autor und Führer durch das literarische Universum des Romans hat den roten Faden immer in der Hand. Matthias Bundschuh – zunächst Pidgin-Englisch hauchend – als chinesischer Guru Lee im Wilden Westen der amerikanischen Selbstzerstörung exegiert die Bibel mit unnachahmlicher Weisheit. Dem sind die dämo­nischen Verführungskünste einer Maja Schöne (sie spiegelt die Femme fatale Cathy Ames) als vibrierender Kontrapunkt gegenübergestellt. Samuel Weiss, Christian Redl, Siemen Rühaak, Tilo Werner, Gabriela Maria Schmeide, Thomas Niehaus, Felix von Manteuffel und viele andere Akteure runden den Kosmos exzellenter Steinbeck-Interpreten oft süffisant und genüsslich im Breitband-Sound des Hörspiels ab.

Kritisch anzumerken bleibt für manche Ohren freilich, dass vor allem in den ersten Handlungsteilen die dialogischen Partien und der Erzählfluss durch gelegentlich überbordende Klavieruntermalung zugekleistert wurden. Hier hätte man sich ruhig über längere und großzügigere Distanzen auf das allein gesprochene Wort von Erzähler und Figuren verlassen dürfen. Immer wieder, und auf jeden Fall zu oft, wurde im Sinne einer akustischen Ölfarbe des Klaviers unterstrichen oder übermalt, so geschehen bei Disputen, Erzählungen und Dialogen, die unbedingt das Vertrauen auf den solitären Sprach- und Sprechraum verdient gehabt hätten.

Genial getoppt wurde die insgesamt solide Hörspieladaption (Dramaturgie und Redaktion: Michael Becker/NDR) allerdings durch den ausgeklügelten Regie-Einfall, die amerikanische Sängerin, Komponistin und Pianistin Stephanie Nilles mit der Komposition und Realisation von elf musikalischen Gesangs- und Kompositionseinschüben für die Produktion zu betrauen. Nahezu frei und entbunden von Romanführung und Plot gestaltete Nilles in amerikanischem Englisch eine faszinierende musikalische Meta-Ebene, Reflexionen auf ein durchaus ambivalentes Amerika, seine durch Steinbeck meist tragisch besetzten Figuren und mit Tristesse behafteten Farmer, Soldaten, Huren und Glücksritter.

Die beklemmenden Songs von Stephanie Nilles („The Soldier and his Wife“, „Monster“, „Kate in the Haze of Rum“, „Jus’ Call Me Joe“, „The Gallows Tree, „On Salinas Row“), mit kratzig-rauchiger Stimme durch die Künstlerin vorgetragen, entwickeln sich im Hörspiel zu unheilvollen und zugleich verführerischen Ohrwürmern aus einem brüchigen amerikanischen Garten Eden zwischen Verheißung und Untergang. Kaum zufällig sind die meisten der drei- bis fünfminütigen Einschübe in düsterem Moll intoniert, Töne und Klänge, die eigentümlich touchieren und sich magisch-verstörend ins Ohr einschleichen.

Zu erwähnen ist in diesem Zusammenhang freilich auch der kleine superbe Trailer, den der NDR zu seinem Hörspielunternehmen produziert hat. Hier, in diesem zweiminütigen akustischen Appetizer, wird die Widmung, mit der Steinbeck das „Jenseits-von-Eden“-Manuskript an seinen Verleger und Freund „Pat“ (Pascal Covici) übergab, gewissermaßen als Vorschau auf den Roman und hier nun das Hörspiel zitiert: „Nun, hier ist das Kästchen. Ungefähr alles, was ich habe, ist darin, und es ist auch nicht voll. Leid und Aufschwung sind darin, gute Stimmungen und schlechte Stimmungen, böse Gedanken und gute Gedanken, die Lust des Planens, etwas Verzweiflung und die unbeschreibliche Freude des Schaffens. Und das Kästchen ist noch nicht voll.“ Dann folgt im Trailer das wunderbar seduktive Vibrato aus Stephanie Nilles’ Song „The Gallows Tree“, eine unwiderstehliche Einladung zu Steinbecks Radio-Œvre im NDR-Programm, die ein veritabler Hörspielfreund kaum ausschlagen kann.

Für „Jenseits von Eden“ in der Acht-Folgen-Version lag der wöchentliche lineare Ausstrahlungstermin im Programm NDR Kultur im Zeitraum zwischen dem 7. April und 19. Mai (mittwochs, 20.05 Uhr; einmal als zweiter Termin in der Woche auch an einem Donnerstag-Feiertag, 18.05 Uhr). Online steht das komplette Hörspiel bereits seit dem 1. April als Podcast zur Verfügung, hier dann verteilt auf 16 Folgen von rund 35 Minuten Länge. Angeblich sind ja die Hörgewohnheiten in diesem Bereich anders; aber hier gilt dann auch wieder mal die Quantitätsdevise: je mehr Folgen, desto mehr Klicks. Und Mitte September wird die Hörspielversion von „Jenseits von Eden“ als CD-Edition im Münchner Hörverlag erscheinen.

22.05.2021 – Christian Hörburger/MK

Print-Ausgabe 19-20/2021

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