Johannes Müller/Philine Rinnert: Im weißen Rössl am Central Park (in schlechtem Deutsch und ebensolchem Englisch) (Deutschlandfunk Kultur)

Alte Heimat und neue Welt

22.06.2021 •

Da herrscht nun seit Jahrzehnten die Ansicht vor, die Operette sei tot. Mausetot. Aber es ist wohl so ähnlich wie beim König: „Der König ist tot. Es lebe der König.“

Und das geht über die Frage hinaus, ob das Musical eine eigenständige, autochthone amerikanische Schöpfung sei oder eher eine Art illegitimes Kind der Operette Wiener Prägung. Es geht vielmehr darum, ob eine Kreation, deren vielfältige Urheber und Darsteller verjagt oder umgebracht worden sind, quasi wieder auferstehen kann.

Zwei junge Berliner Theatermacher, Johannes Müller (Regisseur) und Philine Rinnert (Bühnenbildnerin), haben sich bereits vor mehr als zehn Jahren darangemacht, diese Frage zu beantworten und – wenigstens teilweise – die Lösung zu schultern. Ihre Arbeiten mit klassischer Musik und popkulturellen Artefakten gaben ihnen eine anregende Plattform, um ihrerseits eine Subspezies zu entwickeln, die sie „Musiktheater-Hybride“ nennen. Ein etwas akademisch farbloser Begriff, dem sie aber mit ihrer Paraphrase zum „Weißen Rößl am Wolfgangsee“ mit spielerischen und ernsthaften Inhalten gleichermaßen eine Vitalkur mit überzeugender Wirksamkeit geben.

Vorbild ist Ralph Benatzkys Kassenschlager „Im weißen Rößl“ von 1930. Handlungsort des Stücks ist bekanntlich das Hotel dieses Namens am Wolfgangsee. Diverse Librettisten verhalfen dem schmissigen und ohrenschmeichlerischen Singspiel zu einem – so Benatzky –überraschenden Erfolg, der die vielen Wiener und Berliner Operetten regelrecht in den Schatten stellte. Nachdem der ungebrochen fortschreitende Nationalsozialismus solchen „undeutschen Lustbarkeiten“ den Kragen abgedreht und deren Urheber eliminiert hatte, macht sich der damals noch kaum bekannte Komponist und Texter Jimmy Berg in New York 1939 an eine an Ort und Zeit angepasste Version, die er im Emigranten-„Café Vienna“ nahe dem Central Park zur Aufführung brachte.

Musikalisch fand der Komponist Berg, der als Symson Weinberg 1909 in der Westukraine geboren wurde, eine eigene Sprache, die von Benatzky eher wegdrehte und in Richtung der Comedian Harmonists ging. In den Texten – naturgemäß ganz anders als in Benatzkys Zuckerbäckercafé – schimmert immer wieder unüberhörbar das Schicksal und Elend der Emigranten durch. Oft mit ätzendem Ton, doch immer mit Witz und Humor. Berg gab seiner in Amerika entstandenen Version von „Im weißen Rößl“ den Titel „Das Weisse Rössl am Central Park – in schlechtem Deutsch und ebensolchem Englisch“ und zugleich versah er seine Fassung mit dem englischen Titel „The White Horse Rides Again“.

Ein Riesenerfolg wurde es wohl nicht. Für New Yorker kam dies alles von einem anderen Stern (den sie nun auch nicht besonders liebten), für die Emigranten war es Erinnerung an Verlorenes, aber auch an etwas, vor dem sie geflohen waren und woran sie zu jener Zeit nicht erinnert werden wollten – auf keinen Fall so kurz nach dem Verlust der Heimat und allem, was damit zusammenhing.

Philine Rinnert und Johannes Müller erhielten Zugang zum Nachlass von Jimmy Berg (1909-1988) und zu anderen Archiven, so dass nun auch sie eine Metamorphose des ursprünglichen Massenerfolgs gestalten konnten. Im großen und ganzen ist dieses Amalgam unter dem kombinatorischen Titel „Im weißen Rössl am Central Park (in schlechtem Deutsch und ebensolchem Englisch)“ in das Gefäß der Dokumentation gegossen. Es verlässt jedoch immer wieder souverän die Enge der Gattung und spielt sich unbekümmert in eine eigene Welt der Unterhaltung mit unüberhörbaren politischen Elementen. Diverse musikalische und sprachliche Stilmittel, machen das Ganze charmant – manchmal aber auch ätzend und bissig, gelegentlich wehmütig. Durchaus eine Mixtur, die süchtig machen kann. Dazu kommen noch Interviews, darunter eines mit Jimmy Berg von Mimi Grossberg, beide unverkennbar österreichischer Herkunft, in einer Diktion, die viel weiter zurückzuliegen scheint als die Aufnahme von 1976 nahelegt. Die Interviewerin ist gleichermaßen liebenswürdig wie leicht verschroben; man war damals doch bereits viel zupackender, investigativer.

Dass die Berliner Senatsverwaltung für Kultur und Europa diese Produktion unterstützt hat, ist begrüßenswert, zumal es sich hier um eine Autorenproduktion handelt – in Zusammenarbeit mit dem freien Theater „Sophiensæle“ in Berlin –, die für Deutschlandfunk Kultur aufgezeichnet wurde. Eine Kooperation von Bühne und Radio, bei der das Radio seine Stärken zeigen kann. Seine Phantasie setzt auf Klang, auf Melodie, Witz und Pause. Optische Illustration ist völlig obsolet. Man genießt diese knappe Stunde überlegter, intelligenter Unter­haltung und fragt sich gelegentlich, ob die alte Operette nicht doch noch einmal in völlig anderem Gewand für eine kurze, kurzweilige Zeit wieder auferstanden ist. Und wer immer meint, bei Anwendung des Gattungsbegriffs Operette ein 68-haftes Grausen kriegen zu müssen, kann sich hier davon überzeugen lassen, dass das Alte neuer sein kann als vieles Neue. (Das Stück steht im Online-Angebot von Deutschlandfunk Kultur weiterhin zum Abruf bereit.)

22.06.2021 – Angela di Ciriaco-Sussdorff/MK

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