Jörg-Uwe Albig: Zornfried. In zwei Teilen ausgestrahltes Hörspiel nach dem gleichnamigen Kurzroman, Bearbeitung: Hannah Georgi (WDR 3)

Tod unter Gurken

28.12.2019 •

Wenn die Musik die Bilder retten muss, ist beim Film meist etwas schiefgegangen. Beim Hörspiel ist das ähnlich, nur dass es da meist nichts hilft, weil auch der beste Soundtrack verkorkste Worte nicht retten kann. Wenn man es aber mit vorsätzlich schlechten Gedichten zu tun hat, bei denen sich eine breitschultrige Musik immer absichtsvoll in den Vordergrund drängt, dann handelt es sich offensichtlich um ein Stück, das um die Regeln und Mechanismen des Genres weiß und sie deshalb ausdehnen und brechen kann. Das Hörspiel „Zornfried“ nach dem gleichnamigen Kurzroman von Jörg-Uwe Albig ist so ein Stück, das durch die Regie der WDR-Dramaturgin Hannah Georgi eine Form gefunden hat, in der die Musik als kommentierende Instanz dem Text immer wieder gekonnt ins Wort fällt.

Die Handlung ist recht übersichtlich. Jan Brock (Christoph Bach), Kulturjournalist bei den „Nachrichten“, einer überregionalen Tageszeitung, die im Roman „Frankfurter Nachrichten“ heißt, begegnet anlässlich einer Podiumsdiskussion, die von einer rechten Aktionsgruppe gesprengt wird, den Versen von Storm Linné. Der „versorgt die neue intellektuelle Rechte mit national gesinnter Lyrik – in Kleinschreibung, fast wie die Kassiber der RAF“, sagt Brock. Linnés Verse klingen zum Beispiel so: „Wo knochen-saat in reicher erde sprießt / Wo wille rotes fleisch mit leben lädt / Wo echtes blut in satte reben schießt / Und mann für heim und herd im wetter steht / Da wächst der wald den niemand wachsen sah.“

Ein launiger Verriss über derlei Lyrik ist schnell geschrieben, was Brock auf ziemlich bedrohliche Weise eine Einladung auf die Burg Zornfried beim Dörfchen Wuthen im Spessart einbringt. Dort residiert Hartmut Freiherr von Schierling (Wilfried Hochholdinger) und steht für eine Homestory mit Dichter zur Verfügung. Außerdem trainieren dort die „W-Bubis“, wie der Journalist sie nennt, weil sie T-Shirts mit einem gelben W auf schwarzem Grund tragen. Wofür das W stehe, fragt Brock. „Suchen Sie sich was aus“, wird im geantwortet: „Wir. Wachsam. Waffen. Wölfe. Widerstand. Oder: Waldgänger.“

Nur wenig verklausuliert erkennt man in diesen Bubis die reale „Identitäre Bewegung“, nur dass die im Hörspiel (wie im Roman) statt des altgriechischen Buchstabens Lambda das neulateinische W aus Ernst Jüngers 1951 erschienenem Essay „Der Waldgang“ zum Logo gewählt haben. Das fiktive Dorf Wuthen hat Ähnlichkeit mit dem realen sachsen-anhaltinischen Ort Schnellroda, wo der neurechte Verleger Götz Kubitschek und seine Frau Ellen Kositza auf ihrem „Rittergut“ die Angstlust des Feuilletons füttern.

Auf Burg Zornfried lernt Jan Brock dann endlich Storm Linné (Frank Musekamp) kennen. Schon im Namen ein Amalgam aus dem norddeutschen Heimatdichter Theodor Storm und dem schwedischen Naturforscher und Taxonomen Carl von Linné, der noch mit einem Bein im tiefsten Mittelalter stand, wie man Frieder Butzmanns Hörspiel „Göttliche Vergeltung“ (vgl. FK-Kritik) entnehmen konnte. In Persona ist Storm Linné, wie Brock, der auch als Erzähler fungiert, erleichtert feststellt, „eine Enttäuschung. Und auch der spätere Tod des Dichters unter einer Gurkenmaske hat wenig Heroisches – in seiner lyrischen Überhöhung aber sehr viel Komisches.

Aussagekräftige Eigennamen und die sehr genau parodierte Lyrik sind die offensichtlichsten Zeichen, dass es sich bei Jörg-Uwe Albigs Stück um eine Satire handelt. Eine Satire auf das neurechte Fühlen wie auch auf den Medienbetrieb, der sich davon faszinieren lässt. Das ist nicht nur lustig und irgendwann schwant das auch Jan Brock, dem es dann auch nicht mehr gelingt die schwülstigen Gedichte Linnés komisch zu finden. Unter anderem weil darin biologistische Ideologeme mit rechten Opferkulten vermischt werden. So sei der Wald nur deshalb so prächtig, weil es tote Bäume gebe, die sich fürs Ganze geopfert hätten: „Wir marschieren über Leichen. Dieser Wald ist auf Kadavern gebaut“, belehrt von Schierling den Journalisten und erklärt seine Maxime: „Ich will hier keinen kommunistischen Fichtenstaat. Ich will eine Gemeinschaft aus herrschenden und dienenden Bäumen.“

Im Wald halten denn auch die identitären „W-Bubis“ ihre Übungen ab und singen ein Lied, dessen Refrain einst zum Titel eines Liederbuchs der Hitler-Jugend wurde: „Uns geht die Sonne nicht unter“. Der Sound des Hörspiels wird wesentlich von der ‘filmmusikalisch‘, also in emotionalisierender und dienender Funktion eingesetzten Musik bestimmt. Einer Musik mithin, die einerseits den Inhalt verstärken, aber dabei gleichzeitig vergessen werden soll. Hannah Georgis Inszenierung widerspricht dieser vordergründigen Vorstellung und akzentuiert immer wieder den Eigenwert der Musik, worauf in der Abmoderation explizit verwiesen wird, wenn es dort heißt: „Mit symphonischer Musik von Sympathisanten des Nazi-Regimes oder deren Ideologie“. Der Begriff des Sympathisanten ist dabei weit ausgedehnt und reicht von Liszt und Sibelius bis hin zu den einschlägig Verdächtigen Richard Wagner, Richard Strauss, Carl Orff und Werner Egk.

Man solle die Bücher Linnés lesen, hat Jan Brock in seiner Rezension geschrieben, damit man später nicht sagen müsse, man habe von nichts gewusst, denn: „Es hat keinen Sinn, an der Gegensprechanlage abzuweisen, was längst vor der Wohnungstür steht.“ Jörg-Uwe Albig hat die neurechten Denkfiguren elegant abgefertigt und Hannah Georgi hat dafür eine überzeugende Form gefunden, die den Text um eine hörspielerische Dimension erweitert. Schade nur, dass wegen der Hörfunkprogrammpolitik des WDR, die werktäglich nur Halbstunden-Formate vorsieht, dieses Hörspiel in zwei Teilen ausgestrahlt werden musste.

28.12.2019 – Jochen Meißner/MK

Print-Ausgabe 3/2020

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