Joël Dicker: Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert. 3-teiliges Kriminalhörspiel (NDR Info)

Rösselsprung durch die Verschachtelungen

02.11.2015 •

02.11.2015 • Ein Schriftsteller, der nicht weiß, worüber er schreiben soll, schreibt über einen Schriftsteller, der nicht weiß, worüber er schreiben soll. Die Idee ist zwar nicht gerade neu, hat in der Geschichte der Literatur aber schon oft funktioniert. So auch diesmal: In – pardon! – Paul-Temple-Manier ruft der Autor Harry Quebert den jungen Schriftstellerkollegen Marcus Goldman um Hilfe an. Quebert, ehemaliger Literaturprofessor von Goldman, ist in einen Mordfall verwickelt, bei dem seine Schuld zweifelsfrei festzustehen scheint. Er sitzt deshalb sogar bereits in Haft. Goldman, der mit seinem ersten Roman gleich einen Bestseller landete und nun unter einer Schreibblockade leidet, setzt sich also in Bewegung, um die Umstände des Falls zu recherchieren – er glaubt an die Unschuld des von ihm bewunderten Literaturprofessors. Und bei seinen Nachforschungen auf eige­ne Faust stößt unser Mann schon bald auf allerlei Ungeklärtes und reichlich Ungereimtheiten; Ort des Geschehens ist die US-amerikanische Ostküste.

Was sich da – anfangs etwas träge – entwickelt, ist allerdings weit entfernt von der schlichten Einfachheit der Paul-Temple-Welt, trägt eher Elemente, wie wir sie aus David Lynchs Fernsehserie „Twin Peaks“ kennen. Um den Wahrheiten hinter den Wahrheiten auf die Schliche zu kommen, muss nämlich eine ganze Kleinstadt in Gegenwart und Vergangenheit umgegraben werden, betroffen sind die kleinen Leute ebenso wie die Honoratioren. Die Konstruktion der Recherche ist sicher die auffälligste Besonderheit des dreiteiligen NDR-Kriminalhörspiels „Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert“ von Joël Dicker.

Die Geschichte als solche wird erst einmal von einem Ich-Erzähler transportiert, von Marcus Goldman, der seine Erlebnisse aufzeichnet und der mal direkt (als betroffenes Subjekt), mal über seine Verschriftlichung des Geschehens (in der Rolle des eher neutralen Beobachters) zu hören ist. Bei seinen Recherchen trifft er auf Personen, die von Vergangenem erzählen, wobei auch in deren Ausführungen nicht selten Personen vorkommen, die ihrerseits etwas zu erzählen haben. Schnell sind wir bei Rückblenden in Rückblenden, bei drei Erzählverschachtelungen, die – wie im Hörspiel gerne praktiziert – von den jeweiligen Erzählern gerahmt, im Wesentlichen aber dialogisch ausgeführt werden.

Den Rösselsprung durch diese Verschachtelungen im Hörspiel ansprechend und verständlich aufzubereiten, darf als echte Herausforderung angesehen werden. Regisseur Leonhard Koppelmann ist dies hier ganz hervorragend gelungen: Die Mischung von Erzähl- und Dialoganteilen harmoniert, weder verliert der Hörer die Orientierung noch leidet der Spannungsbogen. Charismatische Sprecher erleichtern die Zuordnung, zum En­semble gehören neben den Hauptdarstellern Hans Löw (Marcus Goldman) und Gerd Wameling (Harry Quebert) Mitwirkende wie Christian Redl, Stefan Kaminski oder Victoria Trauttmansdorff, um nur einige Stars der rund dreißigköpfigen Darstellerriege zu nennen. Ansonsten wird mit allem gearbeitet, was das konventionelle Hörspiel so hergibt, von Geräuschen und Musikuntermalung über Bewegungseffekte bis hin zu Telefon- und Medienstimmen.

Der Schweizer Schriftsteller Joël Dicker erhielt für die 2012 in französischer Sprache erschienene (und 2013 von Carina von Enzenberg ins Deutsche übersetzte) Romanvorlage mehrere bedeutende Preise, darunter den Grand Prix du Roman der Académie Française. Neben den Auszeichnungen und dem kommerziellen Erfolg gab es reichlich Lob für das erzählerische Talent, die geschickte Dramaturgie, die gut eingefangene Kleinstadt-Atmosphäre und die überraschenden Wendungen, die allerdings erst durch die Inszenierung einiger Unwahrscheinlichkeiten möglich werden. Auch die bitterbösen Seitenhiebe auf den Literatur­betrieb wurden goutiert. Einen kleinen Punktabzug gab es jedoch für die ziemlich hölzerne Liebes­geschichte.

Bei den deutschen Rezensenten fand sich für das hierzulande im Piper-Verlag erschienene Buch mehrfach die Zuschreibung „Pageturner“, die einen Roman bezeichnet, bei dem man unbedingt noch die nächste Seite lesen muss, weshalb man ihn nicht mehr aus der Hand legen kann. Nun, bei Hörspielen entfällt das Blättern. Der Verständlichkeit wie dem Genuss könnte es aber zuträglich sein, die Folgen jeweils kurz nach der Ausstrahlung aus dem Web herunterzuladen und dann zeitnah hintereinander zu hören.

02.11.2015 – Andreas Matzdorf/MK

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