Jochen Meißner: Wer Ohren hat zu lesen. Über stumme und sprechende Buchstaben. Eine Alphabetisierungskampagne. Feature (SWR 2)

Wie das W nach Schweden kam

13.11.2015 •

Etwas in seinem Gesamtbild zu betrachten, ist immer eine gute Sache. Nur kann in dieser Überblicksperspektive auch leicht der Blick für wesentliche Details verlorengehen. Was schafft da Abhilfe? Der Perspektivwechsel!

In seinem Feature „Das Auge liest mit – Über Schrift und Schriften“ (SWR 2014) hatte Jochen Meißner – der auch Autor der MK ist – sich unter anderem mit den Fragen beschäftigt, was Lesen, Schreiben und Schrift ausmacht, ob Schrift von sich selbst spricht und wie politisch sie ist – Letzteres am Beispiel von der Fraktur und genderkorrekten Schreibeweisen. In seiner neuen Radioarbeit für den SWR hat Meißner nun sozusagen das Mikroskop auf vielfache Vergrößerung gestellt. Denn diesmal widmet er sich dem Alphabet, seinen (vielen verschiedenen) einzelnen Buchstaben in ihrer physischen Materialität und ihren klanglichen Repräsentationen.

Ein Stabreim ist hervorragend geeignet, einen einzelnen Buchstaben lautlich aus der Masse hervorzuheben, und so nimmt die 55-minütige Reise in die Welt der Buchstaben auf sprachlicher Ebene ihren Anfang mit einer ausgeklügelten Alliterationskette auf A. Inhaltlich widmet sie sich passenderweise ebenfalls dem Themenkreis Alphabet, sie stammt aus der preisgekrönten Masterarbeit „Letters & Loops“ der Designerin Cornelia Fränz. Sie ist (wie neben anderem etwa auch der Schriftsteller Gerhard Rühm) eine der interviewten Personen, die Jochen Meißner für sein Feature vor das Mikrofon geholt hat. Die ebenfalls als Designerin tätige Yuliana Gorkorov erläutert das von ihr entworfene Alphabet „Babel 2014“. Hier verschmelzen hebräisches, arabisches, kyrillisches und lateinisches Alphabet zu einer neuen Einheit. Und das ist mehr als nur ein künstlerischer Schritt hin zur Weltgesellschaft.

Denn all diese Alphabete haben ihren gemeinsamen Ursprung bei den Phöniziern, die um 1000 vor Christus die Alphabet-Schrift erfunden haben. Der historische Exkurs des Features bringt einen auch mit der Frage in Berührung, welche Buchstaben überhaupt Buchstaben sind. So wurde das W in Schweden überhaupt erst 2006 als Buchstabe anerkannt! Den Grund dafür erfährt man auch: Das W zählt zu den Ligaturen, also den Buchstaben, die durch Verschmelzung aus den Ursprungslettern des lateinischen Alphabets entstanden sind (so hat sich das W aus einem Doppel-V entwickelt).

Neben dem Informationswert setzt „Wer Ohren hat zu lesen“ auch auf einen hohen Unterhaltungswert. Für den sorgt beispielsweise der unter der Arbeitsbezeichnung „Crachmacheur“ agierende Komponist und Hörspielmacher Frieder Butzmann. Ihn bekommt man mit dem extravagant intonierten „Grimassenalphabet“ zu hören, das er für die expressionistische Tänzerin Valeska Gert entwickelt hat. Das Z zum Beispiel klingt bei ihm nach einem Luftballon, der seine letzte Puste verliert – sehr lustig und radiophon. Den Erfahrungsberichten des Setzers und Druckers Martin Z. Schröder – wie etwa den über vor Farbe schmatzende Lettern – lauscht man wie Beschreibungen für Soundeffekte in einem Hörspielskript, was sich im Feature selbst wiederum wie die indirekte Anwendung von Soundeffekten auswirkt.

Ein Großteil von Meißners Stück handelt auch von der Sonderbehandlung einzelner Buchstaben in der Literatur. Im Zuge dessen wird man noch einmal in Berührung gebracht mit der Laut- und Buchstabenmalerei in den beiden preisgekrönten Hörspielen „Ickelsamers Alphabet“ (SR/Deutschlandradio Kultur; vgl. FK-Kritik) und „Hugo Wolf und drei Grazien, letzter Akt“ (WDR/HR; vgl. MK-Kritik); dazu hört man die Personen, die diese Stücke schrieben, Katharina Bihler vom Liquid Penguin Ensemble und Gerhard Rühm. Die mit selbstgewählten, oft einzelne Buchstaben betreffenden Restriktionen arbeitenden Schriftsteller der Vereinigung Oulipo kommen natürlich auch nicht zu kurz.

Die eigentliche Aufgabe diese Features ist die im Titel erwähnte „Alphabetisierungskampagne“. Was damit gemeint sein könnte, erläutert Cornelia Fränz, wenn sie auf das Verhältnis von Textur und Textualität zu sprechen kommt. Bei üblichem Textgebrauch geht die Beschaffenheit eines Buchstabens im allgemeinen Lesefluss unter, zu Gunsten der Textualität. Barbara Dechant und Anja Schulze dekontextualisieren im Buchstabenmuseum Berlin gegen diese undemokratische Nichtbeachtung des individuellen Buchstabens Firmenschilder, Leuchtreklame und andere Riesenschriftzüge. Alles im Dienst der Befreiung des Buchstabenindividuums.

Meißners Feature schlägt in dieselbe Kerbe. Das zeigt etwa die Wahl der eröffnenden und schließenden Stilmittel, die eine dramaturgische Demokratisierung erkennen lässt. Ordnet sich im Stabreim alles Schrift- und Sprachgeschehen einem einzigen Buchstaben unter, ist bei den Mutationen eines Anagramms jeder Buchstabe beizubehalten und damit gleich viel wert – gleiches ‘Stimmrecht’ für alle. So endet „Wer Ohren hat zu hören“ mit einem Anagramm-Gedicht des für das Stück verantwortlichen Redakteurs Stephan Krass. Bei diesem Radiofeature handelt es sich übrigens um einen „Grower“; man sollte sich also ruhig Ohren, Zeit und Aufmerksamkeit nehmen, es im Online-Angebot des SWR, wo es weiterhin abrufbar ist, mehrmals nachzuhören.

13.11.2015 – Rafik Will/MK

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