Joachim Zelter: Die Sendung. Mundarthörspiel (SWR 4 Baden‑Württemberg)

Zauberei auf dem Sender

04.03.2016 •

Das Pre-Listening des neuen Hörspiels „Die Sendung“ von Joachim Zelter, dem Tübinger Lokaldichter mit badischen Wurzeln, fand am 1. Februar im kuscheligen „Zimmertheater“ der Hölderlin-Metropole statt. Hier, ummauert vom historischen Kellergewölbe mit hoher Luftfeuchtigkeit, bekommt jede radiophone Welturaufführung ihren besonderen Charme. Das Landesstudio Tübingen des Südwestrundfunks (SWR) lädt in Zusammenarbeit mit „Zimmertheater“-Chef Axel Krauße und der SWR-Mundarthörspiel-Chefin Christel Freitag immer wieder zu einem solchen akustischen Festakt ein. Das Schöne: Sprecher, Schauspieler, Komponisten und Autoren können vom dankbaren Publikum hautnah befragt werden, was es mit der Hörspielkunst auf sich habe. Wie etwa gestaltet sich in der Hörspielpraxis die Suche nach dem passenden Hundegebell? Oder: Welche Herausforderungen hat die Tontechnik zu meistern, wenn es gilt, zeitgemäßes Musikmaterial in das Hörgeschehen zu integrieren?

Der Autor Joachim Zelter hat für den Mundarthörspiel-Sendeplatz des Programms SWR 4 Baden-Württemberg schon manches gute Stück geschrieben („Die Stadtführung“, 2002; „Torturen“, 2006; „Heimkehr“, 2007; „Der Ministerpräsident“, 2011). Diesmal hat ihm die Regie von Christel Freitag auch die Hauptrolle in seinem eigenen Hörspiel übertragen, ein Kuriosum, das nicht nur die Anfahrtskosten gesenkt haben dürfte. Joachim Zelter spricht und mimt im knapp 40-minütigen Hörspiel „Die Sendung“ einen schrägen Schriftsteller und Literaten, den eine Hörfunkstation namens Radio Südwest (RSW) zu einer Literatursendung eingeladen hat. Natürlich geht alles drunter und drüber und schon die Vorbereitungen für die Lesung aus der „Lehrer-Schüler-Novelle“ sind mit allerlei medialen Pannen und technischen Querschüssen gespickt.

Hinzu kommt, dass dem Dichter vor dem Mikrofon eine veritable S-Schwäche nachgesagt werden muss. Zu allem Übel wird der gesamte Sendeablauf bei Radio Südwest über den Haufen geworfen, weil gerade Baden-Württembergs Ministerpräsident zurückgetreten ist. Der Dichter Joachim Zelter kann demzufolge seine Lesung gar nicht abhalten, weil ihm die höheren politischen Mächte aus der Landeshauptstadt Stuttgart dazwischenfunken. Gleichwohl gibt der befragte Dichter ein Statement zu dem Rücktritt ab, und das in englischer Hochsprache: „A sad blow. A terrible loss. A resignation entirely out of the blue. I am quite shaken and flabbergasted. What a great Prime Minister. Never have so many people owed so much to such a Prime Minister.“

Kurz und gut: Die Zauberei auf dem Sender war eine totale, bei der übrigens auch der echte Hausmeister des SWR-Landesstudios Tübingen, Volker Niedhammer – endlich eine Stimme mit handfester schwäbischer Tingierung –, zu Wort kommen durfte. (Auch dieser Auftritt war sicher ein kluger Beitrag zur Senkung der Produktionskosten.) Für ein Samstagabend-Späßchen auf SWR 4 mochte die brav gestrickte Burleske angehen. Auch das liebe und artige Publikum bei der Welturaufführung in der Tübinger Katakombe schien allenthalben beglückt und hatte den unschätzbaren Vorteil, dass es die Hörerfahrungen nachher bei einem Gläschen Wein – den das unbestechliche schwäbische Landesstudio freilich nicht spendierte – austauschen konnte. Schwerer hatten es da freilich die Hörer am 20. Februar, als „Die Sendung“ ausgestrahlt wurde. Sie mussten als solitäre Radiohörer sich an diesem Samstagabend etwa damit abfinden, dass gleichzeitig Florian Silbereisen im Ersten Fernsehprogramm mit seinem „Glückwunschfest“ ihnen entgangen ist, jedenfalls zu einem großen Teil.

04.03.2016 – Christian Hörburger/MK