Jens Rachut: Die Königin von Polen (WDR 3)

Der Eskapismus des Bäckers

14.09.2020 •

Wer den Titel von Jens Rachuts neuem Hörspiel liest oder hört, dem könnte es so gehen, dass er bei „Die Königin von Polen“ vielleicht unwillkürlich an den bekannten Rio-Reiser-Song „König von Deutschland“ denken muss. Ob beides durch mehr verbunden ist, als durch eine flüchtige Assoziation?

Bei etwas so Ungewöhnlichem wie der neuen Hörfunkarbeit des Musikers, Schauspielers und Autors Jens Rachut – einem geradezu märchenhaft chaotischen Stück – fängt man am besten ganz am Anfang an. Zu Beginn hört man eine dudelnde Melodie mit Warteschleifencharakter, in die ein jähes Telefonklingeln hineinschrillt. Das ist sprachfrei, aber trotzdem eine passende Zusammenfassung der Ausgangssituation, in der sich die Hauptfigur befindet. Bei der handelt es sich nicht um die titelgebende Königin von Polen, sondern um Konditor Paddel (gesprochen von Jonas Hien). Der steckt tief in seinem gleichförmig wie eine Warteschleife dahinplätschernden Alltagsleben. Veränderung kommt nur von außen. Etwa durch einen Telefonanruf – und jetzt kommt sie ins Spiel – der angeblichen Königin von Polen, in dem diese eine 16 Meter hohe Hochzeitstorte aus erlesensten Zutaten ordert.

Während Paddels Freundin Kathi (Ute Hannig) am Auftrag und der Existenz der Auftraggeberin zweifelt und eher an einen Scherz glaubt, steigt der als naiv gezeichnete Konditor mit voller Begeisterung auf die Anfrage ein. Er hält gutgläubig daran fest, dass er von der polnischen Königin angerufen wurde, und macht sich munter ans Werk, deren Bestellung zu erfüllen.

Etwaige Kritik wegen konstruiert wirkender Plot-Bastelei nimmt der Text hier gleich selbst vorweg. Kathi mokiert sich über das treudoofe Verhalten ihres Freundes und äußert an einer Stelle: „Ach, komm, hör auf mit dem Stuss! Ich fall immer wieder drauf rein. Jedes Mal wieder so ’ne Story, die gut anfängt, aber schnell irgendwo im Matsch ertrinkt. Guter Start, bloß nie bis zu Ende durchgezogen. Als wenn zwei Ziegel Tango tanzen.“

Abgesehen von der Metaebene skizziert dieser Wutausbruch den Konditor Paddel als zu jedem Blödsinn ernsthaft bereiten Eskapisten. Für Eskapismus bestehen allerdings auch gute Gründe, die hier in Form von immer näher an die Bäckerei gebauten Hochhäusern manifest werden. Die vermeintliche Sicherheit der beschaulichen Backstube bröckelt. Außerdem entspricht die weitgehend ausgestorbene Staatsform der Monarchie in gewisser Weise Paddels Leidenschaft für ein aussterbendes altes Handwerk und verdeutlicht seine Angst vor der um sich greifenden Änderung der Lebensstrukturen.

Der Eskapismus des Bäckers ist allerdings einer der fremdbestimmten Art. Während Rio Reisers Song „König von Deutschland“ das überspitzte Beschreiben eines Tagtraums von souveräner Selbstermächtigung und Erhebung über bestehende Machtstrukturen war, zeigt Rachuts Paddel Untertanengeist, indem er einen fremden, angeblich adeligen Traum zu seinem eigenen erklärt. Die Figur der Königin von Polen hat außer für Paddel keinerlei Identifikationspotenzial und bleibt ein flüchtiges Phantom, das nicht weiter in Erscheinung tritt.

Die Geister von Toten werden hingegen in die Handlung eingebunden. Denn neben einem als Hobbyforscher in Sachen Darmtätigkeit aktiven Nachbarn (Jens Rachut) mischt auch Sarina (Sandra Gerling), die tote Ex-Frau von Paddel, in der Konditorei mit. Schließlich soll die Torte laut Bestellung so gut sein, dass sie auch Geistern schmeckt.

Es endet, wie es enden muss: Bei der Ankunft in der an der Ostsee gelegenen polnischen Stadt Sopot, wohin die Torte geordert wurde, ist keine Königin weit und breit in Sicht. Das für den Transport rekrutierte Team aus Vietnamkriegsveteranen zerstreut sich, Horden von Menschen essen die Torte auf und der Rest schmilzt in der Sonne. Paddel zieht sich ins Schilf zurück, erzählerisch mitleidsvoll ins Bild gesetzt von Kathi, die als Letzte geht. Der ganze Klamauk nimmt also ein trauriges Ende. Die schwermütige Atmosphäre wird zum Schluss noch auf die Spitze getrieben mit einem von Thomas Knispel gesungenen Lied, dessen letzte Zeilen nur aus der Wiederholung der Frage „Kann das denn sein?“ bestehen.

So folgt auf den wahnhaften Rausch, der sich auch soundtechnisch mit allerlei lustigen Furz- und Explosionsgeräuschen vermittelt, der gnadenlose Absturz. Ein Hinweis darauf, dass die Komödie „Die Königin von Polen“ mehr ist als nur ein kurzweiliger Hörspielspaß. Jens Rachut führte bei der rund halbstündigen WDR-Produktion auch Regie (Dramaturgie: Isabel Platthaus), die technische Realisation übernahm Peta Devlin. (Im „Hörspielspeicher“ des WDR steht das Stück für ein Jahr online zum Anhören bereit.)

14.09.2020 – Rafik Will/MK

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